Zwischen Angst und Ärger: Donald Trumps Abkommen mit Iran kommt am Golf nicht gut anViele der Petromonarchien hatten offen oder heimlich auf einen Regimewechsel in Teheran gehofft. Nun müssen sie sich mit den neuen iranischen Machthabern arrangieren und für die Zukunft vorsorgen.29.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDer amerikanische Aussenminister Marco Rubio (l) zu Besuch in den Vereinigten Arabischen Emiraten. In der Stammesföderation kam Donald Trumps Abkommen mit Iran zuerst nicht gut an.Eric Lee / ReutersWie ein riesiges Schiff aus Beton mit weissen Segeln liegt das Zayed National Museum auf der Insel Saadiyat vor der Küste von Abu Dhabi. Jahrelang war an dem vom Stararchitekten Norman Foster entworfenen Prestigebau gebaut worden. Emir Mohammed bin Zayed hatte keine Mühe gescheut, um seinem Vater Scheich Zayed bin Sultan – dem Staatsgründer der Vereinigten Arabischen Emirate – ein Denkmal zu setzen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im letzten Dezember war das Museum in der Hauptstadt der Föderation dann in Anwesenheit des Herrschers höchstpersönlich eingeweiht worden. In riesigen, höhlenähnlichen Sälen huldigt es seither der Geschichte Abu Dhabis und seines Königshauses. Es zeichnet das Bild eines selbstbewussten, starken Landes, das voller Zuversicht in die Zukunft blickt.Kurz nach der Eröffnung der Luxus-Ahnengalerie wurde das scheinbar unerschütterliche Selbstbild der Vereinigten Arabischen Emirate jedoch auf eine harte Probe gestellt. Nachdem Anfang März Amerikaner und Israeli wie aus dem Nichts die Islamische Republik Iran angegriffen hatten, geriet Bin Zayeds zum Staat gewordene Fortschrittsutopie ins Kreuzfeuer.Teheran kommt ungestraft davonWochenlang griffen die Iraner die Emirate mit Drohnen und Raketen an. Doch nicht nur die mit Israel verbündete Stammesföderation bekam eine Breitseite ab. Auch in den anderen Golfstaaten gingen Geschosse nieder. In Kuwait und Bahrain beschädigten sie amerikanische Stützpunkte. In Saudiarabien wurden Militärflugplätze getroffen, aber auch die quer durchs Land führende Ölpipeline. Selbst im neutralen Katar brannten die Gasanlagen.Jetzt ist der Krieg – trotz erneuten Gefechten am Wochenende – zwar offiziell zu Ende. Für die gebeutelten Golfstaaten bedeutet dies jedoch sogleich den nächsten Schock. Denn der in der fernen Schweiz besiegelte 14-Punkte-Plan – der die Grundlage für einen Ausgleich zwischen Washington und Teheran bilden soll – ist nicht das, was sie sich erhofft hatten. Im Gegenteil: Laut dem Abkommen steht der Iran sogar noch stärker da als zuvor.Teheran konnte nicht nur ungestraft Drohnen und Raketen auf seine Nachbarn abschiessen. Es verlangt sogar, die Kontrolle über die Strasse von Hormuz zu behalten und will in Zukunft für die Durchfahrt Geld verlangen. Die Meerenge ist für die Golfstaaten überlebenswichtig. Durch sie exportieren die Monarchien ihr Öl und Gas, welches in den meisten der knochentrockenen Wüstenstaaten bis heute die Quelle des Reichtums darstellt.Vor allem für die Vereinigten Arabischen Emirate ist Trumps Zustimmung zu dem Abkommen eine Enttäuschung. «Natürlich war die Unzufriedenheit hier am Anfang gross», sagt Nadim Koteich, ein Medienmanager und Politikberater, der weiss, wie die Führung tickt. «Jetzt kommt es darauf an, wie das Abkommen umgesetzt wird.» Koteich sitzt in seinem sonnendurchfluteten Haus am Rand von Abu Dhabi und trinkt Kaffee und Mineralwasser.Das Nationalmuseum in Abu Dhabi gleicht einem riesigen Segelschiff und soll Stärke und Zuversicht symbolisieren. Doch die Vereinigten Arabischen Emirate machen keine einfachen Zeiten durch.Yegor Aleyev / Imago«Wir sehen das inzwischen pragmatisch»Kein Land hatte sich so sehr exponiert wie die von Bin Zayed angeführten Emirate. Die Stammesföderation, die 2020 mit Israel Frieden geschlossen hatte, wurde deshalb von den Iranern besonders unter Beschuss genommen. Im Gegenzug feuerte Bin Zayed zurück und liess seine Luftwaffe Ziele im Nachbarland bombardieren. Gleichzeitig standen israelische Flugabwehrbatterien im Land und halfen bei der Verteidigung mit.Die Emirate machten während des Krieges kein Geheimnis daraus, dass sie einem Regimewechsel in Teheran nicht abgeneigt wären. Nun bleibt ihnen nichts übrig, als umzuschwenken. «Wir sehen das pragmatisch», sagt Koteich. Trump habe mehr getan als jeder andere Präsident, um Iran einzuhegen. Inzwischen streckt Abu Dhabi wieder die Fühler nach Teheran aus. Dass dabei, wie manche behaupten, Milliardenbeträge nach Iran flossen, verneinen die Emirate.Andere Länder haben den Schwenk früher vollzogen. Die Katarer waren bereits nach dem iranischen Grossangriff auf ihre Gasanlage von Ras Laffan im März mit ihrer Geduld am Ende und halfen mit, den Krieg durch Vermittlung zwischen Washington und Teheran zu beenden. Das Sultanat Oman war von Anfang an gegen den Krieg gewesen. Sogar die selbsternannte Grossmacht Saudiarabien, jahrzehntelang mit Iran verfeindet, drängte zuletzt auf einen Ausgleich.Bereits jetzt ist klar: Der Krieg hat in den Petromonarchien tiefe Spuren hinterlassen. Jahrelang wähnten sich die glitzernden Städte am Golf sicher vor den Kriegen und Krisen des Nahen Ostens. Nun explodierten über den Glastürmen Drohnen und Abfangraketen. Die selbstbewussten Zukunftsstaaten wirkten mit einem Mal wie auf Sand gebaut. Letzte Woche schickte Trump deshalb seinen Aussenminister Marco Rubio in die Region, um die Verbündeten zu beruhigen.Nur begrenzter Schutz durch AmerikaDie Herrscher am Golf wollen vor allem, dass die Strasse von Hormuz frei befahrbar bleibt. «Besonders Kuwait, Bahrain und Katar sind davon betroffen», sagt der in Dubai lebende Energieexperte Bashar al-Halabi. «Diese Länder exportieren all ihr Öl und Gas über den Seeweg und sind im schlimmsten Fall den Iranern ausgeliefert.» Saudiarabien und die Emirate haben es besser: Sie verfügen über Häfen jenseits der Strasse von Hormuz und können ihre Pipelines dorthin ausbauen.Doch nicht alles lässt sich umleiten. Halabis Wohnort Dubai beispielsweise gilt als die Wirtschaftshauptstadt am Golf. Im Hafen von Jebel Ali befindet sich der wichtigste Warenumschlagplatz der Region. Doch wegen der Hormuz-Blockade kam der Handel dort zum Erliegen. Dasselbe gilt für den internationalen Flughafen. Die dort beheimatete Fluggesellschaft Emirates versucht verzweifelt, Kunden mit Billigangeboten zurückzuholen.Noch düsterer sieht es in Saudiarabien aus. Riad hat aberwitzige Summen in Grossprojekte investiert, um zu einer Technologie-Macht der Zukunft zu werden, und richtet in acht Jahren die Fussball-WM aus. Chaos und Unsicherheit kann der Herrscher Mohammed bin Salman nicht gebrauchen. Dazu plagen ihn offenbar Liquiditätsengpässe. Manche Megaprojekte wie die futuristische Wüstenstadt Neom, wurden schon vor dem Krieg still und leise versenkt.Aber nicht nur wirtschaftlich, auch militärisch stellen sich Fragen. Zwar gelang es den reicheren Golfstaaten, sich gegen die iranischen Attacken zur Wehr zu setzen. Dennoch mussten die Petromonarchien erfahren, dass selbst die Supermacht Amerika ihnen keinen vollumfänglichen Schutz bieten kann. «Allerdings ist die Vorstellung kompletter Sicherheit in Zeiten günstiger Abstandswaffen illusorisch», sagt Fabian Hinz, einer der führenden Sicherheitsexperten für die Region.Saudiarabiens Kronprinz Mohammed bin Salman will sein Land umbauen und kann Krisen zurzeit überhaupt nicht gebrauchen. Auch deshalb ist er froh, dass der Iran-Krieg zu Ende ist.Handout . / REUTERS«Wir wussten, dass der Krieg kommen würde»Der Grund: Dank billigen Drohnen können auch Staaten wie Iran heutzutage effektive und präzise Luftangriffe ausführen. Hinz glaubt deshalb, dass die Golfstaaten in Zukunft mehr ins Militär investieren werden. «Neben Abwehrmassnahmen wird es auch um offensive Waffen gehen, zwecks Abschreckung.» Das führt schon jetzt zu neuen Sicherheitspartnerschaften – etwa mit Südkorea, der Ukraine oder Indien.Idealerweise, so Hinz, würden die Golfstaaten bei der Flugabwehr zusammenarbeiten. Nur so liesse sich strategische Tiefe erzielen. Doch das scheint ein frommer Wunsch. Zwar liess der Krieg Saudiarabien, die Emirate und Katar enger zusammenrücken. Die Gräben zwischen den Ländern kann die gemeinsame Gefahr aus Iran aber nicht zuschütten. So setzen Katar und Saudiarabien derzeit eher auf die Achse Türkei–Pakistan, während die Emirate enger an Israel herangerückt sind.Am Ende bleibt den Petrostaaten nicht viel anderes übrig, als sich den neuen Verhältnissen anzupassen. «Wir wussten ja, dass der Krieg möglicherweise irgendwann kommen würde», sagt Koteich in Abu Dhabi. «Wir haben die Feuertaufe bestanden. Unser Modell hat sich als widerstandsfähig erwiesen» Tatsächlich haben sich manche Untergangsszenarien bisher nicht bewahrheitet. So fand etwa die befürchtete Massenflucht von Menschen und Kapital aus Dubai nicht statt.Zwar sind die Autobahnen in der Metropole leerer als sonst. Die Taxifahrer sagen aber, das habe bloss mit der Saison zu tun: Im Sommer sei es immer ruhig wegen des heissen Wetters – das sei völlig normal. «Warum sollten wir von hier weggehen?», fragen ein paar junge Russen in einer überfüllten Bar im Geschäftszentrum Business Bay, wo auf den Fernsehern das WM-Spiel Frankreich–Norwegen zu sehen ist. «Woanders ist es ja auch nicht sicherer.»Passend zum Artikel
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