InterviewPost-Chef Pascal Grieder: «Mir geht es wie meinem Hund – der ist auch ungern an der Leine»Der neue Konzernleiter der Post hat es nicht einfach: Das Brief- und Schaltergeschäft bricht ein, jetzt will der Bundesrat auch noch die Aktivitäten der Post eingrenzen. Was tun also, um das Unternehmen auf Kurs zu bringen?29.06.2026, 05.31 Uhr8 Leseminuten«Wir müssen uns fragen, wie lange wir uns den Luxus der täglichen Zustellung noch leisten wollen»: Pascal Grieder, CEO der Post.Annick Ramp / NZZHerr Grieder, Sie sind jetzt seit gut einem halben Jahr Chef der Post. Was war Ihr grösster Kulturschock?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ich habe mich bei der Post schnell wohlgefühlt, vor allem wegen des Teams. Einen Kulturschock habe ich nicht erlebt, auch wenn die Gangart hier anders ist als in der Privatwirtschaft. Die Post ist ein grosser Staatskonzern, an den Politik, Öffentlichkeit und Verwaltung ganz unterschiedliche Ansprüche haben.Es war also für Sie nicht schwer, sich als Branchenfremder in das Postgeschäft mit seinen vielen Eigenheiten einzuarbeiten?Ich stecke ja noch mitten in der Einarbeitung. Und ganz einfach ist es nicht. Aus meiner Zeit als Berater bin ich es aber gewohnt, mich rasch in neue Branchen und Geschäftsmodelle hineinzudenken. Jedes Unternehmen ist besonders, aber gewisse Muster erkennt man überall wieder.Was Ihren Job schwierig macht: Die Post schrumpft – sowohl das Brief- als auch das Schaltergeschäft erodieren seit Jahren. Kann man das überhaupt aufhalten?Der Rückgang im Briefgeschäft tut weh, wir verlieren jedes Jahr rund 85 Millionen Franken Umsatz. Aber irgendwann wird das Wachstum im Paketgeschäft diese Verluste übertreffen. Dann haben wir nicht mehr Gegenwind, sondern Rückenwind. Mit anderen Worten: Wenn wir in einem wachsenden Markt weiterhin führend sind, steht die Post vor einer guten Zukunft.Warum muss die Post überhaupt wachsen? Wäre es nicht ehrlicher, sie kleiner zu denken? Andere Länder haben den physischen Postauftrag stark reduziert.Wir haben den Auftrag vom Eigner, Wert zu schaffen. In einem schrumpfenden Umfeld ist das kaum möglich. Wenn die Post kleiner wird, verliert sie an Bedeutung. Unser Anspruch ist aber, die hohe Relevanz der Post für die Schweiz zu erhalten. Darum wollen wir dort wachsen, wo es möglich ist.Um die wegbrechenden Erträge abzufedern, haben Sie bereits Preiserhöhungen angekündigt. Ist das wirklich nötig?In den letzten zehn Jahren ist das jährliche Briefvolumen um fast eine Milliarde gesunken. Das Problem dabei ist: Wenn wir bei der Post nur noch einen statt fünf Briefe austragen, bleiben unsere Kosten fast gleich, unser Umsatz sinkt jedoch. Das belastet direkt unsere Profitabilität. Darum sind Preiserhöhungen unumgänglich. Sie sind neben dem Wachstum in den bestehenden Märkten, der Senkung der internen Kosten und den Anpassungen bei der Grundversorgung ein entscheidender Hebel, damit wir eine ausgewogene Lösung finden – für die Bevölkerung, die Kunden und die Post.Ein schrumpfendes Unternehmen muss auch Stellen abbauen. Gilt das auch für die Post?Bei den Mitarbeitenden am Schalter, in der Zustellung oder hinter dem Steuer der Postautos sind keine Sparmassnahmen geplant. Wir wollen aber in den zentralen Funktionen Kosten senken, also im Overhead, im Management und in der Verwaltung. Dort müssen wir Personal abbauen.In welcher Grössenordnung?In der Summe sicher im dreistelligen Bereich. Eine konkrete Zahl kann ich Ihnen derzeit nicht nennen.Auf dem Prüfstand steht auch die tägliche Zustellung von Briefen und Paketen. Gehört das für Sie noch zum Kern des Service public?Das ist in erster Linie Sache der Politik. Gemäss dem neuen Postgesetz, das der Bundesrat gerade in die Vernehmlassung geschickt hat, werden Pakete und Zeitungen weiterhin an jedem Werktag zugestellt. Bei den Briefen ist das anders: Sinkt dort das Volumen markant und erhält jeder Schweizer weniger als alle drei Tage einen Brief, können wir beim Bundesrat den Antrag stellen, dass die Zustellung nicht mehr täglich erfolgen muss.Stehen Sie hinter dieser Reform?Ja, ich halte diesen Schwellenwert für vernünftig. Wir müssen uns fragen, wie lange wir uns den Luxus der täglichen Zustellung noch leisten wollen.Sie halten die tägliche Zustellung von Briefen für einen Luxus?Nicht, wenn viele Briefe verschickt werden. Dann ist die tägliche Zustellung selbstverständlich. Aber es gibt heute schon Leute, die ihren Briefkasten nur noch einmal pro Woche leeren. Wenn irgendwann eine Mehrheit so handelt, stellt sich schon die Frage, ob die tägliche Zustellung noch verhältnismässig ist. Dann wird sie tatsächlich zum Luxus.Wann wird der vom Bund vorgeschlagene Schwellenwert erreicht werden?Nach unseren heutigen Berechnungen etwa 2033 oder 2034. Selbst dann würde die Anpassung aber nicht sofort kommen: Zuerst müsste der Bundesrat unseren Antrag prüfen und gutheissen, und danach brauchten wir Zeit für die operative Umsetzung. Eine solche Umstellung lässt sich nicht von heute auf morgen machen. Deshalb ist es unwahrscheinlich, dass sie vor 2035 Realität würde.Der Post-Chef Pascal Grieder: «Der Rückgang im Briefgeschäft tut weh, wir verlieren jedes Jahr rund 85 Millionen Franken Umsatz.»Annick Ramp / NZZUnd wie lange wollen Sie noch an der A-Post festhalten?Das ist der heikelste Punkt. Wenn wir nur noch dreimal pro Woche Briefe vorbeibringen, dann gibt es auch keine günstige A-Post mehr. Es wird aber immer noch möglich sein, zeitkritische Briefe mit der täglichen Paketzustellung zu verschicken. In anderen Ländern sieht man bereits, dass der Anteil schnell ausgelieferter Briefe aufgrund der Digitalisierung stark zurückgeht. Eine reduzierte Zustellung hätte für die Post grosse organisatorische Vorteile: Wenn wir an einem Tag die eine Hälfte des Dorfes bedienen und am nächsten die andere, sind wir effizienter. Davon profitieren auch die Kunden.Wird die beste Post der Welt damit nicht zur Schneckenpost?Das Briefvolumen sinkt weltweit stark. Dieser Realität können wir uns nicht entziehen. Entscheidend ist, dass wir unsere hohe Qualität trotzdem halten. Zudem: Wir treiben diesen Abbau ja nicht aktiv voran, sondern passen uns dem Verhalten unserer Kunden an. Wenn die Schweiz weiterhin A-Post-Briefe verschickt und täglich erhalten will, werden wir unser Angebot nicht abbauen.Die Post will stattdessen den digitalen Brief forcieren. Warum soll ausgerechnet sie dieses Geschäft betreiben, wo es doch genügend private Anbieter gibt?Wenn die Post ihre Relevanz behalten will, muss sie auch in der digitalen Kommunikation eine Rolle spielen und eine entsprechende Plattform etablieren. Diese könnte mehr leisten als der klassische Brief: Verträge unterzeichnen, eingeschriebene Sendungen verwalten, Arztrezepte übermitteln oder an Volksabstimmungen teilnehmen. Für uns ist das die natürliche digitale Weiterentwicklung unseres Kerngeschäfts: Informationen sicher zu transportieren.Der digitale Brief ist doch ein Nischengeschäft. Bringt er Ihnen überhaupt nennenswerten Umsatz?Ja. Wir sind sehr glücklich mit dem Wachstum bei den digitalen Briefkästen. Mittlerweile nutzen sie gegen 600 000 Kundinnen und Kunden. Das Interesse ist also gross – bei den Privatkunden ebenso wie bei den Unternehmen und den Behörden.Die Kunden versenden nicht nur weniger Briefe, sie suchen auch selten die Postfilialen auf. Werden Sie die Zahl eigener Poststellen weiter reduzieren?Unsere Poststellen sind wichtig, dank ihnen können wir Präsenz zeigen. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht lohnen sie sich für uns aber nicht. Wenn Sie in eine Poststelle gehen und einen Brief abgeben, ist das für uns ein Minusgeschäft, weil unsere Kosten durch das Porto nicht gedeckt sind. Wir subventionieren die Grundversorgung jährlich mit 300 Millionen Franken, wovon ein Grossteil an die Filialen geht. Darum besteht Handlungsdruck.Was bedeutet das konkret?Heute haben wir ungefähr 700 eigene Poststellen und 1300 Partnerfilialen, zum Beispiel in Apotheken oder Lebensmittelgeschäften. Zusammen sind das 2000 Kontaktpunkte in der ganzen Schweiz. Diese Zahl wollen wir halten. Bis Ende 2028 werden es aber nur noch 600 eigene Poststellen und neu 1400 Partnerfilialen sein. Was danach kommt, haben wir noch nicht festgelegt. Wir möchten natürlich möglichst viele Filialen so betreiben, dass uns keine Verluste entstehen. Aber es ist klar, dass das nicht bei allen funktionieren wird.Könnte es in der Schweiz eines Tages gar keine klassischen Postfilialen mehr geben, so wie in anderen europäischen Ländern auch?In Europa gibt es im Wesentlichen zwei Modelle. Italien setzt weiterhin auf ein grosses Poststellennetz. Die Filialen sind dort wichtige Vertriebskanäle, etwa für Versicherungs- und Bankprodukte; damit ist die italienische Post sehr profitabel. Deutschland verfolgt ein anderes Modell: Dort arbeitet die Post fast ausschliesslich mit Partnern. Wir bevorzugen den italienischen Weg. Darum wollen wir zuerst versuchen, unsere Filialen stärker zu nutzen und wirtschaftlich tragfähig zu machen.Die Post baut eine Digitalsparte auf mit Angeboten wie KMU-Software oder verschlüsselten Cloud-Dienst Tresorit. Diese schreibt seit Jahren Verluste. Warum halten Sie an dieser Sparte fest?Wie gesagt: Die Post verliert im Stammgeschäft jedes Jahr 85 Millionen Franken an Umsatz. Diesen Ausfall wollen wir mit Wachstum in neuen Bereichen wettmachen. Wer ein Digitalgeschäft aufbaut, muss akzeptieren, dass nicht jeder Zukauf von Anfang an Gewinne abwirft.Heisst das, Sie wollen weiter IT-Firmen aufkaufen?Nur sehr gezielt. Insgesamt werden wir bei der Erschliessung neuer Geschäftsfelder oder dem Kauf neuer Firmen sehr defensiv sein. Wir setzen primär auf organisches Wachstum, also auf Wachstum in Bereichen, in denen wir schon präsent sind.Wir haben gehört, Sie hätten nach Ihrem Amtsantritt bei den Zukäufen der letzten Jahre gerne weitreichender ausgemistet, doch der Verwaltungsratspräsident Christian Levrat habe sein Veto eingelegt.Ich kommentiere keine Gerüchte. Was ich sagen kann: Wir prüfen regelmässig, ob wir für die zugekauften Unternehmen noch immer die besten Eigentümer sind.Dünnen Sie diese Geschäftssparte also aus?Wir haben soeben kommuniziert, dass wir uns aus dem elektronischen Patientendossier (EPD) zurückziehen, die Plattform einstellen und auf das elektronische Gesundheitsdossier E-GD fokussieren. Ob weitere Exits folgen, kann ich derzeit nicht sagen.Wenn Sie jetzt bei Firmenkäufen auf die Bremse treten: Wo können Sie dann künftig noch wachsen?Zum Beispiel im Bereich digitale Post und Cybersicherheit. Dort haben wir ein vielversprechendes Angebot, aber bisher zu wenig in den Vertrieb investiert. Das ändern wir jetzt. Im Portfolio der Post gibt es weitere solche Wachstumschancen.Ein neues Geschäft könnte auch entstehen, wenn die Politik der Postfinance den Zugang zum Kreditgeschäft und insbesondere zur lukrativen Vergabe von Hypotheken erlaubt. Werden Sie sich dafür einsetzen?Postfinance gehört zu den systemrelevanten Banken. Aufgrund des derzeit geltenden Kreditverbots sind wir jedoch gesetzlich gezwungen, das Geld unserer Kunden im Ausland anzulegen – etwa in dortige Infrastrukturprojekte. Als Bürger und als CEO ist das für mich schwer nachvollziehbar: Warum drängen wir unser eigenes Kapital ins Ausland?Was heisst das konkret?Wir wären bereit, hierzulande einen Beitrag zu leisten und das Kreditangebot für KMU auszubauen. Gerade durch die Übernahme der CS durch die UBS wurde das Angebot auf dem Bankenplatz drastisch reduziert. Mehr Wettbewerb würde dem Werkplatz Schweiz guttun.Der Bundesrat will der Post nur noch Tätigkeiten erlauben, die in direktem Zusammenhang mit ihrem Kerngeschäft stehen. Wie stark schränkt Sie das ein?Natürlich verlieren wir damit unternehmerische Freiheit. Mir geht es dabei wie meinem Hund: Der ist auch ungern an der Leine. Fakt ist aber: Den Weg, den wir jetzt eingeschlagen haben, können wir auch unter diesen Voraussetzungen gehen. Zumal wir nicht planen, weiter Firmen zu akquirieren, die nicht in Verbindung zu unserem Kerngeschäft stehen. Deshalb unterstützen wir den Vorschlag des Bundesrates.Ihr Vorgänger hat sich mit viel mehr Nachdruck gegen eine Einschränkung des Handlungsspielraums der Post gewehrt. Wollen Sie um jeden Preis vermeiden, Ihren Eigner zu verärgern?Natürlich fände ich die absolute unternehmerische Freiheit besser. Aber das ist in der Schweiz nicht mehrheitsfähig. Die Bevölkerung will die Kontrolle über die Post behalten, weil wir eine emotionale Marke und eine entscheidende Infrastruktur für dieses Land sind. Letztlich ist die Postreform des Bundesrats ein fairer Kompromiss, der den unterschiedlichen Interessengruppen Rechnung trägt. Damit können wir leben.Der Quereinsteigerdvp. Pascal Grieder ist seit November Konzernchef der Schweizerischen Post. Dem gebürtigen Basler fehlt der «Post-Stallgeruch», dafür bringt er viel Digital-Know-how mit. Fünf Jahre lang stand er an der Spitze des Telekom-Unternehmens Salt. Zuvor arbeitete der promovierte ETH-Ingenieur als Berater bei McKinsey. Grieder gilt als scharfer Analytiker, der auch unkonventionelle Wege nicht scheut.Passend zum Artikel
Postchef Pascal Grieder: «Wir müssen uns fragen, wie lange wir uns die tägliche Zustellung noch leisten wollen»
Der neue Konzernleiter der Post hat es nicht einfach: Das Brief- und Schaltergeschäft bricht ein, jetzt will der Bundesrat auch noch die Aktivitäten der Post eingrenzen. Was tun also, um das Unternehmen auf Kurs zu bringen?
Die Schweizer Post wird bis 2033/2034 tägliche Briefzustellung einstellen müssen; Briefvolumen schrumpft jährlich um 85 Mio. CHF. Das Beispiel veranschaulicht Business-Model-Disruption durch Digitalisierung – legacy-Infrastrukturen benötigen fundamentale Transformation oder verlieren strategische Bedeutung.






