Collien Fernandes, Moderatorin und SchauspielerinQuelle: picture alliance/dpa/Sebastian Christoph GollnowNach der jüngsten Gerichtsentscheidung im Fall Ulmen/Fernandes sieht sich die Moderatorin mit neuen Anfeindungen konfrontiert. Jetzt erklärt sie ihr persönliches „Worst Case“-Szenario – und welche „Täter-Strategie“ Ulmen mit seinem Anwalt zu fahren scheine.Die Hassnachrichten und Morddrohungen seien mehr geworden. „Aha, da ist ihr Lügengerüst wohl endlich zusammengefallen“, hieße es vielfach. Auch ein Großteil der Medien habe in ihrer Berichterstattung den Eindruck erweckt, zentrale Vorwürfe hätten zurückgenommen werden müssen – obwohl das nicht der Fall sei.Das belaste sie „wahnsinnig“, sagt Collien Fernandes bei einem Podiumsgespräch mit Christian Tretbar und Laura Himmelreich, Chefredakteur und stellvertretende Chefredakteurin beim „Tagesspiegel“. Der Abend im Deutschen Theater in Berlin trägt den Namen „Der Preis des Mutes“. Es soll darum gehen, was Fernandes‘ mutmaßliche Enthüllungsgeschichte im „Spiegel“ vor drei Monaten ausgelöst hat: „Eine der wichtigsten Debatten des Jahres“, so Himmelreich.Was ist passiert? Seit Jahren positioniert sich die Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes öffentlich gegen sexualisierte Gewalt. Im März machte sie öffentlich, dass ihr Ex-Mann Christian Ulmen über zehn Jahre hinweg unter ihrem Namen sexualisierte Chats mit Männern geführt und Fotos sowie Videos verschickt habe, die den Eindruck erweckten, Fernandes beim Sex zu zeigen – allerdings unauthentisch seien. Ulmen bestreitet bislang keinen dieser Kernvorwürfe. Er dementiert lediglich, Fernandes körperlich verletzt und sogenannte Deepfake-Videos von ihr erstellt und verbreitet zu haben. Lesen Sie auchDie wahrscheinlich neueste Entwicklung im Fall Ulmen/Fernandes: Das Hanseatische Oberlandesgericht beschloss vor wenigen Tagen, der „Spiegel“ unterscheide für den Durchschnittsleser nicht deutlich genug zwischen „unterschiedlichen Formen ‚gefälschter Pornos‘“, sodass der Leser annehmen müsse, Ulmen habe Deepfake-Videos hergestellt oder verbreitet. Das untersagte das Gericht. Es hob allerdings auch hervor, die Erstellung von Fake-Profilen, die Verbreitung von pornografischen Fotos und Videos, die Fernandes ähnliche Frauen zeigen, sowie der sexualisierte Kontakt zu Männern in ihrem Namen seien „unstreitig“.„Als seien die Leute nur deshalb auf die Straße gerannt, weil sie dachten, dieses Video, wo ich spermaverschmiert auf dem Boden liege, das hat er selber hergestellt. Das finde ich so krass, dass man sagt: Jetzt, wo das geklärt ist, seht ihr mal, das war völlig unverhältnismäßig und hysterisch, was ihr da alle gemacht habt“, kritisiert Fernandes. Es sei eine klassische „Täter-Strategie“, Nebenschauplätze zu eröffnen, indem man Aspekte abseits der Kernvorwürfe anzweifle und sich, wenn das Opfer diese nicht beweisen könne, des Sieges rühme. Diese Strategie sei nicht unerfolgreich. So bekomme sie aktuell vermehrt Nachrichten voller Unverständnis darüber, was eigentlich ihr Problem sei – Ulmen habe schließlich nur Videos fremder Frauen verschickt.Lesen Sie auchIronischerweise habe gerade Christian Schertz, der Medienanwalt, der heute Christian Ulmen vertritt, in ihrer ZDF-Doku über Deepfake-Pornos vor zwei Jahren, noch selbst gesagt, man dürfe nicht unterschätzen, was digitale Gewalt bedeute. Hinter den Computern säßen schließlich Menschen. Lesen Sie auch„Er hat in meinem Namen eine Geschichte verbreitet, wo ich von 21 Männern vergewaltigt werde, wo immer wieder beschrieben wird: Ich habe Schmerzen; ich weine; ich sage, ich möchte das nicht. Ich liege am Ende regungslos auf dem Boden“, führt Fernandes aus und bezieht sich damit auf Ulmen. Sie wisse bis heute nicht, wer aus der Branche dieses Material kenne – „natürlich habe ich dann Angst, ans Set zu gehen“. Die Unterscheidung zwischen virtueller und nicht-virtueller Gewalt zähle für sie deswegen als Argument nicht.Aktuell prüft die Staatsanwaltschaft, ob ein Anfangsverdacht für sexualisierte digitale Gewalt gegeben ist. Auch wenn dem so sein sollte: Der Großteil Ulmens mutmaßlicher Taten könnte straffrei bleiben, weil entsprechende Gesetze in Deutschland bislang fehlen. Ein anderes Ermittlungsverfahren gegen Ulmen läuft hingegen schon. Darin geht es um den Verdacht auf Körperverletzung.Lesen Sie auchDen Umgang der spanischen Behörden mit dem mutmaßlichen Vorfall im Jahr 2023 auf Mallorca habe sie sehr positiv erlebt, schildert Fernandes: „Dieses Opferberatungsgespräch: Da hat man sich eine Stunde mit mir hingesetzt und ich hatte das Gefühl, dass die Menschen, die mit mir darüber geredet haben, wissen, was das bedeutet.“ Viele der Frauen in Deutschland, mit denen sie aktuell in Kontakt stehe, müssten hingegen ganz andere, „unterirdische“ Erfahrungen machen.Beispielsweise werde mutmaßlichen Opfern hierzulande geraten, bis zum Prozess keine Therapie zu beginnen, weil die potenziell die Zeugenaussage beeinflussen könne. „Ich verstehe diese Frauen, wenn sie mir sagen: Ich stoppe das Ganze jetzt; ich entscheide mich jetzt für die Therapie, weil sonst komme ich im Leben nicht mehr klar.“ Daran müsse sich dringend etwas ändern – auch, um das „wahnsinnig große Dunkelfeld in Deutschland“ zu erhellen. Viele Frauen hätten ähnliche Erfahrungen gemacht wie sie. Das müsse man verstehen, um zu sehen, dass diese Frauen letztlich nicht ihretwegen auf die Straße gegangen seien – sondern aus Wut darüber, zu viel erlebt zu haben, ohne dass sich etwas verändert habe: „Wir sind nicht allein; das passiert einfach verdammt vielen Frauen.“„Er kann die allerbeste Fake-Collien sein“Manchmal frage sie sich: „Was ist denn, wenn mir jetzt wirklich irgendwann so ein Christian-Ulmen-Ultra eine Kugel in den Kopf jagt?“ Dass sie mit dieser Art Angst leben müsse und diese auch ganz bewusst in Kauf genommen werde, kreide sie ihrem Ex-Mann in voller Gänze an.Hinzukomme, dass sich ihr gesamtes bisheriges Leben wie eine Lüge anfühle: „Ich habe zum Beispiel jüngst erfahren, dass er das auch an meinem Geburtstag gemacht hat, was für manche vielleicht irgendwie eine Kleinigkeit ist, aber mich haut das um und ich finde, das ist einfach ein extremer Vertrauensmissbrauch und so bin ich einfach die ganze Zeit in einem Prozess, der nicht abgeschlossen ist, weil immer wieder irgendwas Neues um die Ecke kommt, was mich fertig macht.“ Dabei habe ihr Ex-Mann einen enormen Vorteil gehabt: „Er kann natürlich von allen Fake-Colliens die allerbeste Fake-Collien sein – denn er weiß alles.“Lesen Sie auchWas für sie passieren müsse, um von Gerechtigkeit sprechen zu können? „Wenn es ein bisschen mehr ist als gar nichts, wäre ich schon zufrieden“, sagt Fernandes. „Ich habe ein bisschen Angst, dass, wenn es im Worst Case fallen gelassen wird, weil es in Deutschland eben aktuell keine Paragrafen gibt, die zu dem passen, was mir passiert ist, das dann wieder vom Täter so instrumentalisiert wird: ‚Ach, gucke mal, ich war unschuldig!‘“ Diesen Effekt bemerke sie jetzt schon – obwohl das Oberlandesgericht ihr in so vielen Punkten recht gegeben habe.Besonders von vielen Männern wünsche sie sich mehr Empathie. So habe sie beispielsweise vor etwa 20 Jahren Werbung für eine Wäschemarke gemacht. Das werde ihr heute vorgehalten: Sie habe sich früher schon halbnackt gezeigt, was das Problem sei, wenn heute ähnliche Aufnahmen von ihr verschickt würden. „Ich habe ein Kind; das wissen Sie vielleicht. Ich hatte vielleicht auch schon mal Sex. Das bedeutet aber nicht, dass jemand anders für mich Telefonsex haben kann. Dieser ganze Aspekt der Selbstbestimmung, der wird von vielen Männern, die mir schreiben, nicht verstanden“, so Fernandes. Sie empfände es als sehr erstaunlich, dass man dieses Konzept offenbar erklären müsse.Umso wichtiger sei es, schon Kindern beizubringen, was Grenzen seien, dass man diese zu achten habe – und wer die Verantwortung trage, wenn diese überschritten würden: „Gerade junge Frauen hören oft von den Tätern aus der Familie: Wenn du das sagst, wenn du den Mund aufmachst, dann zerstörst du die Familie. Ich glaube, da müssen wir ein neues Selbstverständnis lernen: Das ist nicht das Opfer, das die Familie zerstört, sondern der Täter.“„Tagesspiegel“-Chefredakteur Tretbar bedankt sich für das Schlusswort – und als sich ein Großteil des Publikums für Standing Ovations erhebt, scheint für einen kurzen Moment die Scham die Seiten gewechselt zu haben.Politikredakteurin Uma Sostmann schreibt über gesellschaftspolitische Themen.
Collien Fernandes: „Was ist, wenn mir ein Christian-Ulmen-Ultra eine Kugel in den Kopf jagt?“ - WELT
Nach der jüngsten Gerichtsentscheidung im Fall Ulmen/Fernandes sieht sich die Moderatorin mit neuen Anfeindungen konfrontiert. Jetzt erklärt sie ihr persönliches „Worst Case“-Szenario – und welche „Täter-Strategie“ Ulmen mit seinem Anwalt zu fahren scheine.






