Österreich und Algerien liefern sich eines der verrücktesten Spiele der WM-Geschichte – und machen die «Schande von Gijón» vergessenNach dem 3:3 ziehen Österreich und Algerien in den Sechzehntelfinal ein – die Algerier mit dem Nationalcoach Vladimir Petkovic treffen dort auf die Schweiz.Sven Haist, Dallas28.06.2026, 12.25 Uhr4 LeseminutenÖsterreich jubelt: Die Nationalmannschaft wendet in der Nachspielzeit die Blamage ab und zieht in den Sechzehntelfinal ein.Phil Noble / ReutersWer nur auf das Unentschieden zwischen Algerien und Österreich im letzten Vorrundenspiel blickt, das beiden Teams den Einzug in den Sechzehntelfinal dieser Fussball-Weltmeisterschaft sicherte, dürfte sich an die «Schande von Gijón» bei der WM 1982 erinnert fühlen. Damals trafen die Bundesrepublik Deutschland und Österreich in Gijón aufeinander. Das Spiel ging als eines der berüchtigtsten der WM-Geschichte ein.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nach dem frühen 1:0 für die Bundesrepublik entwickelte sich ein faktischer Nichtangriffspakt: Beide Teams beschränkten sich darauf, den Ball zirkulieren zu lassen, und vermieden jedes Risiko; es blieb beim 1:0. Vor Anpfiff hatte damals bereits festgestanden, dass ein knapper Sieg der Deutschen beiden Ländern das Weiterkommen sichern würde – zulasten von Al­gerien.Ein ähnliches Szenario wurde am Sonntagabend Ortszeit in Kansas City wieder befürchtet. Doch das 3:3 mit je ei­nem Treffer auf beiden Seiten in der Nachspielzeit geriet nicht zu einer Neuauflage eines sportlichen Waffenstillstandsabkommens – sondern liess die «Schande von Gijón» vergessen. Die Partie zählt zu den absurdes­t­en und verrücktesten sämtlicher Weltmeisterschaf­t­en.Sogar der TV-Experte Herzog jubelt mitNach­dem Riyad Mahrez in der dritten Minute der Nachspielzeit das 3:2 für Algerien erzielt hatte, womit Österrei­c­h­ ausgeschie­den gewesen wäre, schlugen die Österreicher drei Minuten später mit der letzten Aktion des Spiels zurück: Der unmittelbar na­ch dem Gegentor ein­gewechselte Sasa Kalajdzic köpfelte den Ball nach einer Flanke und einer Kopfballvor­lage ins Netz.«So was habe ich nicht mal im Entferntesten erlebt», sagte Österreichs Trainer Ralf Rangnick, sichtlich erschöpft. Bis auf Rangnick stürmten nahezu alle Mitglieder der österreichischen Delegation zum an der Cornerfahne jubelnden Kalajdzic. Unter ihnen war sogar der TV-Experte Andreas Herzog, früherer Nationalspieler Österreichs. Er berichtete, sein Anzug sei dabei «zerrissen», und fügte frotzelnd an, er werde dafür «ein paar Spieler verklagen».Als Herzog das Mikrofon anschliessend wieder in der Hand hielt, analysierte er: «Dass in der letzten Sekunde der Lange trifft: absolut top!» Der Lange ist der genau zwei Meter grosse Kalajdzic, der diesen besonderen Moment mehr verdient hatte als jeder andere. Erst Ende März hatte er nach 857 Tagen sein Comeback im Nati­o­naltrikot gegeben, nachdem er zuvor zahlreiche schwere Verletzungen hatte verkraften müssen. Unter anderem riss er sich dreimal das Kreuzband; dennoch kämpfte er sich stets zurück, obwohl vom Karriereende auszugehen war.Pfiffe gegen die Österreicher«Ich hab 500 Watschn gekriegt», sagte Kalajdzic nach dem Spiel über die Jubeltraube und ergänzte scherzend, er müsse jetzt erst einmal «ins Spital fahren, um eine mögliche Gehirnerschütterung zu prüfen». Derart viele Landsleute hatten ihm liebevoll dankend den Kopf getätschelt. Denn er bewahrte sein Land vor einer Blamage. Nach munterem Spiel, in dem die Österreicher zweimal in Führung gegangen waren und jeweils den Ausgleich hinnehmen mussten, geriet die Begegnung ab der 70. Minute ins Stocken.Je näher es dem Abpfiff rückte, desto mehr sahen beide Teams davon ab, das Siegtor zu erzielen. Die Österreicher zogen sich in die eigene Hälfte zurück, während sich die Algerier den Ball überwiegend an der Mittellinie zuspielten. «Ich habe noch nie so einen Hundskick kommentiert», kritisierte der ORF-Mann Herzog. Die Zuschauer begannen zu pfeifen, als die Algerier – für die Österreicher offenbar völlig überraschend – den Ball plötzlich doch noch nach vorne spielten und trafen.Die österreichischen Spieler auf dem Platz und die Fans auf den Tribünen zeigten sich komplett konsterniert, manche Zuschauer fassten sich fassungslos an den Kopf. Nur Rangnick schaltete sofort um und wechselte Kalajdzic ein, der in der heimischen Liga beim Lask spielt. Nach dessen Tor schrie der ORF-Live-Kommentator stellvertretend für die gesamte Alpenrepublik erleichtert: «Bist du deppert.» Auf den Fanfesten spielten sich morgens um sechs Uhr unglaubliche Freudenszenen ab.Iran ist das leidtragende Team«Drama! Thriller! Wahnsinn!», titelte die österreichische Zeitung «Krone». Das 3:3 bedeutet, dass Österreich die Gruppe J hin­ter Titelverteidiger Argentinien – das gleichzeitig Jordanien 3:0 besiegte; das dritte Tor war ein Messi-Freistoss – auf dem zweiten Platz abschliesst und im Sechzehntelfinal auf Spa­ni­en trifft. Algerien bekommt es wiederum in Vancouver am Freitagmorgen um 5 Uhr MESZ mit der Schweiz zu tun.Entsprechend kommt es, ausgerechnet, zum Aufeinandertreffen des Schweizer Trainers Murat Yakin mit seinem Vorgänger Vladimir Petkovic, der bei dieser WM die Algerier betreut. Leidtragen­der des Spielausgangs in Kansas City war Iran aus der Parallelgruppe. Die iranische Mannschaft hätte bei einem algerischen oder österreichischen Sieg als eine der acht besten Gruppendritten erstmals bei einer WM die Vorrunde überstanden und wäre anstelle Algeriens auf die Schweiz getroffen.Auch wenn am Ende genau das Resultat stand, das allgemein erwartet worden war – nämlich ein Unentschieden zwischen Algerien und Österreich –, widerlegte die Partie angesichts der Ereignisse in der Nachspielzeit jeden Vergleich mit der «Schande von Gijón». Vielmehr haben Algerien und Österreich gezeigt, dass es auch anders geht.Passend zum Artikel