PfadnavigationHomeSportFußballWMÖsterreichs Irrsinn„Ja bist du deppat?! Mich beutelt es komplett durch!“Stand: 11:31 UhrLesedauer: 4 MinutenÖsterreich rettet sich in einer irren Partie in die K.-o.-Phase. In der Nachspielzeit geht Algerien plötzlich in Führung, Österreich ist raus – doch dann macht Kalajdzic das wahnwitzige Drama perfekt. Die Highlights im Video.Österreich feiert in einem wahnsinnigen Spiel gegen Algerin den größten Erfolg seiner WM-Geschichte. Trainer Rangnick ist regelrecht fassungslos. Und die Reportage des ORF-Kommentators dürfte in die Geschichtsbücher eingehen.War dies die bisher atemberaubendste Partie bei der WM? An das letzte von insgesamt 72 Gruppenspielen reicht nach menschlichem Ermessen jedenfalls kaum etwas heran, was mit dem irrwitzigen Schlagabtausch zwischen Österreich und Algerien vergleichbar wäre. Etliche Tore beim 3:3 (1:1), ein scheinbar schiedlich-friedliches 2:2 zum Ende des Spiels hin – und dann diese kolossale Schlussphase: mit einer Wendung aus dem Nichts, einem sich abzeichnenden österreichischen Drama und dann spät, ganz spät, doch noch die Erlösung. Felix Austria.Österreich ist im Sechzehntelfinale, Algerien auch. Iran, einer der Gruppendritten, durfte sich zwischen der 93. und 96. Minute der Nachspielzeit ebenfalls eine Runde weiter wähnen, musste dann aber doch noch die Koffer packen. Nach dem Spiel war Österreichs Offensivspieler Michael Gregoritsch zu sehen, wie er mit den Tränen kämpfte. Die emotionale Achterbahn dieses Duells hatte ihn komplett durchgerüttelt. Ebenso wie Österreichs TV-Kommentator Daniel Warmuth.Die finalen Minuten mit Daniel WarmuthEdi Finger hatte 1978 das 3:2 gegen Deutschland mit seinen unsterblichen Worten kommentiert: „Tor, Tor, i wer narrisch!“ Gut möglich, dass nach dem Nervenkitzel auch der Jubel des ORF-Manns in die Geschichtsbücher eingehen wird. „Ja bist du deppat?!“, brüllte der Kommentator ins Mikro, „mich beutelt es komplett durch! Ich habe so etwas noch nicht erlebt! Aus! Ich kann nicht mehr!“In Österreich seien „sicher ein paar Kaffeehäferl vom Tisch geflogen“, scherzte Warmuth – in seiner Heimat war es kurz vor 6 Uhr, als der Schlusspfiff fiel. Erstmals seit 44 Jahren steht Österreich bei der WM wieder in einer K.-o.-Runde.Lesen Sie auchIm Sechzehntelfinale bekommt es Österreich nun mit Titelkandidat Spanien zu tun, Algerien hat mit der Schweiz den wohl leichteren Gegner erwischt. Und das, obwohl die Nordafrikaner die Vorrunde nur auf Platz drei abschlossen. Um die Dramaturgie des Spiels zu verstehen, muss kurz die schnöde Torfolge aufgelistet werden. In Kansas City trafen Marko Arnautovic (28. Minute), Sabitzer (55.) und Sasa Kalajdzic (90.+6) für Österreich. Rafik Belghali (45.) und Riyad Mahrez (60./90.+3) erzielten die Tore für Algerien. Es war das Skript eines Thrillers, von dem der österreichische Nationaltrainer Ralf Rangnick später sagte: „So etwas habe ich so noch nie erlebt. Nicht mal im Entferntesten. 3:2 hinten, die Spielzeit ist eigentlich um. Und dann kommen wir tatsächlich noch einmal ins Spiel zurück.“Es war viel über die Ausgangslage spekuliert worden. Da nach dem Sieg der Demokratischen Republik Kongo in der Partie zuvor beiden Teams ein Remis zum Weiterkommen reichte, hatte es viele Diskussionen gegeben, ob es Absprachen geben könnte. Vor allem in Algerien war viel von der „Schande von Gijón“ die Rede. Bei der WM 1982 hatten sich Deutschland und Österreich nach der frühen deutschen Führung auf eine Verwaltung des 1:0 geeinigt. Algerien schied dadurch aus.Schande von Kansas City? Wahnsinn von Kansas City!Rangnick hatte Ähnliches zurückgewiesen. „Du kannst nicht in ein Spiel gehen und sagen, du spielst auf Unentschieden“, sagte er, „wie das in den letzten fünf Minuten sein wird, das wird man sehen.“ Tatsächlich waren sie letztlich der endgültige Beweis dafür, dass nicht mal ansatzweise der Verdacht einer Absprache bestand. Von einer Schande von Kansas City konnte keine Rede sein, es war schlicht der Wahnsinn von Kansas City.Lesen Sie auch„Es war teilweise unseriös“, sagte Österreichs Mittelfeldspieler Marcel Sabitzer: „Du kassierst in der 93. das 2:3 und du denkst, es ist verloren, weil: Was soll da noch kommen? Es haben viele in Österreich den Atem angehalten, jetzt können sie in Österreich gerne weitertrinken. Ich dagegen bin einfach so tot.“Der Dortmunder hatte daran Anteil, dass es noch gut ausgegangen ist. Mit der letzten Aktion hatte er von links in den Strafraum geflankt, Gregoritsch (1,93 Meter) legte ab auf den zwei Meter großen Kalajdzic und der Ex-Stuttgarter traf per Kopf ins rechte Eck. „Ich glaube, ich habe 500 Watschen kassiert, vielleicht habe ich eine Gehirnerschütterung“, scherzte der Stürmer über den entfesselten Jubel seiner Mitspieler: „Es ist fix einer der schönsten Momente meiner Karriere.“Und Rangnick sagt: „Einige Spieler waren komplett am Limit. Entscheidend ist, dass wir es geschafft haben. Nach dem 3:2 waren alle sprachlos, aber der Rest war dann Hollywood.“ Die „Kronen“-Zeitung titelte: „Einmal Hölle und zurück.“Zum Unterhaltungswert dieses Spiels trug auch eines der kuriosesten Tore dieser WM bei. Bei Algeriens 1:1 half die Eckfahne mit. 45. Minute: Österreichs Verteidiger Philipp Mwene wollte einen langen Ball ins Aus gehen lassen. Doch dann rollte die Kugel genau gegen die Eckfahne und blieb im Spiel. Algeriens Kapitän Riyad Mahrez nutzte es geistesgegenwärtig, spielte auf Belghali, der mehrere Gegner austanzte und ins kurze Eck traf.