PfadnavigationHomeGesundheitTrend „Bonesmashing“„Haut und Weichgewebe werden lokal geschädigt und schwellen an“Stand: 12:37 UhrLesedauer: 4 MinutenEin kantiger Kiefer soll als besonders männlich geltenQuelle: Getty Images/Science Photo Library RF/SCIEPROUm attraktiver und männlicher zu wirken, malträtieren Jungen sogar ihr Gesicht mit einem Hammer. Sie reagieren damit auf einen gefährlichen Social-Media-Trend, der unerwünschte Spuren hinterlassen kann.Fast jeden Morgen schlägt sich Elias mit einem Hammer auf seine Gesichtsknochen. Bonesmashing nennt man diesen gefährlichen Social-Media-Trend – vom englischen „bone“ für Knochen und „smashing“ für zerschmettern. Den Knochen sollen dabei angeblich kleine Frakturen hinzugefügt werden, mit dem fragwürdigen Versprechen, sie würden danach kantiger zusammenwachsen und dem Gesicht einen markanteren und männlicheren Look verleihen. „Am Anfang hat es wehgetan, aber jetzt nicht mehr wirklich“, sagt der 15-Jährige. Elias heißt eigentlich anders. Um ihn zu schützen, wurde sein Name geändert. Bonesmashing, rohe Eier trinken, ins Gym gehen, sich nicht von Frauen ablenken lassen – auf TikTok bekommen junge Männer wie Elias unablässig zu hören, was sie tun müssen, um attraktiver, stärker, männlicher zu werden. Die App ist voll mit solchen Videos von Influencern aus der sogenannten Manosphere, einem Netzwerk frauenfeindlicher Online-Communities, das sich vor allem an junge Männer richtet, stereotype Männlichkeitsbilder propagiert und Frauen als Gegnerinnen darstellt. Lesen Sie auchViele dieser Pseudo-Weisheiten sind zutiefst frauenfeindlich und faktisch falsch – etwa, die Behauptung über Mikrofrakturen beim Bonesmashing. Das sei sehr unwahrscheinlich, erklärt der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg Jörg Wiltfang vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. „Entweder bricht der Knochen oder nicht.“ Begrenzte Absplitterungen – Mikrofrakturen, wie es auf TikTok genannt wird – werden so eher nicht entstehen. Lesen Sie auchSichtbare Veränderungen im Gesicht, die direkt nach der Manipulation entstehen, sind nicht durch eine Veränderung der Knochenstruktur bedingt, wie Wiltfang erklärt. Wiltfang war von 2024 bis 2026 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (DGMKG) und ist weiterhin im Vorstand der Fachgesellschaft aktiv. Es können offene Wunden entstehen„Die Haut und das darunter liegende Weichgewebe werden lokal geschädigt und schwellen an“, sagt Wiltfang. Es könnten Blutergüsse und offene Wunden entstehen, die Narben hinterlassen. „Wir raten davon ab.“ Aber warum springen junge Männer auf solche Inhalte überhaupt an? Wie fängt man sie auf, hilft ihnen, ein gesundes Selbstbewusstsein und ein korrektes Verhalten gegenüber Frauen zu entwickeln? Der Berliner Pädagoge Maximilian Schneider hat einen sehr traditionellen Ansatz gewählt: Er geht in Schulen, spricht mit Jugendlichen und hört ihnen zu. Der 33-jährige Schneider ist Referent für politische Bildungsarbeit beim Berliner Verein „Gesicht Zeigen!“. Im Rahmen des Projekts „Die Freiheit, die ich meine“ begleitet er Neuntklässler ein halbes Jahr lang. Er spricht mit ihnen über Identität, Diversität, Diskriminierung, Geschlechterrollen und Männlichkeit, zwei Schulstunden pro Woche, fest im Stundenplan verankert. Er und ein Kollege sprechen mit den Jungen, zwei Kolleginnen getrennt mit den Mädchen. Die Teenager-Zeit sei eine fragile Phase, Jugendliche seien anfällig für Informationen, die vermeintlich mit sehr klaren Handlungsanweisungen versehen sind. Die Clips versprächen Lösungen für Erfolg und Anerkennung. „Und danach sehnt sich jeder Mensch. Jeder Mensch will Anerkennung bekommen.“ Viele Jungs hätten das Gefühl, Männer würden benachteiligt und diskriminiert, auch wegen des Feminismus, beobachtet Schneider. Alte Männlichkeitsbilder funktionierten nicht mehr, das verunsichere. Auf TikTok fänden sie scheinbar einfache Antworten auf komplexe Themen. Lesen Sie auch„Du bist kein Einwechselspieler, du bist der Stürmer“, schreit ein muskulöser Mann einem dort entgegen. „Frauen wollen von dir dominiert werden“, erklärt ein anderer, oder: „Der einzige Weg zu gewinnen, ist, ein Narzisst zu werden.“ Manche TikToker rufen dazu auf, die Partnerin mindestens einmal in der Woche zu schlagen, damit sie wisse, wer der Mann im Haus sei. Elias sagt, jedes dritte bis vierte Video zeige ihm solche Inhalte. Er verbringt täglich bis zu acht Stunden auf TikTok, schätzt er. „Das macht irgendwas mit mir“, gibt er zu. Im Schnitt verbringen Jugendliche laut einer von der EU-Kommission beauftragten Umfrage unter der Woche 4,5 Stunden und an Wochenendtagen 6,1 Stunden vor Handys, Tablets oder dem Fernseher. Eindeutiges Bild von MännlichkeitDie Inhalte aus der Manosphere vermittelten ein sehr eindeutiges Bild von Männlichkeit, erklärt Schneider. Deswegen komme das so gut bei jungen Männern an. „Der Mann ist der Ernährer, der Mann ist dominant, der Mann ist kontrolliert“, fasst Schneider einige der Kernbotschaften zusammen. Der TikTok-Algorithmus kann Jungen, die sich etwa für Fitness oder Luxusautos interessieren, verstärkt Inhalte rechtsextremer Akteure oder der Manosphere anzeigen, wie qualitative Analysen nach Angaben des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) zeigen. Diese knüpfen gezielt an Gefühle wie Einsamkeit oder Frustration an. Wichtig sei es, die Jugendlichen nicht zu verurteilen, um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, sagt Schneider. „Wir wünschen uns, dass Jugendliche eine Chance bekommen, ein gesundes Selbstbewusstsein über sich selbst in Bezug auf die Beziehung zu ihrer geschlechtlichen Identität beziehungsweise den Erwartungen an ihr Geschlecht zu entwickeln.“ Elias hat mit elf Jahren aufgehört, Fußball zu spielen, weil Männer auf TikTok sagten, das sei schwul, wie er erzählt. Wer stark sein und sich verteidigen wolle, müsse Kampfsport machen. Inzwischen geht er boxen. „Ich finde es auch ein bisschen schwer, herauszufinden, wer ich selber bin, weil ich mich auch sehr viel mit anderen vergleiche, wegen TikTok und auch in der Realität.“ dpa/dia
Gefährlicher TikTok-Trend um Männlichkeit: Jungen schlagen sich selbst mit dem Hammer ins Gesicht - WELT
Um attraktiver und männlicher zu wirken, malträtieren Jungen sogar ihr Gesicht mit einem Hammer. Sie reagieren damit auf einen gefährlichen Social-Media-Trend, der unerwünschte Spuren hinterlassen kann.







