Die Diskussion über Künstliche Intelligenz (KI) in der Hochschullehre wird derzeit stark auf der Ebene technischer Möglichkeiten geführt. Damit greift sie zu kurz. Im Kern stellt sich eine andere Frage. Sie lautet nicht, was KI kann, sondern was sie mit uns macht. Beides klingt ähnlich, ist aber nicht dasselbe. Wer das Erste fragt, denkt über Werkzeuge nach. Wer das Zweite fragt, denkt über Beziehungen nach und damit über das, woraus Bildung im engeren Sinne immer schon bestand.Wir möchten diese These an einem konkreten Fall durchdenken, nämlich an einem Video-Avatar namens Timotar, der seit Anfang 2025 an der HHL Leipzig Graduate School of Management in der Lehre eingesetzt wird. Entwickelt wurde der Avatar von den beiden Autoren dieses Textes, dem HHL-Professor Timo Meynhardt und der Medizinstudentin Charlotte Meynhardt. Die Idee entstand bei einem Gespräch von Vater und Tochter am Küchentisch.Dass die Tochter ein Second Brain ihres Vaters in einer Maschine trainiert, die ihn überleben wird, ist keine rein technische Aussage. Es ist auch keine Aussage über Generationenverhältnisse. Eine Tochter, die so etwas mit ihrem Vater baut, erkennt, dass es einen Unterschied macht, jemanden zu kennen oder seine Stimme zu hören. Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was über einen Menschen aufgeschrieben werden kann, und dem, was sich nur im Gegenüber ereignet.Timotar ist ein interaktiver Chatbot und verfügt über die Stimme und den Sprachstil des Wirtschaftspsychologen und Professors Timo Meynhardt. Timotar basiert auf einem großen Sprachmodell und ermöglicht mithilfe kuratierter Texte und Persona-Parametern einen personalisierten Dialog. Die Basis für die KI-gestützte Lösung sind fast 200 Publikationen von Meynhardt in den Bereichen Wirtschaftspsychologie, Führung und Gemeinwohl. Diese bilden die Grundlage für das individuelle Gespräch mit dem lebensechten Avatar, der mit jeder Interaktion dazulernt und permanent mit neuen Texten ergänzt wird.Wie der Avatar Timotar funktioniertTimotar antwortet in fast dreißig Sprachen, rund um die Uhr. Studentinnen und Studenten fragen ihn über die Website timotar.com nach Lernthemen wie dem Leipziger Führungsmodell, Public Value oder Coaching. Sie fragen ihn das, was sie sich den realen Professor nicht zu fragen wagen, wofür in der Vorlesung keine Zeit bleibt, was sie einfach noch einmal wiederholen wollen oder wofür sie einen Coach brauchen.Der Avatar hilft, den Stoff der englischsprachigen Vorlesungen in der Muttersprache der Studenten auszudrücken. Auch fällt es eher introvertierten Studenten leichter, erst mal mit dem Avatar zu sprechen. Manche fragen offenbar sogar, was sie sagen müssen, um in den Lehrveranstaltungen einen guten Eindruck zu hinterlassen. In der neuesten Version können Studenten auch eigene Dokumente hochladen und diskutieren. Timotar ist angehalten, selbst aktiv Fragen zu stellen und eine lehrend-coachende Haltung einzunehmen.Uns geht es nicht um die Frage, ob KI den Menschen ersetzt. Viel wichtiger ist, ob sie uns verändert und ob diese Veränderung gelingt. Timotar zeigt, dass KI nicht nur eine neue Technologie, sondern ein neues Beziehungsgeschehen ist. Sie zwingt uns, anders über Denken, Sprache, Autorenschaft, Lehre und Verantwortung zu sprechen.Vielleicht beginnt genau hier gerade eine Bildungsrevolution. Sie besteht nicht darin, dass Maschinen immer mehr wissen, sondern darin, dass wir neu lernen müssen, damit umzugehen. Timotar ist dann weniger die Zukunft eines einzelnen Professors als vielmehr Vorbote einer größeren Frage: Wie bleiben wir Menschen, wenn uns künstliche Gegenüber immer besser dabei helfen, uns selbst zu begegnen?Gerade deshalb sollten wir uns gut überlegen, ob wir als Hochschullehrende, Führungskräfte oder Manager einen solchen Avatar entwickeln wollen. Die technische Machbarkeit allein kann dafür kein ausreichender Grund sein. Wer ein digitales Alter Ego in die Welt setzt, erweitert nicht nur seine Reichweite, sondern öffnet einen neuen Beziehungsraum mit Studenten, Mitarbeitern, Kunden und nicht zuletzt mit sich selbst.Für die Entwicklung eines Avatars braucht es vor allem UrteilskraftEin Avatar kann entlasten, erklären und Orientierung geben. Er kann aber auch Erwartungen verschieben und neue Abhängigkeiten erzeugen. Aus unserer Sicht braucht es vor der Entwicklung eines solchen Avatars weniger Euphorie, sondern vielmehr Urteilskraft. Nicht jeder sollte es tun, nur weil es möglich ist. Aber wer es tut, sollte wissen, dass er kein bloßes Werkzeug entwickelt. Er setzt stattdessen ein Gegenüber in die Welt. Timotar braucht technische Pflege. Noch viel mehr Aufwand erfordert allerdings sein Einfluss auf soziale Beziehungen, etwa als Sparringspartner, als Teammitglied und nicht zuletzt als Herausforderung für das Selbstverständnis des Professors.Erste Rückmeldungen von HHL-Studierenden fallen positiv aus. Bei der ersten Nutzung im Rahmen einer Lehrveranstaltung bescheinigten 80 Prozent der Befragten Timotar fundiertes Fachwissen, 65 Prozent gaben an, sich auf seine Fähigkeiten und Qualifikationen verlassen zu können, und 69 Prozent sahen sein Verhalten von soliden Prinzipien geleitet.Dieser Text ist deshalb nicht als Würdigung unseres Werks zu verstehen, sondern als Versuch, das, was wir geschaffen haben, nüchtern auf seine Bedingungen und seine Grenzen hin zu befragen. Drei Punkte sind uns besonders wichtig.Erstens geht es um die beiden Seiten der Lehre. Universitäre Lehre muss prüfbares Wissen vermitteln, Klausurfragen klären und Definitionen wiederholen. Das ist der endliche Anteil, sozusagen das Training. Zugleich soll sie Bildung im umfassenderen Sinne ermöglichen. Das beinhaltet ein Gespräch über Generationen hinweg, lädt zum Weiterdenken ein und schafft einen Raum, in dem Studierende auf Überraschungen vorbereitet werden.In der Realität moderner Hochschulen wird der endliche Anteil der Lehre immer größer. Dozentinnen und Dozenten verbringen einen wachsenden Teil ihrer Zeit damit, dasselbe in unterschiedlichen Worten zu erklären, denselben Stoff durch wechselnde Kohorten zu führen, dieselben Standardfragen vor Klausuren zu beantworten. Genau hier setzt Timotar an. Er übernimmt das Training. Er beantwortet, was beantwortbar ist, und tut dies, ohne zu ermüden.Was dadurch entsteht, ist nicht der Triumph der Technik über den Menschen, sondern eine Entlastung. Eine Freisetzung von Zeit und Aufmerksamkeit für das, was nicht unmittelbar trainierbar ist, weil es Orientierungsfragen betrifft, für die es keine fertigen Antworten gibt. Timotar kann also helfen, Raum für gemeinsame Reflexion, kritisches und vor allem selbstkritisches Denken zu schaffen.Zweitens geht es um die Schwierigkeit der Resonanz. Studenten, die mit dringenden Fragen in Sprechstunden gehen, erleben oft nicht das zuhörende und offene Gegenüber, sondern einen überlasteten Funktionsträger, der höflich antwortet und genau deshalb in gewissem Sinn stumm bleibt und schweigt. Timotar nimmt diese Last ab. Er klärt das Klärbare und schafft Raum für die Begegnung zwischen Professoren und Studenten. So kommt zum Beispiel eine Studentin, die mit dem Avatar die Grundlagen geklärt hat, mit anderen Fragen in den Hörsaal. Sie kommt nicht mehr, um eine Definition zu hören. Sie kommt, weil sie weiterdenken will und an einer Stelle steht, an der sie nur ein menschliches Gegenüber entscheidend weiterbringen kann.Drittens geht es um die Vielfalt der Erwartungen. Studenten projizieren auf ihre Lehrer eine doppelte Erwartung. Sie sollen Fakten parat haben und zugleich diejenigen sein, die Sinn vermitteln. Diese beiden Erwartungen werden in der Praxis fortlaufend verwechselt. Wer alles wissen soll, wird zur Auskunftsstelle. Wer zur Auskunftsstelle wird, kann nicht zugleich Bedeutung stiften.Timotar erlaubt eine saubere Trennung dieser beiden Funktionen. Er ist die Auskunftsstelle. Er kennt die Definition, die Quelle, das Zitat, den Stand der Forschung. Aber er kann nicht wissen, was eine bestimmte Frage in einer bestimmten biographischen, unternehmerischen oder gesellschaftlichen Situation bedeutet. Genau an dieser Stelle kann der reale Lehrer helfen. Studierende müssen bei ihren Professoren nicht mehr das suchen, was sie auch mit einer Suchmaschine finden würden. Sie können nun nach dem suchen, was nur im Gespräch entstehen kann.Jede Lehre arbeitet immer schon über den Tag des einzelnen Lehrenden hinaus. Sie ist der Versuch, etwas in den Köpfen und Sätzen der anderen zu hinterlegen, was im eigenen einmal keinen Platz mehr haben wird. Studierende internalisieren die Stimmen ihrer Lehrer, die sie nie wieder hören werden, und tragen sie weiter. Oft tun sie das, ohne es zu wissen. Timotar tut also nichts wesentlich Neues. Er externalisiert, was bisher in Erinnerung, Sprache und Geste geschah. Darin liegt sein eigentlicher Sinn. Er ist nicht die Zukunft der Lehre. Er ist ihre Veranschaulichung.Wo stiften Avatare Nutzen? Und wo werden sie zum Problem?Die Erfahrungen mit Timotar sind insgesamt noch sehr frisch, ständig arbeiten wir an seiner Verbesserung. Erste Konsequenzen lassen sich jedoch schon jetzt ziehen. So entfalten Avatare wie Timotar ihren Nutzen dort, wo es um zugängliches Wissen geht, wo Lehre also delegierbar ist und immer schon delegiert wurde, etwa an Bücher, an Tutorien, an Studienunterlagen oder an Lernvideos. An dieser Stelle leisten Avatare einen klaren Wertbeitrag. Dieselben Avatare werden allerdings problematisch, sobald sie als Ersatz für das genommen werden, was nicht zu ersetzen ist, nämlich das menschliche Gegenüber, die Beziehung zu diesem, an deren Grenze Lernen sich vollzieht.Die Verantwortung dafür, welche Erwartungen mit dem Avatar verbunden werden, liegt letztlich bei den Institutionen, die ihn einsetzen, und bei den Lehrenden, die entscheiden, welche Plätze um den Tisch unbesetzt bleiben dürfen. Das Müdewerden ist einer dieser Plätze. Das Nichtwissen ist ein zweiter. Das Schweigen ist ein dritter.Wer einen Avatar baut, sollte all das wissen. Er baut ein Gegenüber, das die Idee des Gegenübers durchquert. Er erweitert seine Reichweite und übernimmt zugleich Verantwortung für etwas, das er nicht vollständig kontrollieren kann. Was wir an unserer Arbeit gelernt haben, lässt sich am Ende auf einen Satz bringen: Was uns zu Lehrenden macht, sind nicht unsere Antworten, sondern unsere Grenzen. Genau diese hat Timotar nicht. Genau deshalb wird er nicht müde. Und genau deshalb wird er auch nie das ersetzen, was er imitiert.Timo Meynhardt ist Inhaber des Dr. Arend Oetker Lehrstuhls für Wirtschaftspsychologie und Führung an der HHL Leipzig Graduate School of Management sowie Direktor am Center for Leadership and Innovation an der Universität St. Gallen.Charlotte Meynhardt studiert Medizin sowie Künstliche Intelligenz und Data Science an der Universität Würzburg.
BWL-Studium: Lernen mit dem KI-Professor, funktioniert das?
Studenten der HHL Leipzig können einen digitalen Avatar mit allen Fragen löchern, auch solchen, die sie den echten Professor nicht zu fragen wagen. Welche Chancen und Probleme entstehen dadurch?








