Die Bank der Zentralbanken sieht grosses Potenzial in der künstlichen Intelligenz – und eine wachsende Gefahr für einen CrashDer finanzielle Wettlauf um die Vorherrschaft im KI-Sektor bereitet der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) Sorgen: Aus historischer Sicht mündeten technologische Revolutionen häufig in Krisen.28.06.2026, 11.00 Uhr5 LeseminutenObjekt der Begierde: Lisa Su, Chefin des Chipherstellers AMD, hält an einer Konferenz in Taiwan einen KI-Chip in die Höhe.Annabelle Chih / BloombergWenn die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) den Mahnfinger hebt, lohnt es sich, hinzusehen. Als Bank und Denkfabrik der Zentralbanken sah sie die grosse Finanzkrise vor bald zwanzig Jahren früher kommen als alle anderen. Sie stellte schon im Juni 2007 die Nachhaltigkeit der boomenden Weltwirtschaft infrage. Sie kritisierte die hohe Risikobereitschaft der Banken bei der Kreditvergabe. Und sie stellte zunehmende Ausfälle von Subprime-Hypotheken in den Vereinigten Staaten fest. Der Rest ist Geschichte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Fast zwei Jahrzehnte später warnt die BIZ erneut. Am Sonntag hat die Institution mit Sitz in Basel ihren Jahresbericht veröffentlicht und ihren Blick auf den KI-Boom dargelegt. Er ist hoffnungs- und sorgenvoll.Superexponentielles Wachstum dank KI?Hoffnungsvoll, weil auch die BIZ-Ökonomen die grossen Verheissungen der KI-Technologie sehen. Die KI habe das Potenzial, die Produktivität der globalen Wirtschaft im kommenden Jahrzehnt signifikant zu erhöhen. Wer beruflich programmiert, berät oder schreibt, ist dank der neuen Technologie viel leistungsfähiger als ohne KI.Im Unterschied zu früheren technologischen Revolutionen wie der Erfindung der Dampfmaschine oder der Elektrizität legt die künstliche Intelligenz dem Menschen nicht nur bessere Werkzeuge in die Hand. Sie könnte dereinst sogar ihre eigenen Fähigkeiten selbständig verbessern und im Alleingang neue Technologien entwickeln. Im Extremfall könnte die KI den Menschen als Produktionsfaktor ersetzen. Neue Ideen müssten nicht mehr mühselig von Menschen entwickelt werden, die KI könnte das blitzschnell selbst tun.Das Resultat: superexponentielles Wachstum. Natürlich ist das stark vereinfacht: Wenn die Wirtschaft ihr Kapital hauptsächlich in neue KI-Infrastruktur investiere und keine Löhne mehr bezahle, dann falle irgendwann auch die Nachfrage weg, räumt die BIZ ein.Die KI-Firmen verschulden sich zunehmendSorgenvoll zeigt sich die internationale Organisation aber aus einem anderen Grund. Die Investitionen in den KI-Sektor werden immer grösser, obwohl das wirtschaftliche Ertragspotenzial immer noch höchst ungewiss ist.Die fünf grössten Cloud-Anbieter Amazon, Alphabet, Meta, Microsoft und Oracle investierten 2025 und 2026 mehr als eine Billion Dollar in ihre KI-Infrastruktur. Die Summe ist höher als die Gewinne und die frei verfügbaren Barmittel der Unternehmen. Die Firmen dürften sich der Risiken bewusst sein, befinden sich aber auf einer ständigen Flucht nach vorn. Der Glaube daran, dass am Ende nur eine kleine Zahl von Unternehmen den KI-Sektor dominieren wird, ist weit verbreitet. Viele der Unternehmen haben deshalb begonnen, sich zu verschulden, um nicht zurückzufallen.Jüngstes Beispiel ist das Raumfahrt- und KI-Unternehmen SpaceX. Das Unternehmen von Elon Musk sammelte Anfang Juni beim Börsengang mit 86 Milliarden Dollar mehr Kapital ein als jede andere Firma zuvor. Trotzdem platzierte SpaceX noch im selben Monat Schuldpapiere im Umfang von 25 Milliarden Dollar am Kapitalmarkt. Die Investoren rissen sich um die Anleihen. Der Anlagechef des deutschen Allianz-Konzerns meinte im Nachgang, die Märkte befänden sich nun endgültig auf «Blasen-Territorium».Mit besonderem Unbehagen schaut die BIZ auf die immer undurchsichtiger werdenden Finanzkonstrukte im KI-Sektor. Cloud-Anbieter, Chiphersteller und KI-Firmen hätten in den vergangenen Jahren ein schwer durchschaubares Geflecht gegenseitiger Abhängigkeiten gebildet.Im Rahmen von zirkulären Finanzierungsarrangements kaufen Chiphersteller und Cloud-Anbieter Anteile an KI-Firmen. Diese verpflichten sich über langjährige Verträge, ihren Kapitalgebern Cloud-Kapazität und Chips abzukaufen. So investierte Microsoft über die Jahre mehr als 10 Milliarden Dollar in die Chat-GPT-Erfinderin Open AI. Das Startup von Sam Altman verpflichtete sich dafür, seine Sprachmodelle über die Cloud-Plattform Azure von Microsoft laufen zu lassen. Die Google-Besitzerin Alphabet sowie Amazon investierten in das KI-Startup Anthropic, das versprach, Chips und Cloud-Kapazität von den beiden Tech-Riesen zu beziehen.Geht die Rechnung nicht auf, reissen sich die Firmen gegenseitig in die Tiefe. Es gibt aber auch historische Gründe, mit Vorsicht auf den KI-Boom zu blicken.Zuerst der Durchbruch, dann der CrashAls sich in den 1840er Jahren die Eisenbahn ausbreitete, die Elektrifizierung in den 1920er Jahren ihren Siegeszug antrat und die Dotcom-Firmen in den späten 1990er Jahren die Welt in ihren Bann zogen, gab es im Rückblick eine auffällige Gemeinsamkeit: Die Menschheit hatte einen echten technologischen Durchbruch erzielt. Doch danach floss viel mehr Geld in die Technologien, als aufgrund ihres wirtschaftlichen Potenzials gerechtfertigt gewesen wäre. Der Geldfluss brach ein, und es kam zu Rezessionen.Auf den «boom» könnte auch jetzt ein «bust» folgen. Auf- und Abschwungzyklen seien in der Vergangenheit ein häufiges Merkmal bedeutender Innovationen gewesen, schreibt die BIZ.Eine KI-Krise würde verschiedenste Akteure treffen. Rund um die grossen KI-Konzerne hat sich ein Ökosystem von Zulieferern gebildet: Baufirmen, Datencenterbetreiber und Chiphersteller. Diese Unternehmen würden von einem plötzlichen Investitionsrückgang hart getroffen.Leiden würden aber auch die Privathaushalte. Sie sind in den vergangenen Jahrzehnten mit dem Siegeszug börsengehandelter Indexfonds (ETF) zu einem wichtigen Faktor an den Finanzmärkten geworden. Ihre Vermögen sind stark gewachsen, gleichzeitig aber in hohem Mass in US-Tech-Konzernen konzentriert. Deren Bewertungen entfernen sich immer weiter von fundamentalen Daten wie Umsatz und Gewinn. Die BIZ stellt denn auch vermehrt eine Risikoblindheit unter den Anlegern fest.Wenn man das pessimistische Gedankenspiel weiterspinnen will – und das tut die BIZ –, könnte ein Platzen der KI-Blase auch die bereits schwelende Krise im Private-Credit-Sektor verschärfen. Das sind Fonds, die Kredite an kleinere und mittlere Unternehmen – oft auch aus dem Softwarebereich – vergeben. Einige Betreiber dieser Vehikel verzeichnen seit geraumer Zeit erhöhte Rücknahmeforderungen verunsicherter Anleger. Ausfälle im Private-Credit-Geschäft könnten sich negativ auf die Kreditvergabe in der Gesamtwirtschaft und damit auf alle Unternehmen auswirken.Vielleicht ist die BIZ aber auch zu pessimistisch. Und das Pendel schlägt langsamer zurück als befürchtet. Signale, dass die KI-Euphorie realistischeren Erwartungen weicht, gab es am Donnerstag von dem Unternehmen, das am Anfang des gegenwärtigen KI-Booms steht: Open AI. Laut Medienberichten dürfte das KI-Startup seinen für diesen Herbst geplanten Börsengang verschieben.Der Unternehmensgründer Sam Altman strebt offenbar nach wie vor eine Bewertung von einer Billion Dollar an. Seine Berater haben ihm jedoch zu mehr Geduld geraten – mindestens bis 2027. Das zeigt: Selbst für ein Unternehmen wie Open AI ist eine solche Bewertung im gegenwärtigen Umfeld nicht ohne weiteres zu erreichen.Die Erinnerung an die Finanzkrise von 2007 ist noch immer da.Passend zum Artikel