Mel Brooks zum 100. Geburtstag: «Ich bin der einzige Jude, der an Hitler verdient hat»Er hat sich früh über die Nazis lustig gemacht, alle Filmgenres parodiert und hält guten Geschmack für den grössten Feind der Komödie. Nun wird der grosse Komiker 100 Jahre alt – und steht noch immer vor der Kamera.Viola Schenz28.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenSagt zu keinem Witz Halt: Der amerikanische Komiker Mel Brooks feiert am 28. Juni seinen 100. Geburtstag.Everett Collection / ImagoManchmal gerät sein Humor rabenschwarz. «Tragödie ist, wenn ich mir in den Finger schneide. Komödie ist, wenn man in einen offenen Abwasserkanal fällt und stirbt.» Mel Brooks experimentiert, überschreitet Grenzen und lotet aus, wie weit Komik gehen darf.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Guter Geschmack ist der Feind der Komödie» lautet seine Devise. Hinter seinem Namen stehen die Bezeichnungen Komiker, Theaterproduzent, Schauspieler und Autor. Man könnte die Reihe ergänzen um Musiker, Sänger, Tänzer, Imitator – vor allem aber um «mentsch», Jiddisch für eine aufrechte, gute Person.Als Sohn jüdischer Immigranten aus Kiew und Danzig kommt er 1926 unter ärmsten Bedingungen im New Yorker Stadtteil Brooklyn zur Welt. Sechs Jahre später stirbt sein Vater an Nierenversagen, die Mutter muss Melvin und die drei älteren Brüder allein weiter grossziehen. Der kleingeratene, kränkelnde Jüngste leidet unter den Hänseleien der anderen Kinder.Hilfe von Queen MumMel eignet sich früh eine praktische jüdische Tugend an: dem Schicksal Humor entgegenhalten, sich nicht mit Schlagkraft behaupten, sondern mit Schlagfertigkeit. Und mit Pragmatismus: Weil man es ausserhalb Brooklyns mit einem angelsächsisch klingenden Namen weit einfacher hat, ändert der Teenager den Familiennamen Kaminsky in Brooks, abgeleitet von Brookman, dem Mädchennamen der Mutter.Arbeiteten in mehreren Filmen zusammen: Marty Feldman und Dom DeLuise mit Mel Brooks in «Silent Movie».ImagoAntisemitismus ist im Amerika der dreissiger und vierziger Jahre geläufig, Juden der Zutritt zu «guten» Universitäten, Klubs oder Hotels oft verwehrt. Das jüdische Ostküstenbürgertum trifft sich sommers in «seinen» Ferienlagern der Catskill Mountains in Upstate New York. In deren Abendprogramm treten Wortnarren auf – und nennen das Stand-up-Comedy.Auch der junge Brooks reist in die Catskills, als Schlagzeuger einer Band. Als ein Komiker erkrankt, springt er für ihn ein, unter grossem Applaus. Fortan dichtet er Slogans und Drehbücher für Werbung und TV-Shows. 1949 engagiert ihn der Starkomiker Sid Caesar als Gagschreiber, an der Seite eines anderen Witzbolds namens Woody Allen.Einen eigenen Namen macht sich Brooks in den frühen Sechzigern, zusammen mit dem Schauspieler Carl Reiner und mit Komödienschallplatten. Die Serie «The 2000 Year Old Man», eine Persiflage auf den «Wandernden Juden», spielt die Klaviatur des jüdischen Humors durch, von feinsinnig-subversiv bis derb-anarchisch. Die Serie wird ein Erfolg – vor allem in den jüdischen Ferienkolonien der Catskills, noch nicht im protestantisch geprägten Mainstream-Amerika.Cary Grant kommt zu Hilfe. Der in England geborene Filmstar drückt bei einem Heimatbesuch niemand Geringerem als Queen Mum eine der Platten in die Hand. Sie, die «most famous shiksa in the world» (O-Ton Brooks), die «berühmteste Nichtjüdin», ist so begeistert, dass sie nach weiteren Platten des «2000-Jahre-Manns» verlangt.Als der 1,65 Meter kleine Scherzkeks 1961 die damals schon berühmte Schauspielerin Anne Bancroft kennenlernt, erobert er sie mit – was sonst? – Witz und Beharrlichkeit («Ich ging einfach überallhin, wo auch sie hinging»). Beim ersten Date in einem chinesischen Restaurant ist Brooks so klamm, dass ihm Bancroft unter dem Tisch einen 20-Dollar-Schein reichen muss, damit er, der Mann, stilecht zahlen kann.Die Liebe seines Lebens: Mel Brooks mit Anne Bancroft 1974.ImagoTrotzdem heiraten sie 1964, für beide ist es die zweite Ehe, eine Seelenverwandtschaft. Bancroft, Tochter italienischer Einwanderer aus der Bronx, inspiriert ihn zu seinem erfolgreichsten Werk, zur Filmkomödie «The Producers» (1967) über einen jüdischen Broadway-Produzenten, der sich mit einem inszenierten Bühnenflop über Adolf Hitler sanieren will. Das Drehbuch bringt Brooks 1968 einen Oscar ein.Den wahren Durchbruch aber hat Brooks in den siebziger Jahren mit Parodien auf bekannte Genrefilme wie «Young Frankenstein» (Horror), «Silent Movie» (Stummfilm) oder «High Anxiety» (Thriller). Komödienklassiker, aber auch Humor hat seine Moden. Über furzende Cowboys («Blazing Saddles») amüsieren sich heute vermutlich nur noch Kleinkinder. Doch in den wüsten Werken verstecken sich Perlen zeitloser Komik, der zauselige Rabbi etwa, der in «Robin Hood: Men in Tights» anhand einer Karotte und einer Miniguillotine die Beschneidung veranschaulicht.Ist sich für keinen Gag zu schade: Brooks am Set der Hitchcock-Persiflage «High Anxiety».ImagoMit 100 Jahren noch vor der KameraBrooks kann auch ernst sein, produziert Filme wie «The Elephant Man» (1980) und Tragikomisches wie 1983 das Remake von Ernst Lubitschs Warschauer-Ghetto-Komödie «To Be or Not to Be» mit dem «Hitler Rap» als Titelsong. Ohnehin erweisen sich die Nazis als einträglich: 2001 wird die Musicalfassung von «The Producers» die bis dahin erfolgreichste Broadway-Produktion, sie erhält zwölf Tonys. Damit zählt Brooks zu den wenigen Künstlern, die mit einem Oscar, einem Emmy-, einem Grammy- und einem Tony-Award geehrt wurden. Sein Kommentar: «Ich bin der einzige Jude, der an Hitler verdient hat.»In «To Be or Not to Be» spielt er an der Seite seiner Frau. 41 Jahre lang, bis Bancrofts Krebstod 2005, sind die beiden unzertrennlich, privat wie künstlerisch. «Sie war ein Geschenk Gottes», sagt Brooks Jahre später den Tränen nahe in einem TV-Auftritt. Er meistert auch diesen Schicksalsschlag. Mit 100 Jahren steht Brooks noch immer vor der Kamera: Nächstes Jahr ist er in «Spaceballs: The New One» zu sehen.Sowohl vor der Kamera als auch auf dem Regiestuhl aktiv: Mel Brooks bei den Dreharbeiten von «Blazing Saddles».ImagoPassend zum Artikel
«Guter Geschmack ist der Feind der Komödie»: Mel Brooks wird 100 Jahre alt
Er hat sich früh über die Nazis lustig gemacht, alle Filmgenres parodiert und hält guten Geschmack für den grössten Feind der Komödie. Nun wird der grosse Komiker 100 Jahre alt – und steht noch immer vor der Kamera.










