Der Blick richtet sich nach oben. „Boah“, sagt ein kleiner Junge, „Papa, komm!“ Er rennt die Stufen hoch und nähert sich Mount Rushmore. Es sind mehr als hundert Touristen, die an diesem heißen Nachmittag im Juni das Monument in South Dakota besuchen. Die meisten sind Familien, die mit riesigen Wohnmobilen den Bundesstaat bereisen, um die Badlands zu sehen, den Nationalpark mit der atemberaubenden Erosionslandschaft sowie die Granitklippen und die Bisons im benachbarten Custer State Park.Hauptattraktion sind aber die Präsidentenköpfe, die in einen Felsen der Black Hills Mountains geschlagen wurden. Mount Rushmore trägt den Beinamen „Shrine of Democracy“, den ihm Bildhauer Gutzon Borglum gab – Heiligtum der Demokratie.Es ist der Ort, an dem am 3. Juli, am Vorabend des Nationalfeiertags, der 250. Jahrestag der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten zelebriert werden soll. Mit Donald Trump und einem großen Feuerwerk. Es soll ein patriotisches Hochamt werden – als Teil von Trumps „Freedom 250“-Feierlichkeiten. Der 4. Juli selbst wird auf der National Mall in Washington begangen.

Ursprünglich war auf der „Great American State Fair“ viel Livemusik geplant. Aber das Konzertprogramm wurde gekürzt, nachdem mehrere Künstler ihre Teilnahme abgesagt hatten, weil sie Trump vorwerfen, den 4. Juli zu missbrauchen. Nun plant der Präsident trotzig eine seiner berüchtigten Kundgebungen samt militärischer Flugschau. Nationalfeiertage, zumal runde, sind eigentlich Anlass für eine Selbstvergewisserung. Das Land bekommt stattdessen eine Trump-Show in Washington und eine am Mount Rushmore.Neben George Washington, dem Kommandeur der Kontinentalarmee im Revolutionskrieg gegen die britische Kolonialmacht und späteren ersten Präsidenten, sind Abraham Lincoln, der die Union im Bürgerkrieg gegen die Südstaaten verteidigte, sowie Theodore Roosevelt in den Felsen gemeißelt, der Held des Spanisch-Amerikanischen Krieges. Und natürlich Thomas Jefferson, Hauptverfasser der Unabhängigkeitserklärung, der später der dritte Präsident der Vereinigten Staaten wurde.Leben, Freiheit und das Streben nach GlückseligkeitJeder amerikanische Schüler lernt den zweiten Absatz dieses Gründungsdokuments der Demokratie in Amerika von 1776 auswendig: „We hold these truths …“ – „Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass zu diesen Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit gehören.“22. Juli 1929: Bildhauer Gutzon Borglum dirigiert die Arbeiter am Kopf von George Washington.Picture AllianceWas in der Highschool dagegen selten unterrichtet wird, ist die folgende Anklage gegen den englischen König George III.: „Er hat im Inneren Aufstände in unserer Mitte angezettelt und versucht, auf unsere Grenzbewohner die erbarmungslosen indianischen Wilden zu hetzen, deren Kriegführung bekanntlich darin besteht, ohne Unterschied des Alters, Geschlechts oder (des körperlichen und geistigen) Zustands alles niederzumetzeln.“Wie der kleine Junge, der die Stufen hochrennt, beachten die meisten Besucher ein kleines Denkmal im Eingangsbereich von Mount Rushmore nicht weiter. Es ist ein bescheidener, kreisrunder Kräutergarten, der vor einigen Jahren angelegt wurde. Genauer gesagt: Rylan Sprague hat ihn angelegt.Er arbeitet als Botaniker bei der Nationalen Parkverwaltung, die für Mount Rushmore zuständig ist. Und er macht deutlich, dass es sich um mehr als nur ein Hochbeet mit Salbei und Bisongras handelt. Es ist ein ethnobotanischer Garten, dessen einzelne durch Steine getrennte Felder in Richtung bedeutsamer Orte in den Black Hills weisen, einem Gebirgszug, der von South Dakota bis nach Wyoming reicht.Jenseits von „Indianerkitsch“Für die Ureinwohner der Prärie sind die Berge ein heiliger Ort, auch Mount Rushmore. Die Sioux nennen ihn Thunkasila Sakpe, Sechs Großväter. Sie verorten ihren mythischen Ursprung und ihr spirituelles Zentrum in den Black Hills. Doch da fangen die Probleme schon an. Die Sioux nennen sich heute gar nicht mehr Sioux. Das Wort stammt nämlich von französisch-kanadischen Trappern, die bei der Bieberjagd auf die Ureinwohner stießen, deren größte Stämme in den Plains die Lakota, Dakota und Nakota waren.Rylan, der Botaniker, ist ein Lakota. Sein Vater ist noch in der Cheyenne River Reservation aufgewachsen. Er selbst wurde in Spearfish groß, einer kleinen Universitätsstadt nördlich der Black Hills. Nach dem Botanikstudium arbeitete der heute 46 Jahre alte Mann in unterschiedlichen Nationalparks. Bis das Coronavirus ihn seinen Job kostete. Nach der Pandemie hörte er von einer Stelle am Mount Rushmore. Rylan zögerte: Wollte er wirklich da anheuern, bei der Gedenkstätte des „weißen Mannes“, Symbol für den Landraub im Westen?Die Parkleitung warb um Rylan. Er passe ins Profil. Man wolle weg von einem reinen „Go West“-Narrativ und fortan eine inklusivere Geschichte erzählen, in der auch die Sicht der Ureinwohner zur Geltung komme. Bislang hatte man nur drei Tipis im Park unterhalb der Präsidentenköpfe aufgestellt, stellvertretend für die drei Sioux-Stämme – das hatte etwas von „Indianerkitsch“. Nun aber solle ein wissenschaftlicher Ansatz verfolgt werden, sagte man Rylan. Und dafür brauche man ihn. Er schlug ein. Der Garten war sein erstes Projekt, und es wurde zur Herzensangelegenheit. Rylan betrachtet es als Chance, die Gedenkstätte in eine gesamtamerikanische Erzählung einzubetten.Rylan Sprague vor seinem Garten am Mount RushmoreMajid SattarMount Rushmore war anfänglich gar nicht politisch. Das Denkmal in der Nähe der alten Bergbausiedlung Keystone sollte den Tourismus fördern. Doane Robinson, der Staatshistoriker South Dakotas, wollte ursprünglich „Helden des amerikanischen Westens“ in den Berg meißeln – von den Forschern Lewis und Clark, die nach dem Louisiana-Landkauf 1803 von Jefferson auf eine Expeditionsreise geschickt worden waren, um den Westen zu entdecken, bis hin zu Crazy Horse, den legendären Lakota-Häuptling. Eine historisch etwas unbekümmerte Herangehensweise: die Vorhut der territorialen Expansion und deren Opfer nebeneinander. Es kam bekanntlich anders.Der Berg, der am Ende ausgewählt wurde, ist nach Charles Rushmore benannt, einem New Yorker Anwalt, der Ende des 19. Jahrhunderts, nach dem Goldrausch in South Dakota, Bergwerksgesellschaften beriet. Der Goldrausch führte letztlich dazu, dass das Land der Black Hills, das 1868 im Vertrag von Fort Laramie den Ureinwohnern als Great Sioux Reservation zugesprochen worden war, diesen wieder genommen wurde. Es war die Zeit der „Plains Indian Wars“, der „Indianerkriege“ im Westen, die noch über Jahre geführt werden sollten.Bildhauer Borglum setzte sich letztlich mit der Idee durch, die vier Präsidentenköpfe in den Stein zu meißeln. Präsident Calvin Coolidge unterstützte das Projekt; Bundesmittel wurden bereitgestellt. Die Bauarbeiten begannen 1927, also vor nahezu hundert Jahren. Als der Kopf Jeffersons fertiggestellt war, reiste Präsident Franklin D. Roosevelt zum Mount Rushmore und sinnierte in einer Ansprache darüber, was nachgeborene Amerikaner einmal im Angesicht des Denkmals denken würden. „Lasst uns hoffen, dass sie uns glauben, dass wir ehrlich darum bemüht waren, stets für unsere Nachkommen ein brauchbares Land und eine ehrbare Regierungsform zu bewahren.“Ende 1941, wenige Wochen vor dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg, war das Projekt fertiggestellt. Unterhalb der Köpfe liegt noch immer das aus dem Felsen geschlagene Geröll.Rylan muss sich viel anhören. Dass er als Ureinwohner am Mount Rushmore arbeitet, halten nicht wenige für Verrat, zumindest für eine Beteiligung am Versuch, die amerikanische Geschichte zu beschönigen. „Manchmal erwidere ich auf solche Vorwürfe, dass wir alle eine Rolle haben, die Lage unserer Leute zu verbessern: Protest ist ein legitimer Weg. Bildungsarbeit aber auch“, sagt Rylan.Sie hat es aus dem Reservat herausgeschafftDie Entscheidung, die Stelle anzutreten, hatte seinerzeit auch zu Diskussionen mit seiner Frau geführt. Victoria Sprague, die sich Rosie nennt, hatte anfänglich ebenfalls Bauchschmerzen. Noch heute spricht sie nur vom „Mount“ – der Name Rushmore kommt ihr nicht über die Lippen. Die 35 Jahre alte Frau zählt zu jenen, die es geschafft haben, aus der „Reservation“ herauszukommen. Auch sie hat sich für Bildungsarbeit entschieden. Rosie ist stellvertretende Direktorin am Center for American Indian Studies der Black Hills State University (BHSU).Die BHSU in Spearfish hat 26.000 Studenten – 15 Prozent von ihnen sind Ureinwohner. Es ist der höchste Anteil von allen Colleges in South Dakota, einem Bundesstaat mit nur 935.000 Einwohnern, 8,5 Prozent von ihnen Ureinwohner. Die Statistik hat allerdings Tücken. An der Uni etwa können Studenten unterscheiden zwischen „Ethnie“ und „Rasse“.Einige Studenten kreuzen bei Ethnie Ureinwohner an, bei Rasse aber weiß, wenn etwa ein Elternteil europäischen Ursprungs ist. Auch Rosie kommt aus einer „gemischten“ Familie. Ihr Vater war Mexikaner. Da dieser aber in ihrem Leben keine Rolle spielte und sie mit der Latinokultur nicht in Berührung kam, bezeichnet sie sich nur als „Native American“.Victoria „Rosie“ Sprague mit einem Kollegen an der Black Hills State UniversityMajid SattarDass ihr Institut immer noch den alten Begriff „Indian“ im Namen trägt, hat pragmatische Gründe. Die finanzielle Förderung der Einrichtung durch die Behörden in Washington und in Pierre, der kleinen Hauptstadt des Bundesstaates, beruht auf Rechtsgrundlagen, die den alten Namen benutzen. Eine Änderung, so die Befürchtung in Spearfish, könnte die Mittel gefährden – gerade in Zeiten, in denen alles, was mit Diversität zu tun hat, ein rotes Tuch für die Regierung in Washington ist.Rosie mag den Begriff „mixed race“ nicht, der in den Vereinigten Staaten durchaus üblich ist. Es gebe unterschiedlichste Identitäten, sagt sie; die meisten klärten die Frage, wer sie sind, ganz individuell für sich selbst. Natürlich gibt es auch Leute, die sich von ihren Wurzeln entfernen und in der Mehrheitsgesellschaft aufgehen. Sie werden „Äpfel“ genannt – außen rot, innen weiß.Rosie und Rylan haben ihr Leben hingegen immer im Bewusstsein ihrer Herkunft gelebt. Beide haben den sozialen Aufstieg geschafft, haben studiert und nichts mehr mit dem Leben im Reservat zu tun. Es wäre ein Leichtes gewesen, in der Mehrheitsgesellschaft aufzugehen. Das wollten sie aber nicht. Auch nicht für ihre beiden Kinder.Die große amerikanische Demokratiegeschichte birgt zwei UrsündenDie große amerikanische Demokratiegeschichte birgt zwei Ursünden. Die eine war die Verdrängung und Ermordung der Ureinwohner. Die andere die Sklaverei. Der schwarze Abolitionist Frederick Douglass hielt 1852 in Rochester im Bundesstaat New York, wo einst die „Underground Railroad“ endete, die geheime Fluchtroute für Sklaven aus den Südstaaten, eine legendäre Rede: „Was der 4. Juli für die Sklaven bedeutet“. Die Verpflichtung zu „Leben, Freiheit und dem Streben nach Glückseligkeit“ verdiene Anerkennung, sagte er. Der Feiertag aber, so Douglass an das weiße Amerika gerichtet, „gehört euch, nicht mir. Ihr könnt jubeln, ich muss trauern“.13 Jahre später, mit dem Sieg der Nordstaaten über die Südstaaten, endete die Sklaverei. Die neu erworbene Freiheit war für viele Afroamerikaner aber nur eine rein formale; die Rassentrennung in den Südstaaten blieb noch weitere hundert Jahre Realität. Den Ureinwohnern, um die es im Bürgerkrieg nicht ging, brachte der Sieg der Nordstaaten keine Freiheit. Zwar waren sie nie Leibeigene. Aber sie wurden weiter an den Rand gedrängt. Unter Lincoln, den die Amerikaner, links wie rechts, zu ihren größten Präsidenten zählen, wurde 1862 der Homestead Act, das Landnahmegesetz für den Westen, verabschiedet. Die „Indianerkriege“ sollten jetzt erst richtig losgehen.Jeffersons Sicht auf die Ureinwohner, denen er als Heranwachsender in Virginia mitunter begegnet war, war ebenso ambivalent wie seine Auffassung zur Sklaverei. Anfänglich, ganz Kind des Zeitalters der Aufklärung, nannte er deren Kultur eine „Zivilisation“. Er schrieb, dass die „Indianer“ dem „weißen Mann“ gleichgestellt seien. Man müsse nur deren Umwelt ändern, um sie zu vollständigen Amerikanern zu machen. Da diese sich aber weigerten, ihr halb nomadisches Leben als Jäger aufzugeben, ging er später dazu über, sie als „Wilde“ zu bezeichnen.29. Dezember 1890: Unter den getöteten Lakota war auch Häuptling Spotted Elk, genannt Big FootepdIm Unabhängigkeitskrieg unterstützte die Mehrheit der Stämme die britische Kolonialmacht, die das Gebiet westlich der Appalachen gegen den Willen vieler Siedler den Ureinwohnern zugesprochen hatte. Nach dem Louisiana-Landkauf durch Jefferson und der folgenden Expansion nach Westen war der Konflikt mit den Ureinwohnern in der Prärie unvermeidlich. Im Indian Removal Act von 1830 wurde beschlossen, alle Ureinwohner östlich des Mississippis umzusiedeln. Alles Land westlich des Flusses war der Wilde Westen. Die „Frontier“, das Grenzland, verschob sich immer weiter.Die Lakota waren – neben den Cheyenne und den Comanchen – zähe Gegner des amerikanischen Heeres. Nach dem Goldfund in den Black Hills im Jahr 1874 wurden die noch frei lebenden Lakota aufgefordert, in die Reservate zu ziehen. Diese wehrten sich. In der Schlacht am Little Bighorn 1876 vernichteten die Stämme von Sitting Bull und Crazy Horse das siebte Kavallerieregiment unter General George Custer. Die Ära der „Indianerkriege“ endete 1890 mit dem Massaker von Wounded Knee, bei dem 300 Lakota getötet wurden. Der Widerstand war gebrochen.Anfang der Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts flackerte der Protest wieder auf. 1973 besetzten Ureinwohner Wounded Knee, woraufhin bewaffnete amerikanische Sicherheitskräfte den Ort zwei Monate lang belagerten. Erst 1980 stellte der Supreme Court im Fall United States v. Sioux Nations of Indians fest, dass der Staat gegen den Vertrag von Fort Laramie von 1868 verstoßen und den Ureinwohnern in South Dakota das Land unrechtmäßig genommen hatte. Der Oberste Gerichtshof urteilte, dass eine Entschädigung im heutigen Wert von einer Milliarde Dollar zu zahlen sei – eine Zahlung, welche die Stämme aber ablehnten, sie verlangten die Rückgabe des Landes der Black Hills.Wounded Knee, ein Örtchen mit 350 Einwohnern, liegt im Süden der Pine Ridge Reservation. Touristen verirren sich selten hierher, und das hat einen Grund: Das Reservat mit 20.000 Einwohnern, das nur über wenig Agrarfläche verfügt, zählt zu den ärmsten Gegenden Amerikas. 90 Prozent sind arbeitslos, 54 Prozent leben unterhalb der Armutsgrenze, die Kindersterblichkeit liegt fünfmal höher als im Landesdurchschnitt, Diabetes als Todesursache dreimal höher, die Selbstmordrate unter Jugendlichen viermal höher. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt 67 Jahre – eine der niedrigsten im Land. Alkoholismus und Kriminalität sind weit verbreitet.An dem Bach Wounded Knee, der dem Ort seinen Namen gab, soll Crazy Horse begraben liegen. 25 Kilometer vom Mount Rushmore entfernt entsteht deshalb ein Monument, das 33-mal größer ist als die steinernen Präsidenten. Während am Mount Rushmore Köpfe in einen Felsen gemeißelt wurden, wird hier – seit 80 Jahren – ein ganzer Berg in ein Monument verwandelt. Es zeigt den berühmten Häuptling der Oglala Lakota, einer der sieben Unterstämme des Lakota-Volkes, und wenn es dereinst fertig ist, wird es ihn auf einem Pferd darstellen.27. März 1973: Ureinwohner bewachen den Zugang zu Wounded KneePicture AllianceMan kann das Denkmal als Antipoden zu Mount Rushmore betrachten, aber die Wirklichkeit ist komplizierter. Initiiert wurde das Monument von Henry Standing Bear, einem Lakota-Häuptling. Er wandte sich 1939 an den Bildhauer Korczak Ziolkowski, der zuvor am Denkmal von Mount Rushmore mitgearbeitet hatte. Es ging also weniger darum, den Präsidentenköpfen etwas entgegenzusetzen, als darum, sie zu ergänzen – um der komplexen Geschichte Genüge zu tun. Der Krieg verschob den Baubeginn. Dass das Vorhaben buchstäblich ein Jahrhundertprojekt wurde, liegt aber auch daran, dass es nur von privaten Spenden finanziert wird. Bundesmittel gibt es nicht.Rylan, der Botaniker, ist ein Nachkomme von Crazy Horse. Das Projekt betrachtet er trotzdem skeptisch. Erstens findet er, man könne das Denkmal vom Mount Rushmore nicht dafür kritisieren, dass es die heiligen Black Hills entweiht habe, dann aber selbst einen Felsen verfremden. Zweitens ist das Bild von Crazy Horse eine bloße Phantasievorstellung. Der Häuptling habe sich stets geweigert, sich fotografieren oder malen zu lassen. Keiner weiß, wie er wirklich aussah.Zwischen Mount Rushmore und dem Crazy-Horse-Denkmal liegt eine große Ranch, auf der viele Wohnmobilurlauber Halt machen. Sie können hier für ein paar Tage unterkommen und die alte Westernkultur nachleben. In der Nachbarschaft gibt es kleine Ortschaften mit Saloons. An den Wänden hängen Knarren, und getrunken wird hauptsächlich Bourbon.Es sind ausschließlich weiße Familien, die hier Urlaub machenZu der Ranch gehört ein Gestüt. Am späten Nachmittag werden Ausritte organisiert. Junge Wrangler reiten voraus und erklären das Gelände und die Tierwelt der Black Hills: Präriehunde, Rotwild und Dickhornschafe ergreifen die Flucht, wenn sie das Schnauben der Pferde hören.Es sind nahezu ausschließlich weiße Familien, die hier Urlaub machen. Viele der Männer beim Ausritt haben US-Flaggen oder Weißkopfseeadler auf ihren Armen tätowiert. Als der Ausflug in ein Barbecue mündet, kommen einige Frauen und kleine Kinder mit dem Planwagen hinterher. Männer mit langen Bärten, in Jeans, Boots und Cowboyhut gekleidet, legen Steaks auf den Grill und kochen Bohnen. Es gibt Limonade und Eistee. Bier muss man selbst mitbringen.Während die Steaks über dem Feuer brutzeln, stimmen zwei Countrymusiker Sheb Wooleys alten Song „How The West Was Won“ an. Der ältere der beiden fragt in die Runde, woher die Leute so kämen: Wyoming, Montana, Indiana, Iowa, Idaho – Trump-Land. Als der Musiker erfährt, dass einer der Mitreitenden aus Washington, D.C., kommt, entgegnet er: „Oh, son, I am very sorry for you.“ Nur halb im Scherz. Die Ostküste ist Feindesland.Amerika erlebt seit einigen Jahren – auch das eine Facette des Trumpismus – eine Renaissance der Westernkultur. Hollywood, eigentlich das Bollwerk der linken Deutungsmacht, reagiert auf diesen Trend: Geld ist Geld. Serien wie „Yellowstone“ und „1883“ sind Blockbuster. Gewiss, es sind keine simplen Cowboy-und-Indianer-Geschichten mehr. Es wird weniger geschossen. Aber das Thema ist das gleiche, neu interpretiert: der Mann und die Wildnis, Freiheit und Abenteuer, Gut und Böse. Fluchtpunkte. Einfache Antworten in einer komplizierten Welt.Rylan lebt zwischen den Welten. Moralischer Rigorismus hat da keinen Platz. Um sein Leben zu leben, muss er pragmatisch sein. Fragen danach schmunzelt er weg. In einer Sache aber ist Rylan entspannt. Dem Gerede darüber, dass man auch das Gesicht Trumps in den Felsen schlagen könnte, schenkt er keine Beachtung.Als Kristi Noem, die bis vor Kurzem als Trumps Heimatschutzministerin diente, 2018 zur Gouverneurin von South Dakota gewählt worden war, arbeitete sie daran, den Präsidenten zu einem großen Spektakel am Mount Rushmore zu locken, was er dann am 4. Juli 2020 tatsächlich tat. Den seinerzeitigen Gegendemonstranten warf sie vor, die Gründerväter zu diskreditieren. Trump sagte, Mount Rushmore sei eine „ewige Hommage an unsere Vorväter und unsere Freiheit“.Noem übergab ihm eine Nachbildung der Präsidentenköpfe, die um einen fünften erweitert war: den Kopf Trumps. Die Republikanerin, die sich damals Hoffnungen machte, sie könnte in Trumps zweiter Amtszeit dessen Vizepräsidentin werden, kannte dessen Sucht nach Selbstverherrlichung – zuvor hatte sich ein Mitarbeiter des Weißen Hauses bei ihr gemeldet, um sich zu erkundigen, wie das politische Verfahren zur Erweiterung des Monuments aussehe. Als Trump im Januar vergangenen Jahres ins Weiße Haus zurückkehrte, legte eine Abgeordnete des Repräsentantenhauses tatsächlich einen Entwurf vor, um das Monument um den 45. und 47. Präsidenten zu erweitern.Trumps Kopf auf dem Mount Rushmore?Rylan schüttelt den Kopf. Man habe aus dem Stein alles herausgeholt, was gehe. Das könne man also vergessen. Außerdem, fügt er süffisant hinzu, wäre es so, als würde man „Snoopy in die Mona Lisa hineinmalen“.Wenn man Rylan und Rosie auf den diesjährigen 4. Juli anspricht, verdrehen sie die Augen. Für Rosie ist, was die Feierlichkeiten an Mount Rushmore betrifft, schon die Wahl des Ortes ein Schlag ins Gesicht. Rylan wiederum ist unglücklich über das riesige Feuerwerk, das Trump plant – trotz der Bedenken von Umweltschützern wie ihm. Aber der Präsident wolle seine Show. Da könne man nichts machen.Auch ohne das 250. Jubiläum – der 4. Juli war für die beiden, wie für viele Indigene, immer eine ambivalente Angelegenheit: Sie sind amerikanische Ureinwohner, aber sie sind auch Amerikaner. Antiamerikanismus liegt ihnen fern. Zur Forderung der Land-Back-Bewegung sagt Rosie nüchtern: „Das wird nicht passieren.“ Für sie geht es um Teilhabe und Respekt. Der Nationalfeiertag ist für beide sowohl Ausdruck der Demokratiegeschichte Amerikas als auch Erinnerung an den Anfang vom Ende ihrer Kultur. Mit diesem Widerspruch leben sie.Rylan und Rosie werden den 4. Juli so verbringen wie immer: fernab der offiziellen Feierlichkeiten, nur mit Familie und Freunden. Bei einer Grillparty mit Hotdogs und Bier.