Flucht aus dem Sudan: «Nach dem Putsch konnte jedem alles passieren»Die sudanesische Autorin und Aktivistin Stella Gaitano hält ihrer Gesellschaft mit ihrem neuen Roman den Spiegel vor.28.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDie Autorin Stella Gaitano lebt im Exil in Deutschland.Seher Al-RiehDie Südsudanesin Stella Gaitano ist sowohl Schriftstellerin als auch politische Aktivistin. Als 2019 der Präsident des Sudans, Umar al-Baschir, nach dreissigjähriger Herrschaft gestürzt wurde, engagierte sich die Autorin für ihr Land: «Damals schien alles möglich, es war eine grossartige Zeit», sagt sie rückblickend. Doch 2021 machte ein Militärputsch alle politischen Träume zunichte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Stella Gaitano hatte sich politisch exponiert, nun erhielt sie Drohanrufe: «Das war sehr beängstigend, denn es war klar: Nach dem Putsch konnte jedem alles passieren.» Dank der Organisation PEN Writers in Exile konnte sie 2022 nach Deutschland fliehen. Als sie damals um Mitternacht in der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Kamen ankam, wollte sie nur Ruhe: «Ich fühlte mich, als käme ich aus einer Schlacht, völlig erschöpft, mein ganzer Körper schmerzte.»Bibliotheken aufbauenStella Gaitano kennt sowohl den muslimisch geprägten, arabischsprachigen Sudan des Nordens als auch den Südsudan, in dem neben dem Christentum die Stammesreligionen lebendig geblieben sind und wo die Analphabetenquote 75 Prozent beträgt. Als der Südsudan 2011 unabhängig wurde, musste sie aufgrund ihrer Herkunft Khartum verlassen und in den Süden ziehen, denn ihre Eltern stammten aus dem Südsudan. Dort gründete Gaitano ein Netzwerk, um Bibliotheken zu schaffen, sie engagierte sich für Bildung – und kritisierte in ihren Texten die Machthaber des neuen Staats. Dies führte dazu, dass sie 2015 aus dem Südsudan ausgewiesen wurde und wieder nach Khartum zurückkehren musste.Heute lebt sie mit ihren beiden Söhnen in Kamen, wo sie sich ausgesprochen wohlfühlt; hier fand auch die Buchpremiere ihres Romans «Eddos goldenes Lächeln» statt, der es kürzlich auf die Shortlist des Internationalen Buchpreises geschafft hat. Stella Gaitanos Bücher erzählen in einer dichten, bilderreichen Prosa vom Sudan: «Eddos goldenes Lächeln» spielt in den 1960er und 1970er Jahren. Die Autorin wählte diese Zeit, um von den Machtkämpfen zu erzählen, die das Land von Anfang an zerrissen und zu den verheerenden Kriegen der letzten Jahre führten. Eddo, der zehn Kinder gleich nach der Geburt gestorben sind, ist eine geradezu mythische Gestalt. Ihre einzige überlebende Tochter Lucy wird vor dem Krieg aus dem Südsudan in den ihr völlig unbekannten Norden fliehen und dort einen Kulturschock ganz eigener Art erleben.Keine Angst vor TabusIm Sudan erschien der Roman bereits 2018. Aktuell ist er auch heute noch, zumal Stella Gaitano vor keinem Tabu zurückschreckt. Es geht nicht nur um Vertreibung, Krieg und die Diskriminierung der Südsudaneser durch die Bewohner des Nordens, sondern auch um die Kritik an der patriarchalen Männlichkeit und die grausame Genitalbeschneidung der Mädchen, die im islamisch geprägten Norden immer noch üblich ist.Stella Gaitano hält ihrer Gesellschaft den Spiegel vor, und letztlich war das der Grund dafür, dass sie ihr Land verlassen musste. In ihrer kriegszerstörten Heimat allerdings liest jetzt niemand mehr Bücher. Trotzdem sei es wichtig, weiterzuschreiben, um die Erinnerung für die nächste Generation lebendig zu halten, sagt sie. Ausserdem hat Stella Gaitano im Exil ein neues Lesepublikum gefunden: «Die Menschen lernen durch meine Bücher den Sudan kennen. Darin sehe ich jetzt meine Aufgabe.»Stella Gaitano: Eddos goldenes Lächeln. Aus dem Arabischen übersetzt von Larissa Bender. Kiepenheuer & Witsch 2026. 288 SeitenEin Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Flucht aus Sudan: Stella Gaitano über Angst, Exil und Hoffnung
Die sudanesische Autorin und Aktivistin Stella Gaitano hält ihrer Gesellschaft mit ihrem neuen Roman den Spiegel vor.






