Die türkisch-deutsche Autorin Tezer Özlü schuf mit ihrem Erinnerungsbuch «Die kalten Nächte der Kindheit» ein erschütterndes und bleibendes Werk.Von Peter Henning28.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDer Weg der Autorin Tezer Özlü führte von Anatolien über Istanbul und Berlin bis nach Zürich. Im Bild: Tankstelle in Anatolien 1955.Sartorius / Interfoto/ Keystone«Mut geben mir nur die Toten, in deren Beschreibungen ich lebe», notierte die 38-jährige Schriftstellerin und Übersetzerin Tezer Özlü 1986. Das war vier Jahre vor ihrem Tod. Der Suhrkamp-Verlag macht es nun möglich, ihr Werk zu entdecken, zuerst mit Kurztexten in «Auf den Spuren eines Selbstmords» und nun mit «Die kalten Nächte der Kindheit».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In diesem Erinnerungsbuch begegnen wir Tezer Özlü als Mädchen und junger Frau, die, getrieben von ihrer Sehnsucht nach der Grossstadt, beginnt, eigene Gedankenwege zu gehen. Durch eine Heirat hofft sie, der Enge der Provinz zu entgehen. Doch in ihrer Ehe fühlt sie sich gefangen, leidet unter depressiven Schüben und hegt Selbstmordgedanken. So nimmt Özlü Zuflucht zur Literatur, allem voran zu den Büchern des von ihr verehrten Cesare Pavese. Hier findet sie eine geistige Heimat, in der sie sich beschützt weiss vor den Zumutungen einer Welt, denen sie sich nicht gewachsen fühlt.Özlü, 1943 im westanatolischen Simav als Tochter eines eingefleischten Kemalisten geboren, blickt auf die Vita einer Frau zurück, der jenseits ihres Schreibens nur wenige Dinge Mut zu machen vermögen. Darin erinnert die Schriftstellerin, deren depressive Schübe sie in wechselnde psychiatrische Anstalten führten, an Autorinnen wie Sylvia Plath, Anne Sexton und Tove Ditlevsen, die ähnliche Erfahrungen ebenso radikal in bleibende Literatur verwandelt haben.«Ich bin aus Schmerzen entstanden», schreibt Özlü in ihrem Bericht über ihre Pilgerfahrten zu den Gräbern ihrer Heroen Franz Kafka, Italo Svevo und Cesare Pavese. «Ich bin mit Elektroschocks getötet worden.» Sätze, die einem beim Lesen den Atem benehmen. Özlüs schmales Werk ist geprägt von derlei finsteren Erleuchtungen, die weit über die Grenzen des Sagbaren hinausgreifen und das Unbekannte beschwören – eine Welt hinter der sichtbaren. Dorthin brach Özlü auf, wenn sie vor ihren inneren Dämonen Reissaus nahm oder im Sex mit jüngeren Männern die eigene Selbstauflösung suchte.«Die kalten Nächte der Kindheit» beschreibt ihre Jahre in der österreichischen Klosterschule in Istanbul, die sie ab dem elften Lebensjahr besuchte. Dort überlebte sie nur mithilfe der heimlichen Lektüre von Gogol, Lermontow oder Tschechow. Es sind Erinnerungen einer Dichterin, die nur zu leben schien, wenn sie schrieb.Womöglich war Özlü nach der Begegnung mit ihrer letzten grossen Liebe, dem Germanisten Hanspeter Marti aus Glarus, den sie 1984 in ihrer Wahlheimat Berlin kennenlernte, bereit gewesen, die Dinge anders zu sehen. Doch ihre Beziehung währte nur kurz. Tezer Özlü erhielt die Diagnose Brustkrebs und starb nur ein Jahr später mit 43 Jahren in Zürich. «Ich bin nicht nur ein Schriftsteller, sondern eine ganze Literatur», bekannte der portugiesische Dichter Fernando Pessoa, einmal. Gleiches darf für Tezer Özlü gelten. Auf kaum mehr als 300 erschütternden Buchseiten schuf sie Weltliteratur.Tezer Özlü: Die kalten Nächte der Kindheit. Übersetzt von Deniz Utlu. Suhrkamp 2025. 112 Seiten.Passend zum Artikel
Aus Schmerzen entstanden: Das bleibende Werk von Tezer Özlü
Die türkisch-deutsche Autorin Tezer Özlü schuf mit ihrem Erinnerungsbuch «Die kalten Nächte der Kindheit» ein erschütterndes und bleibendes Werk.






