Neutrinos sind die Autisten im TeilchenzooDer Physiker Christian Spiering hat ein atemberaubendes Buch über Neutrinos geschrieben.André Behr28.06.2026, 05.30 Uhr2 LeseminutenDer Physiker Wolfgang Pauli (links), hier mit Albert Einstein in Zurich, beschrieb das Neutrino theoretische bereits in den 1930er Jahren.Science & Society Picture Library / Getty ImagesIm illustren Zoo der «Elementarteilchen», den Bausteinen der Materie, unterscheidet man je nach Eigenschaften diverse Arten. Ihre jeweiligen Massen und Ladungen sowie ihre Wechselwirkungen untereinander sind im sogenannten Standardmodell beschrieben, einer experimentell gut abgesicherten Theorie, die allerdings noch nicht ganz befriedigt, weil sie weder die sogenannte Dunkle Materie noch die Dunkle Energie abdeckt, Phänomene, die in der Kosmologie von zentraler Bedeutung sind. Eine spezielle Rolle kommt in diesem Standardmodell den Neutrinos zu: elektrisch neutrale, seltsame Elementarteilchen mit sehr geringer Masse.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Beschrieben hat man bis anhin drei Arten dieser autistischen Teilchen: das Elektron-, das Myon- und das Tau-Neutrino. Theoretisch vorhergesagt wurden sie bereits in den 1930er Jahren von Wolfgang Pauli in Zürich, erstmals beobachtet allerdings erst 1956. Ihre Besonderheit ist, dass sie mit Materie kaum wechselwirken. So fliegen beispielsweise etwa 60 Milliarden Sonnenneutrinos pro Quadratzentimeter und Sekunde durch die ganze Erde hindurch, wobei im Mittel kaum ein Dutzend mit einem Atom zusammenstossen. Der Berliner Astrophysiker Christian Spiering schildert die Entdeckungsgeschichte der Neutrinos anhand der oft ebenso seltsamen Biografien der beteiligten Forscherinnen und Forscher.Spiering leitete bis 2013 die Neutrino-Gruppe des wegweisenden Genfer Kernforschungszentrums Desy und war am Aufbau des Global Neutrino Network beteiligt, das Neutrino-Teleskope am Südpol sowie am Baikalsee betreibt. Sein persönlich gefärbtes Buch beginnt mit der Entdeckung der Radioaktivität Ende des 19. Jahrhunderts durch Antoine Henri Becquerel und das Ehepaar Curie und führt uns bis zum Bau des «IceCube» und zu den Planungen der Radioastronomie im luftleeren Weltraum. Im wahrsten Sinne des Wortes eine atemberaubende Lektüre.Christian Spiering: Das seltsamste Teilchen der Welt. Hanser 2025. 331 S.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel