Der Klub der Star-Managerinnen: Warum Frauen die Männer bei den Top-Jobs abhängenEine neue Generation von Managerinnen hat sich an den Schalthebeln der Schweizer Wirtschaft etabliert. Sie profitieren vom Karrierebooster Frauenquote – und sammeln mehr und attraktivere Mandate als Männer.28.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenKeystoneBilder PDGefragte Frauen (von oben links nach unten rechts): Bernadette Koch, Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch, Sabine Keller-Busse, Geraldine Matchett, Monique Bourquin und Ricarda Demarmels haben Mandate bei mehreren Firmen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es hätte die Krönung einer erfolgreichen Karriere sein sollen. Bei den SBB und der Migros hatte es Jeannine Pilloud nicht bis ganz nach oben geschafft. Dafür gelingt ihr bei Ascom der Coup: Im Sommer 2019 wird sie CEO der Telekomfirma. Doch schon zwei Jahre später ist das Abenteuer vorbei – Pilloud wird entlassen.Noch schneller endete das Gastspiel von Srishti Gupta als CEO der Baselbieter Biotechfirma Idorsia. Der Gründer Jean-Paul Clozel setzte die frühere McKinsey-Beraterin nach knapp neun Monaten vor die Tür.Und da ist noch der Fall Philomena Colatrella. Die langjährige Chefin der Krankenkasse CSS verliess im Januar Knall auf Fall den Verwaltungsrat der Swiss Life und heuerte beim Axa-Konzern an. Der Pariser Glamour war verlockender als die Zürcher Biederkeit.Es sind Fälle wie diese, die die Geschlechterdebatte in der Schweizer Wirtschaft neu entfachen. Frauen im Top-Management verbleiben im Schnitt nur etwa halb so lange auf ihren Posten wie Männer. Die Ökonomin Margit Osterloh und die verstorbene Soziologin Katja Rost nehmen dies in ihrem eben erschienenen Buch «Bumerang Frauenquote» zum Anlass für eine Abrechnung mit Geschlechtervorgaben.Manche Frauen würden ohne ausreichende Qualifikationen in Top-Posten gehievt, schnell scheitern oder dann von der Konkurrenz abgeworben, so die These. Unter dem Strich schade die Quote sowohl den Frauen als auch den Firmen.«Es gibt weniger Frauen im Top-Management. Deshalb fällt es mehr auf, wenn eine scheitert», sagt Doris Aebi, eine der führenden Headhunterinnen der Schweiz. «Aber man kann sich auch bei einigen Männern fragen: Warum sitzen die dort, wo sie sind?»Gläserner Lift statt gläserne DeckeWas die Statistik der Verweildauer unterschlägt: Es gibt auch die anderen Frauen – jene, die nicht scheitern, sondern die Chance nutzen und sich an den Schalthebeln der Macht etablieren.Doch wer sind diese Frauen? Es sind nicht mehr nur einzelne Lichtgestalten wie die frühere SBB-Präsidentin Monika Ribar oder die europäische Spitzenmanagerin Barbara Kux. Auf die Pionierinnen folgte eine neue Generation von Managerinnen: bestens ausgebildet, operativ erfahren, vernetzt, aufstiegsorientiert. Als die Frauenquote die gläserne Decke zum Einstürzen brachte, standen sie bereit.Den Goldfischglas-Effekt – Frauen sind besser sichtbar als Männer - fürchten sie nicht, sondern nutzen ihn: für prestigeträchtige Nebenjobs in den Aufsichtsgremien anderer grosser Firmen.Eine Vertreterin dieser neuen Generation ist die Emmi-Chefin Ricarda Demarmels. Sie verdiente ihre operativen Sporen als Finanzchefin des Luzerner Milchverarbeiters, wurde vor drei Jahren zur CEO befördert – und ist seit jüngstem auch Verwaltungsrätin bei Lindt & Sprüngli. Oder Géraldine Picaud: Sie paart den CEO-Posten beim Warenprüfkonzern SGS mit einem VR-Sitz beim französischen Nahrungsmittelmulti Danone. Auch die Industriemanagerin Barbara Frei besetzt zwei Stühle: Sie ist CEO des Technologiekonzerns Beyond Gravity und Verwaltungsrätin bei Sika.Zwei Top-Mandate: Die SGS-CEO Géraldine Picaud gehört auch dem Verwaltungsrat des französischen Nahrungsmittelkonzerns Danone an.PDEine Stufe unterhalb des CEO locken ebenfalls prestigeträchtige Zusatzmandate: Die UBS-Schweiz-Chefin Sabine Keller-Busse kombiniert ihren Job bei der Grossbank mit einem Verwaltungsratsmandat bei Zurich Insurance. Die Nestlé-Chefjuristin Leanne Geale gehört gleichzeitig dem Verwaltungsrat von Holcim an.Bei den Männern muss man weit suchen, bis man Manager mit ähnlich glamourösen Nebenjobs findet. Was nicht heisst, dass die Frauen die Männer in der Breite verdrängt hätten: Laut dem jüngsten «Schillingreport», der alljährlich die Geschlechterverhältnisse in der Schweizer Wirtschaft vermisst, sind 78 Prozent der Manager der börsenkotierten Firmen Männer. Doch gerade weil Frauen eine Minderheit bilden, sind jene, die es in den Klub der Auserwählten geschafft haben, so begehrt: Dank der Quote wurde die gläserne Decke zum gläsernen Lift.Swisscom-Vizepräsidentin mit den meisten MandatenNoch deutlicher ist dieser Effekt, wenn man nur auf die Zusammensetzung der Verwaltungsräte schaut. Auch dort haben manche Frauen beim Postensammeln mit den Männern gleichgezogen oder sie sogar übertrumpft. Gemäss dem «Schillingreport 2024» sind Mehrfachmandate bei Frauen häufiger als bei Männern.Die Spitzenreiterin heisst Monique Bourquin. Die frühere Chefin von Unilever Schweiz ist Vizepräsidentin bei der Swisscom und sitzt in den Aufsichtsgremien von Lindt & Sprüngli, Kambly und Rivella sowie zwei weiteren nicht börsenkotierten Unternehmen. Bis im Frühling gehörte sie auch dem Emmi-VR an.Mit fünf Mandaten folgen dahinter die Anwältin Ines Pöschel und die frühere Seco-Chefin Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch. Unter den Top 10 finden sich eine Reihe von Frauen, die alle drei oder vier Mandate haben, davon mindestens eines bei einem SMI-Unternehmen, dem Index der Börsenschwergewichte der Schweizer Wirtschaft.Die bekanntesten Namen: Jasmin Staiblin, Ex-Alpiq-Chefin und heute Vizepräsidentin bei Zurich Insurance; die frühere SRF-Direktorin Ingrid Deltenre, die eine fulminante Zweitkarriere als Profi-Verwaltungsrätin hinlegte; Geraldine Matchett, die bei Nestlé, ABB und Swiss Re im Verwaltungsrat sitzt; die Post-Verwaltungsrätin Bernadette Koch, die auch VR bei der Postfinance-Konkurrentin Luzerner Kantonalbank ist; schliesslich die frühere Mercedes-Chefjuristin Renata Jungo Brüngger mit Mandaten bei UBS, Munich Re und Daimler Truck.Männer mit ähnlich prestigeträchtigen Jobs bei Schweizer Firmen? Mangelware. Das berüchtigte Old-Boys-Network hat sich weitgehend aufgelöst.Keinerlei Ermüdungserscheinungen zeigt einzig Michael Pieper. Der Patron des Küchenbauers Franke gehört auch mit 80 sieben Verwaltungsräten an. Der Unternehmer ist aber ein Sonderfall – die Firmen, bei denen er VR ist, gehören ihm mindestens zum Teil selbst.Hinter Pieper kommt lange niemand. Die erfolgreichsten Postensammler sind der Economiesuisse-Präsident Christoph Mäder und der Ex-PwC-Chef Markus Neuhaus mit drei Mandaten bei grossen börsenkotierten Firmen. Schnell etabliert unter den Profi-Verwaltungsräten hat sich der Ex-SNB-Direktor Thomas Jordan mit Ämtern bei Nestlé und Zurich.Unter dem Strich ist die Situation bei den Verwaltungsräten ähnlich wie bei den Managern: In der Breite dominieren nach wie vor die Männer, doch die Top-Frauen bekommen mehr und attraktivere Mandate.Das Phänomen nennt sich Overboarding – eine Häufung von Posten bei Einzelpersonen, die die Frage aufwirft, ob diese ihre Aufgaben überhaupt bewältigen können. Bei Männern seit Jahren ein Kritikpunkt, tritt es nun auch bei Frauen auf. An den Generalversammlungen müssen sie vermehrt mit Widerstand von Aktionärsvertretern rechnen. Vier Mandate bei börsenkotierten Firmen gelten als Maximum.«Overboarding ist bei Männern noch tendenziell weiter verbreitet», sagt Silvan Felder, Inhaber der Firma Verwaltungsrat Management. «Aber Frauen fallen stärker auf, weil der Kreis der sichtbaren Verwaltungsrätinnen kleiner ist.»Headhunter fördern die Konzentration mit ListenAber woher kommt diese Fokussierung auf rund zwei Dutzend Frauen, die sich überall finden?«Es gibt bei Verwaltungsräten Trophäen, die alle haben wollen», sagt Aebi. Wenn sich die Basis der Frauen im Management mit der Zeit vergrössere, werde sich das Problem entschärfen. Der Headhunter Erik Wirz meint etwas Ähnliches, wenn er vom «Vanity-Effekt» spricht. «Die Firmen wollen die grossen Namen haben, die schon überall sind. Das war schon vor der Frauenquote so», sagt er.Nicht nur die Firmen jagen den Stars hinterher, auch die Vermittler treiben die Fokussierung voran: indem sie den Unternehmen Listen mit den bekannten Namen präsentieren. So entsteht das Kartell der Top-Frauen.Manche Headhunter wählen deshalb andere Wege. «Wir verzichten ganz bewusst auf eine Datenbank mit Personen, sondern suchen gezielt nach neuen Namen», sagt Aebi. «Das ist aber Knochenarbeit, man muss jeden Stein umdrehen und dort suchen, wo es nicht so offensichtlich ist.»Silvan Felder geht noch einen Schritt weiter: Er schreibt die VR-Mandate im Internet und auf Linkedin aus, sofern der Auftraggeber grünes Licht dafür gibt. «Der Aufwand steigt erheblich, aber wir erreichen Personen, die bisher niemand kannte.»Frauen verteidigen MehrfachjobsDie Multi-Verwaltungsrätinnen selbst gehen entspannt mit ihrer Ämterfülle um. Sie habe neben ihren VR-Mandaten keine weiteren beruflichen Verpflichtungen, schreibt Bernadette Koch auf Anfrage: «Das heisst, ich kann zum einen meine Zeit vollständig für meine VR-Mandate einsetzen und verfüge zum andern über eine grosse Flexibilität, was die Einteilung meiner Zeit anbelangt.» Der Gesamtaufwand liege deutlich unter 100 Prozent – so habe sie auch dann freie Kapazitäten, wenn eine Firma in einem Krisenfall mehr Zeit beanspruche.«Aus meiner Sicht war ich selber klar nie overboarded», schreibt auch Monique Bourquin, die Schweizer Managerin mit dem umfangreichsten Portfolio. Ihre Mandate würden kumuliert «nie einem vollen Arbeitspensum» entsprechen.Bourquin sieht in der Vielfalt sogar einen Beitrag für eine gute Corporate Governance: «Verschiedene Mandate erhöhen die persönliche Unabhängigkeit», schreibt sie. Zudem erlaubten sie, «immer up to date zu bleiben und mit der zunehmenden Erfahrung gewisse Best Practices weiterzugeben».Ganz ähnlich hatten früher männliche Postensammler argumentiert. Die Quote hat die Schweiz AG zu einem gemischten Klub gemacht. Die Netzwerke von Macht und Einfluss funktionieren aber noch immer.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel