Alles neu in Crans-Montana? Das Dorf ist im Umbau, aber reden will man immer noch nichtEin halbes Jahr nach der Brandkatastrophe investieren die Walliser Gemeinden in den Brandschutz. Doch hat sich auch an der vielkritisierten Kultur des Schweigens etwas geändert?28.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenEine Wunde mitten im Dorf: Die Bar «Le Constellation».Jean-Christophe Bott / KeystoneWeisse Lieferwagen fahren durch die Strassen von Crans-Montana, an den Hecktüren stehen die Logos von lokalen Handwerksbetrieben und Elektrikerfirmen. Im Dorfzentrum sind fast ein halbes Dutzend Gebäude eingerüstet. An vielen Ecken ist ein Bohren und Hämmern zu hören. Crans-Montana, so scheint es, befindet sich im Umbau.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sechs Monate ist es her, seit bei dem Brand in der Bar «Le Constellation» 41 Menschen starben. Über 100 wurden verletzt, manche so schwer, dass sie ihr Leben lang an Wunden und Traumata leiden werden. Das Ausmass dieser Katastrophe ist noch immer kaum zu fassen.Mit der Trauer kam die Wut. Denn rasch wurde offensichtlich, dass die Bar mangelhaft ausgebaut war und schlecht kontrolliert wurde. Auf der Suche nach Erklärungen, nach Schuldigen wurde bald ein ganzer Kanton verdächtigt. Die Nonchalance, der Filz, die Gier der Tourismusindustrie hätten die Katastrophe mitverursacht, hiess es in Interviews und Gastartikeln vieler Deutschschweizer Medien. Das Wallis und die Sicherheit, jaja, scho güet, ça va aller.Seither ist einiges passiert. Die weissen Lieferwagen kurven auch deshalb durch Crans-Montana, weil die Behörden in den vergangenen Monaten sämtliche Bars und Restaurants kontrolliert haben – und etliche Betriebe nachrüsten mussten. Der Brandschutz wird gerade massiv ausgebaut. Doch reicht das, um das Vertrauen der Opfer, der Touristen, der Schweiz zurückzugewinnen?Lokale Handwerker werden mit Anfragen überhäuftPhilippe Nicolle stösst die Tür seiner Kellerbar auf. Sie öffnet sich nach aussen, auf ein Nebengässchen im Zentrum von Crans-Montana. «Sehen Sie hier», sagt Nicolle und streicht mit der Hand über das dicke Glas, «die haben wir neu eingebaut». Auch der gemauerte Eingang des fünfzig Jahre alten Gebäudes musste verbreitert werden, erst kürzlich wurden die Arbeiten fertig. Die Handwerker aus der Region kommen mit den Aufträgen kaum nach.Nicolle führt die Monk’is Bar seit 22 Jahren, sie zieht ein ähnliches Publikum an wie das «Constellation». Nach dem Brand hat er die Bar für zwei Wochen geschlossen, danach auf DJ und ausufernde Partys verzichtet, aus Respekt vor den Opfern, wie er sagt. Seit Januar hat er nur halb so viel Umsatz gemacht wie üblich.Nicolle könnte wütend sein, frustriert. Aber das wird er nur, wenn er gefragt wird, ob manchen Gastronomen die Sicherheit egal gewesen sei. «Niemand wollte seine Gäste gefährden», sagt er. Die meisten Betreiber hätten in dem guten Glauben gehandelt, alles richtig zu machen.Die Walliser Brandschutzverordnung verlangt jährliche Kontrollen. Nach der Brandnacht zeigte sich, dass viele Gemeinden damit überfordert waren – und dass der Kanton die Einhaltung zu wenig kontrollierte. Nun werden die kantonalen Brandschutzvorschriften überarbeitet. Und der Kanton hat alle Gemeinden aufgefordert, sämtliche Betriebe zu überprüfen.Nicht zufällig sind in der lokalen Presse jüngst viele Stelleninserate für Brandschutzbeauftragte geschaltet worden. Auch kleinere Gemeinden, deren Sicherheitschefs oft im Milizamt tätig sind, wollen sich professionalisieren.Denn seit im Fall von Crans-Montana nicht nur das Betreiberpaar Moretti beschuldigt wird, sondern auch der Gemeindepräsident sowie mehrere ehemalige und derzeitige Mitarbeiter, hat sich der Druck erhöht. Aus einer kleinen Gemeinde im Oberwallis ist zu hören, dass der Sicherheitsbeauftragte sein Amt habe abgeben wollen, weil er seit Wochen nicht mehr habe schlafen können.18 Prozent weniger Übernachtungen in HotelsPhilipp Loretan ist Gemeindepräsident von Guttet-Feschel, einem Bergdorf mit 440 Einwohnern. Im Februar hat er die vier Gastrobetriebe in seinem Dorf kontrollieren lassen. Für einen Betreiber wären die Investitionen in den Brandschutz so teuer gewesen, dass er sich entschied, das Lokal zu schliessen. «Das ist natürlich bitter für uns», sagt Loretan.Dennoch findet er es richtig, dass die Kontrollen verschärft werden, besonders dort, wo Menschenleben gefährdet sein könnten. Gleichzeitig warnt er vor falschen Erwartungen. «Eine kleine Gemeinde kann nicht jede Gasflasche in jeder Alphütte kontrollieren», sagt er. Als Gemeindepräsident erwarte er, dass Eigentümer und Wirte ihre Verantwortung selbst wahrnähmen.Für das Wallis geht es um viel. Damit der Tourismus läuft, braucht es das Vertrauen der Gäste. Crans-Montana hat von Januar bis April 18 Prozent weniger Hotelnächte verbucht als im Vorjahr. Nun fragt man sich im Dorf, wie das Image des Orts wiederhergestellt werden könne.Das «Constellation» ist eine Wunde mitten im Dorf. Die angebaute Terrasse aus Glas ist mit Holzplatten verkleidet, seit kurzem hängen dort Fotos der jungen Menschen, die hier gestorben sind: Selfies vor dem Spiegel, vom Strand, mit Hund oder ausgestreckter Zunge. Davor liegt ein vertrockneter Blumenstrauss.Als im Februar zwei Mütter, die ihre Kinder beim Brand verloren hatten, in die SRF-Sendung «Club» eingeladen wurden, war nur eine einzige Politikerin aus dem Wallis bereit, an dem Gespräch teilzunehmen: Marie-Claude Schöpfer, Grossrätin der sozialliberalen Mitte. Sie regte eine politisch-gesellschaftliche Aufarbeitung der Katastrophe an. Heute ist sie ernüchtert.«Im Wallis gibt es eine Kultur des Schweigens», sagt sie. Es reiche nicht, nur beim Brandschutz hinzuschauen. «Wir müssen lernen, über den Schmerz zu sprechen und auch über die Fehler, die gemacht wurden.» Aufgrund der konservativen Prägung des Kantons falle dies vielen Wallisern schwer. «Aber nur so können wir verarbeiten, was passiert ist.»Schöpfer war eine von wenigen Walliser Stimmen, die die Katastrophe in einem gesellschaftlichen Kontext sahen und eine Debatte über das Wallis anstossen wollten. In der «NZZ am Sonntag» sprach die Walliser Historikerin Elisabeth Joris davon, dass der lokale Tourismus schon immer anfällig für Skandale gewesen sei. «Das Geschäft soll florieren», sagte sie. «Deshalb lassen die Dorfkönige die Wirtschaftskönige machen und vertuschen.» Heute will sich Joris nicht mehr äussern. Sie hat für ihre Aussagen viel Hass abbekommen.Die Gemeinde Crans-Montana antwortet nichtDer «Walliser Bote» reagierte auf die kritischen Stimmen mit einem furiosen Kommentar. Dass das Leid der Opfer benutzt werde, um einen ganzen Kanton des «moralischen Bankrotts» zu bezichtigen, sei empörend, anmassend und hinterhältig, hiess es. «In keinem anderen Kanton würde man nach einer Katastrophe derart reflexartig die Systemfrage stellen.»Nur, die Ungereimtheiten gehen weiter. Diese Woche machte der «Walliser Bote» publik, dass der Chef des kantonalen Amts für Feuerwesen an einem Familienunternehmen für Brandschutzkonzepte beteiligt sei. Der Kanton hatte dies trotz möglichen Interessenkonflikten durch eine Ausnahme bewilligt.Die «NZZ am Sonntag» wollte auch der Gemeinde Crans-Montana Fragen zur Aufarbeitung stellen, doch E-Mails blieben unbeantwortet, das Telefon nahm niemand ab. Es spricht für sich, dass die Gemeinde, in der es zu einer der grössten menschlichen Tragödien der jüngeren Schweizer Geschichte kam, auch nach sechs Monaten keinen funktionierenden Kommunikationsdienst hat.Es gibt in Crans-Montana einen Pavillon vor der Kirche, wo Familien und Freunde Blumen niederlegen und trauern können. An einer Stütze hängt ein Blatt mit dem Aufruf, den Pavillon mit Schmetterlingen zu schmücken. Schmetterlinge seien fragil, bunt, leicht, steht da. Aber Schmetterlinge seien auch ein Zeichen des Wandels.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel