Tja, die Hitze. Dass der Ironman auf einen der heißesten Frankfurter Tage des Jahres fällt, ist in den vergangenen Jahren mehr die Regel denn die Ausnahme. 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und einen Marathonlauf zu absolvieren bei Bedingungen, bei denen viele nicht mal aus dem Haus gehen – über Wohl und Wehe und Belastung werden wieder viele Gedanken kreisen an diesem Sonntag.Die von Paul Schuster eher weniger. Der Triathlon-Veteran und -Profi sagt: „Ich hatte schon Rennen bei Hitze, die sehr gut waren, und welche, die gar nicht funktioniert haben.“ Der Darmstädter sorgt sich eher um die Altersklassenathleten, die weniger Erfahrung im Umgang damit haben, wenn extreme Temperaturen auf eine eh schon extreme körperliche Grenzerfahrung treffen. „Für die Amateure wird es ungleich härter“, so Schuster. Allein schon wegen deren weitaus längerer Renndauer.„Es kann passieren, dass man gegen eine Wand läuft“Wenn Schuster und Co. schon gegen 14 Uhr das Ziel auf dem Römerberg erreichen, sind die Altersklassenathleten gerade zu den besonders drückend heißen Stunden zwischen 14 und 17 Uhr auf der Laufstrecke unterwegs. „Wenn man einmal überhitzt und einem fiebrigen Zustand nahekommt, wird man das im Rennen nicht mehr los. Es ist erst ein schleichender Prozess, aber es kann passieren, dass man irgendwann buchstäblich gegen eine Wand läuft“, so Schuster. Und: „Es wird am Sonntag Athleten geben bei den Amateuren und auch bei den Profis, denen dies passiert.“Schuster wird ein bei den Profis fast obligatorisch gewordenes Kühlstirnband tragen und bei den an der Laufstrecke ausgegebenen Eiswürfeln beherzt zugreifen. Es gelte, den Nacken zu kühlen, aber auch Zonen rund um Schlüsselbein und Hüften. Dort, wo die großen Arterien verlaufen, sagt Schuster, der studierter Sportwissenschaftler ist.Immer schön kühlen: Paul Schuster beim Ironman Frankfurt 2022Picture AllianceAuf der Triathlon-Langdistanz gibt es kaum etwas, das der 37-Jährige noch nicht erlebt, erfühlt, erlitten hat. Das gilt im Großen für seine Karriere, die ihn zu Wettkämpfen rund um die Welt geführt hat. Und im Kleinen für sein Heimrennen, das er nun zum sechsten Mal in Angriff nimmt und das für ihn schon die Langdistanz-eigenen Emotionen von Hoffnung und Schmerz, Überschwang und Leere bereithielt. „In Frankfurt war schon alles dabei. Hier bin ich schon um den Sieg gelaufen. Und hier saß ich auch schon am Mainufer auf einer Bierbank und konnte keinen Schritt mehr machen“, erinnert sich Schuster. 2019 war das, auch so ein Jahr, in dem es am Renntag „abartig heiß war. Ich war regelrecht gar gekocht.“ Nach zwei von vier Laufrunden ließ er sich damals völlig entkräftet auf die besagte Bank plumpsen. Kurz darauf ließ sich ein Amateurathlet namens Daniel Schmoll ebenfalls auf jener Bierbank nieder, nichts ging mehr. Heute ist Schmoll Schusters Trainer.Und da war noch die 2022er-Ausgabe. Ein Tag, der in Schusters Karriere, ja in seinem Leben als Triathlonprofi fast alles hätte verändern können. Der ihm nach all den Jahren des harten, zehrenden Arbeitens den immer noch fehlenden, einen leuchtenden, herausstechenden Glanztag hätte bescheren können. Den einen großen Sieg, der so vieles hätte leichter machen können. Mit Blick auf mediale Aufmerksamkeit und damit auch mit Blick auf Sponsoreninteresse und die finanziellen Herausforderungen, die ein Leben und Kämpfen in der zweiten Reihe der Profibranche mit sich bringt. Zumal er hierzulande stets im Schatten von Ausnahmeathleten in seinem Metier wie Jan Frodeno, Sebastian Kienle oder seinem einstigen Darmstädter Trainingspartner Patrick Lange stand. Schuster ist keiner, der klagt, sondern, wie er sagt, dankbar dafür ist, was ihm sein Sport und der damit verbundene Triathlon-Lifestyle in seinen nunmehr 13 Jahren als Profi ermöglicht und gegeben haben.„Ich sehe das alles noch eins zu eins vor mir“Näher an dem einen großen Tusch in eigener Sache als am 26. Juni 2022 war er nie. Schuster setzte sich bei den Ironman-Europameisterschaften auf der Laufstrecke an die Spitze des Feldes. „Diese Stimmung in Frankfurt, diese besondere Energie dieser Momente kann ich heute noch abrufen. Ich sehe das alles noch eins zu eins vor mir“, so Schuster. Auch wenn ihm auch damals das Happy End verwehrt blieb, war dieses Rennen „ein Karrierehighlight“ für den 1,91 Meter großen Modellathleten. Drei Athleten überholten ihn damals noch, einer erst kurz vor der Abzweigung zum Römerberg. So blieb ihm nach 7:59:12 Stunden nur der so undankbare vierte Rang. „Rückwirkend hätte ich vielleicht defensiver anlaufen, später in Führung gehen und auch zwei Gels mehr zu mir nehmen sollen. Aber ich wollte diese Chance auch unbedingt ergreifen, sodass bei mir überhaupt nicht das Gefühl einer bitteren Niederlage zurückblieb“, sagt Schuster.Der Südhesse hat sich über die Jahre in einer sich dynamisch entwickelnden Männerkonkurrenz gesteigert. Im vorigen Jahr bewältigte er den Frankfurter Kurs in 7:43:44 Stunden. Eine Zeit, mit der er zu Beginn seiner Karriere das Rennen mit zig Minuten Vorsprung gewonnen hätte, was aber 2025 nur zu Rang zehn reichte. Überhaupt hat er eine opulente Sammlung von Top-10-Ergebnissen vorzuweisen, was ihn fraglos als Weltklasseathlet ausweist. „Natürlich will ich zu Siegerehrungen gehen. Mir ist aber auch bewusst, dass ich am Sonntag eine starke Leistung zeigen muss, und trotzdem, auch wenn es schwerfällt, zu akzeptieren, nur auf dem 25. Platz landen“, sagt Schuster, der 2019 als Dritter beim Ironman Hamburg Deutscher Meister geworden war.Schon mit sieben fing Schuster mit dem Triathlon anAns Aufhören, an einen Ausstieg aus diesem so intensiven und komplexen Dreidisziplinen-Kampf auf der Langstrecke, denkt er auch mit 37 Jahren nicht. Vor 30 Jahren, mit sieben, hat er mit diesem Sport begonnen, ganz natürlich, weil seine Eltern beide Triathlon betrieben haben. Vor 20 Jahren, mit 17, hat er beim TuS Griesheim angefangen, voll ambitioniert zu Werke zu gehen. „Talent hilft, ist schön und gut, aber du musst die Arbeit machen. Mir hat es nie an Antrieb gefehlt, weil ich liebe, was ich tue“, sagt Schuster.Den Trainingsalltag mit seinen Erfordernissen und die Reisen (seit April vergangenen Jahres hat er allein sechs Langdistanzrennen bestritten) zu finanzieren, sei zuletzt schwieriger geworden, sagt er. Deshalb: „Ich schaue von Jahr zu Jahr.“ Die Finanzierung ist das eine. Auf der anderen Seite seien aber immer noch drei wichtige Voraussetzungen erfüllt: konkurrenzfähig sein, in Teildisziplinen und auch insgesamt noch besser werden, Spaß daran haben. Auch wenn das Budget in diesem Jahr nicht für ein Trainingslager gereicht hat und er sein Programm vom heimischen Darmstadt aus durchzieht. Mit Schwimmen im Nordbad, Radfahren im Odenwald und Laufen in den Darmstädter Waldgebieten, die er in drei Minuten von der Haustür aus erreicht.An Ironman-Weltmeisterschaften hat er zweimal teilgenommen. Auf Hawaii wurde er 2024 Neunzehnter (seine 8:02er-Zeit hätte vor 2019 immer zu Sieg oder Rang zwei gereicht), in Nizza erreichte er voriges Jahr Rang 34. Im Jahr 2022 hatte er sich via Rang vier in Frankfurt den Traum von Hawaii erstmals erfüllt. Doch im Trainingslager in Texas brachte ihn ein unaufmerksamer Autofahrer zu Fall – Hand gebrochen, aus der Traum. In diesem Jahr will Schuster die Hawaii-Quali wieder packen. In Texas im April misslang dies, in Frankfurt im Juni stehen die Chancen in einem Topfeld nicht gut. Doch es gibt ja im August noch den Ironman Schweden, der für die drei Podiumsplätze ein Ticket für Hawaii bereithält. Wieder einmal 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen – für Paul Schuster macht es keinen elementaren Unterschied mehr. Und in Schweden wird es vermutlich auch nicht ganz so heiß sein.