König Wilhelm I. (M.) am 3. Juli 1866 auf dem Schlachtfeld von Königgrätz mit Bismarck und Moltke (2. u. 3. dahinter)Quelle: picture alliance/Heritage Images/© Fine Art Images/Heritage ImagesAls sich im Sommer 1866 der Dualismus zwischen Berlin und Wien in einem Krieg entlud, wählte der preußische Generalstabschef Moltke eine riskante Strategie. Zum Entsetzen vieler Beobachter teilte er seine Truppen. Aber das war nicht alles.Auf dem Kriegsschauplatz haben sich Ereignisse von so erschreckender Art und, wie anzunehmen ist, von solcher Bedeutung für die Zukunft zugetragen, dass man bei dem Versuch, ihre wahre Tragweite abzuschätzen, schwindlig wird“, bekannte der Kommentator der „Illustrated London News“ im Juli 1866.Sein Kollege vom „Spectator“ wurde konkreter: „Dreißig Dynastien sind hinweggespült, das Schicksal von zwanzig Millionen zivilisierter Menschen ist für immer betroffen, das politische Gesicht der Welt hat sich verändert, wie es sich sonst nur nach einem Menschenalter des Krieges zu verändern pflegte ... In einem Augenblick hat sich Preußen auf den Platz der ersten Großmacht Europas geschwungen.“Die Schlacht von Königgrätz, in der am 3. Juli 1866 die Armeen Österreichs und Preußens kämpften, gilt mit bis zu 460.000 Kombattanten nicht nur als das bis dahin größte kriegerische Treffen der modernen Geschichte, sondern sie veränderte die politische Landkarte Mitteleuropas von Grund auf. Der Habsburger Kaiserstaat verlor nicht nur sein jahrhundertealtes Primat über Deutschland, sondern zog sich ganz aus ihm zurück. Dagegen gingen die Staaten bis zum Main im Norddeutschen Bund unter Führung Preußens auf. Außerdem hatte die Schlacht gezeigt, dass diese kleinste unter den Großmächten Europas, die noch 1850 in Olmütz von Österreich, Russland und den Mittelstaaten im Deutschen Bund wegen ihrer Unionspläne gedemütigt worden war, nun auch militärisch mit Frankreich mindestens gleichgezogen hatte, dem letzten Gegner, der der Gründung eines deutschen Nationalstaats noch im Weg stand. Denn anders als die „Völkerschlacht“ bei Leipzig, in der eine Koalition im Oktober 1813 mit ihrer geballten Übermacht Napoleon schier erdrückte, diente Königgrätz über Generationen hinweg in Militärakademien als Paradebeispiel für eine in Ansatz und Durchführung „schöne“ Schlacht, wie der Militärtheoretiker Carl von Clausewitz eine durch umsichtige Strategie herbeigeführte Entscheidung genannt hat.Das hatte viel mit Heeresorganisation, Technik und Politik zu tun. Im Gegensatz zu Österreich, das seinen alten Partner Russland wegen politischer Divergenzen auf dem Balkan verprellte und im Deutschen Bund unbeirrt auf dem Status quo beharrte, hatte der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck eine zukunftsträchtige Vision vor Augen – und den machiavellistischen Willen, sie mit allen Mitteln zu realisieren: Preußen sollte die Vormacht in einem kleindeutschen Nationalstaat werden, um damit die Machtstellung der altpreußischen Eliten im Bündnis mit dem aufstrebenden Bürgertum zu erhalten. Lesen Sie auchDie „kleindeutsche Lösung“ fand nicht nur in der liberalen Öffentlichkeit Zustimmung, sondern lag, wie neue Forschungen im Nachlass Wilhelms I. zeigen, auch ganz auf der Linie des Königs. Als Dänemark 1864 daran ging, die bislang nur in Personalunion mit ihm verbundenen Herzogtümer Schleswig und Holstein vollständig zu integrieren, verhinderten Preußen und Österreich dies per Krieg. Über den Streit, wie die beiden Länder verwaltet werden sollten, provozierte Bismarck einen Konflikt, um den seit Generationen schwelenden Dualismus der beiden deutschen Führungsmächte endlich gewaltsam zu entscheiden. Am 19. Juni 1866 erklärte Preußen Österreich den Krieg. Während sich Sachsen, Hannover und die süddeutschen Staaten mit dem Habsburgerreich verbanden, schloss Preußen ein kurzfristiges Bündnis mit Italien. Zeitdruck machte den Machtkampf zu einer „Lotterie“ (Bismarck), denn der Krieg musste ein Ergebnis bringen, bevor die europäische Hegemonialmacht Frankreich zum Eingreifen bereit war.Anders als die Donaumonarchie verfügte Preußen über ein ausgebautes Eisenbahnnetz, das den Transport großer Truppenmassen in kurzer Zeit ermöglichte. Seine Soldaten nutzten mit dem Zündnadelgewehr einen Hinterlader, der eine dreimal so hohe Schussfrequenz erlaubte wie die österreichischen Vorderlader und auch im Liegen bedient werden konnte. Das preußische Heer rekrutierte sich nach dem Prinzip der allgemeinen Wehrpflicht. In Österreich sorgten dagegen Privilegien für zahlreiche Ausnahmen. Offiziere, selbst hohe Kommandeure, verdankten ihre Karrieren mehr ihrem gesellschaftlichen Rang als ihren Fähigkeiten. Auch fehlte in der Donaumonarchie ein Generalstab, der komplizierte Manöver großer Truppenverbände zu koordinieren verstand. In Preußen dagegen hatte Wilhelm I. seine Befehlsgewalt dem Generalstabschef Helmuth von Moltke übertragen, einem der fähigsten Strategen des 19. Jahrhunderts. Dass Kaiser Franz Joseph I. dagegen den Feldzeugmeister (General) Ludwig von Benedek mit der Führung seiner Nordarmee betraute, hatte weniger mit dessen Qualifikation als mit der Sorge zu tun, dass der militärisch kompetentere Erzherzog Albrecht im Fall einer Niederlage die Dynastie desavouieren würde. Der erhielt den Oberbefehl in Italien und sorgte für den Sieg bei Custozza. Benedek dagegen, aus niederem ungarischen Adel stammend, hatte Schwierigkeiten, seine Autorität gegenüber Untergebenen mit aristokratischem Stammbaum zur Geltung zu bringen.Lesen Sie auchWährend einzelne preußische Korps gegen Hannover und Bayern vorrückten, ließ Moltke mithilfe der Eisenbahn drei Armeen, 220.000 Soldaten, zwischen Elbe und schlesischem Sudetenland aufziehen. Da er nicht damit rechnete, dass Benedek sein etwa gleich großes Heer ähnlich schnell zum Angriff bereit haben würde, wählte der Preuße eine riskante Strategie. Seine Armeen sollten getrennt marschieren, um den Feind schließlich vereint auf dem Schlachtfeld schlagen zu können. Zeitgenössische Beobachter nannten das tollkühn und prophezeiten eine Katastrophe. „Es wäre völlig unerklärlich, wie ein solcher Plan auch nur diskutiert werden konnte“, höhnte Friedrich Engels. Schließlich bestand die Gefahr, dass Benedek die preußischen Verbände einzeln schlug, bevor die anderen zur Unterstützung heran sein würden. Andererseits bot sich womöglich die Chance, die Österreicher im entscheidenden Moment von mehreren Seiten einzuschließen. Lesen Sie auchObwohl die preußische Elbarmee umgehend Dresden besetzte, konnte die sächsische Armee entkommen und sich mit Benedeks Truppen vereinen. Allerdings beging Benedek, der nach eigenem Dafürhalten „kein Freund komplizierter Kombinationen“ war, seinen ersten großen Fehler. Statt sich mit aller Macht gegen die preußische Zweite Armee unter dem Befehl des Kronprinzen Friedrich Wilhelm (des späteren Kaisers Friedrich III.) zu wenden, verzettelte er sich auch in Gefechten gegen die Korps der Ersten Armee des Prinzen Friedrich Karl.Während Friedrich Karl langsam aus dem Raum Görlitz vorrückte, hatte der Kronprinz das Problem, seine Truppen durch die engen Pässe des Riesengebirges zu bringen. Dabei half ihm die Organisation seiner Divisionen, die jede für sich über eigene Artillerie- und Spezialtruppen verfügte, also wie eine kleine Armee ein Gefecht mit verbundenen Waffen führen konnte. Mit dieser Flexibilität bahnten sich die Einheiten der Zweiten Armee den Weg über das Gebirge und zwangen die österreichischen Sicherungstruppen zum Rückzug.Von Kaiser Franz Joseph gedrängt, der einen Friedensschluss ohne Schlacht ausschloss, bezogen Österreicher und Sachsen vor der alten Festung Königgrätz, die Elbe im Rücken, eine höher gelegene Defensivstellung. Davor versammelte Friedrich Karl, an dessen rechtem Flügel inzwischen die Elbarmee aufgezogen war, seine Armee. In der falschen Annahme, es nur mit einem Teil der österreichischen Truppen zu tun zu haben, setzte er den Angriff auf den 3. Juli fest.Genau das erhoffte Benedek. Er wollte die zunächst nur 130.000 Preußen sich im Angriff aufreiben lassen und dann mit seinen Reserven erdrücken. Moltke aber, der erst spät über die Pläne Friedrich Karls informiert wurde, erkannte die Falle. Umgehend befahl er dem Kronprinzen, mit der Zweiten Armee in Eilmärschen von der oberen Elbe nach Königgrätz vorzurücken. Bis zum Mittag des 3. Juli schien Benedeks Rechnung aufzugehen. Es kam sogar noch besser. Ohne Not hatte Friedrich Karl mehreren Einheiten den Befehl gegeben, in den Swiepwald vor dem Zentrum der österreichischen Front in Stellung zu gehen. Dort waren die Truppen heftigem Geschützfeuer ausgesetzt, ohne dass sie eine Chance gehabt hätten, gegen die waffenstarrenden Höhen vorzugehen. Lesen Sie auchAllerdings wollten sich nun einige von Benedeks Kommandeuren den erhofften Schlachtenruhm sichern und missachteten dessen Befehl, in ihren Stellungen zu verharren, bis sie den Befehl zum Gegenangriff erhielten. Sie rückten in den Swiepwald ein und entblößten damit die rechte Flanke der Österreicher nach Norden. Von dort aber drängten die Divisionen des Kronprinzen in Gewaltmärschen zum Schlachtfeld.Um die Mittagszeit machten sich bei den Preußen erste Auflösungserscheinungen bemerkbar. König Wilhelm I. erging sich in trüben Erinnerungen an Jena und Auerstedt, wo Napoleon 60 Jahre zuvor die Armee des friderizianischen Preußen vernichtet hatte. Sein Ministerpräsident Bismarck fühlte sich wie ein Spieler, der Millionen gesetzt hatte, die er nicht besaß. Nur Moltke behielt die Nerven. Als Bismarck ihm eine Zigarre anbot, traf er mit provozierender Ruhe seine Wahl, was als gutes Omen in die Folklore einging.Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt für Benedeks Angriffsbefehl gewesen. Aber der Mann, der als Protegé des berühmten Feldmarschalls Josef von Radetzky aufgestiegen war, zögerte. Anders der Kommandeur einer preußischen Gardedivision. Der erkannte die exponierte Lage der Höhe von Chlum auf dem rechten österreichischen Flügel und begann, ohne einen Befehl des Kronprinzen abzuwarten, mit dem Angriff. Als dem österreichischen Obristen auf dem Hügel gemeldet wurde, dass Soldaten mit preußischen Gardehelmen im Anmarsch seien, tat er dies mit der Bemerkung ab: „Ihr seht Gespenster. Das sind Sachsen“ – was einiges über die Kompetenz hoher österreichischer Offiziere aussagt. Kurz darauf wurden seine Leute Opfer des Zündnadelgewehrs. Wie Moltke vorhergesehen hatte, entschied das Eingreifen des Kronprinzen die Schlacht. Zwar gelang es Benedek, mit seiner schweren Kavallerie und der unermüdlich feuernden Artillerie die Wege nach Königgrätz offenzuhalten und damit dem Gros seiner Armee den Rückzug zu ermöglichen. Als aber am folgenden Tag ein österreichischer General im preußischen Hauptquartier erschien, um über einen Waffenstillstand zu verhandeln, konnte er auf die Frage nach dem Zustand seiner Armee nur antworten: „Mein Kaiser hat keine Armee mehr, sie ist so gut wie vernichtet.“Obwohl die österreichischen und sächsischen Verluste mit 8000 Toten und etwa 10.000 Verwundeten (gegenüber 2000 gefallenen Preußen) – gemessen an den Schlachten der napoleonischen Ära – geradezu gering waren, verfügte Benedek über kaum eine intakte Einheit mehr. Im Rausch des Sieges sollen Wilhelm und seine Generäle bereits von einer Siegesparade in Wien geträumt haben. Aber der Mann, der den Deutschen Krieg angezettelt hatte, war anderer Meinung. Im Gegensatz zu nachfolgenden Reichskanzlern beharrte Bismarck auf dem Primat der Politik: Er setzte einen frühen und vor allem maßvollen Frieden durch, der Österreich das Gesicht wahren ließ und Frankreich die Chance nahm, den eigennützigen Vermittler zu spielen. Italien erhielt Venetien, Preußen Schleswig, Holstein, Lauenburg, Hannover und Hessen samt 40 Millionen Talern an Entschädigungen und gründete den Norddeutschen Bund. Der Deutsche Bund dagegen wurde aufgelöst. Fünf Jahre später, am 18. Januar 1871, folgte im Spiegelsaal des Schlosses Versailles die Gründung des Deutschen Reiches.Lesen Sie auchDer preußische Sieg von Königgrätz wird häufig mit der Feuerkraft des Zündnadelgewehrs erklärt. In seiner glänzenden Studie „Königgrätz“ kam der amerikanische Historiker Gordon A. Craig jedoch zu einem anderen Ergebnis: Danach waren „der Operationsplan Moltkes und sein strategisches Genie“ entscheidend. „Er teilte die Armee, um beim Aufmarsch die größtmögliche Schnelligkeit zu gewährleisten, und vereinigte sie erst mitten in der Schlacht, als die Vereinigung die beste Wirkung versprach.“Weil er „Faktoren wie Zeit, Raum, die größeren Truppenzahlen der modernen Armeen und die verbesserte Wirkungsweise der Bewaffnung in Rechnung“ (Craig) stellte, prägte der Generalstabschef die preußisch-deutsche Militärelite nachhaltig. Mit schwerwiegenden Folgen. Denn die schnellen Siege über Österreich und 1870 über Napoleon III. zementierten die Überzeugung, mit überlegener Strategie kurze Kriege führen zu können. Die Vision von der schnellen Entscheidungsschlacht, die das Nachdenken über lange Abnutzungskriege obsolet machte, wurde zu einem fatalen Dogma, das zum Schlieffen-Plan des Ersten und zu den Blitzkriegen des Zweiten Weltkriegs führte – und in Niederlagen endete.Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte das 19. Jahrhundert zu seinem Arbeitsgebiet.
Deutscher Krieg 1866: Warum Preußen bei Königgrätz über Österreich triumphierte - WELT
Als sich im Sommer 1866 der Dualismus zwischen Berlin und Wien in einem Krieg entlud, wählte der preußische Generalstabschef Moltke eine riskante Strategie. Zum Entsetzen vieler Beobachter teilte er seine Truppen. Aber das war nicht alles.







