Multiple Sklerose: Neue Hilfe für die übersehenen PatientenEine spezielle Form der MS schreitet unaufhaltsam voran – und bleibt oft lange unerkannt. Sie ist schwer zu behandeln, denn es mangelt an Medikamenten. Nun wurde endlich ein neues Mittel vorgestellt.Christian Wolf27.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie ersten Symptome der MS sind oft Probleme beim Gehen, dann werden die Behinderungen immer ausgeprägter.Annick Ramp / NZZBis Stefan Brugger seine Diagnose bekam, dauerte es viele Jahre. Schon vor mehr als 20 Jahren fing er an zu hinken. Er konnte nur noch unsicher laufen, regelmässig verspürte er ein Brennen in den Beinen. Brugger ging von einem Arzt zum nächsten – doch: «Niemand wusste, was das ist, was ich da habe», erinnert sich der heute 57-jährige Landwirt aus Sölden, einem Dorf im Tiroler Ötztal.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vor rund zehn Jahren stellte eine Ärztin endlich die Diagnose: primär progrediente multiple Sklerose (MS). Dabei handelt es sich um eine vergleichsweise seltene Form der Krankheit, die anders als die viel häufigere sogenannte schubförmig-remittierende Multiple-Sklerose-Form nicht aufflammt und wieder abklingt.85 Prozent der frisch diagnostizierten Patienten erleben die Krankheit anders als Stefan Brugger. Ihre Krankheit verschlechtert sich in Schüben. Kennzeichnend für diese Phasen ist, dass plötzlich neue Symptome wie Koordinationsprobleme oder Lähmungen auftreten oder sich bereits bestehende Symptome verschlechtern. Die Beschwerden bilden sich teilweise über Tage bis Wochen zurück. Zwischen den einzelnen Schüben gibt es jeweils stabile Phasen, in denen die Erkrankung scheinbar stillsteht.Die primär progrediente MS, oft abgekürzt PPMS genannt, ist leider noch tückischer. Weil sie schleichend beginnt und daher wie im Fall von Stefan Brugger oft spät erkannt wird. Und weil sie unaufhaltsam voranschreitet. Die ersten Symptome sind oft Probleme beim Gehen, dann werden die Behinderungen immer ausgeprägter.Feinmotorik, Gehen, Sehen – die Symptome sind vielseitigVor vier Jahren bemerkte Stefan Brugger, dass ihm das Treppensteigen zunehmend Mühe bereitete. «Inzwischen sind die Stufen richtig schwer für mich», sagt er. Im Laufe der Jahre sind weitere Symptome hinzugekommen: extreme Müdigkeit, Sehschwäche auf beiden Augen und ein zunehmender Ausfall der Feinmotorik in der rechten Hand. Mit rechts kann er keine Dose mehr öffnen. Mittlerweile ist der Landwirt in Frührente. Er kümmert sich aber weiter um seinen Hof, soweit es die Krankheit eben zulässt.Eine Behandlung mit Medikamenten gegen multiple Sklerose hat er bislang nicht bekommen. Vonseiten der Ärzte hiess es lange: Bei seiner Krankheitsform könne man mit Arzneimitteln nichts machen. Aber das stimmt so nicht.Denn seit 2018 ist gegen die PPMS in der EU ein Arzneimittel zugelassen, es nennt sich Ocrelizumab. Für diese Krankheitsform gibt es nur dieses eine Mittel. Das soll sich nun ändern: Das Pharmaunternehmen Roche hat Anfang dieses Jahres vielversprechende Ergebnisse zu einem neuen Wirkstoff namens Fenebrutinib veröffentlicht. Eine weitere Zulassung würde den Patienten und Ärzten erstmals die Möglichkeit geben, zwischen verschiedenen Mitteln zu wählen. Doch wie gut wirkt das Medikament? Und warum ist die schleichend fortschreitende Form von MS überhaupt so schwierig zu behandeln?Die lang ersehnte Therapiealternative?«Die Wirksamkeit von Fenebrutinib lässt sich derzeit nicht abschliessend beurteilen», sagt der Neurologe Bernhard Hemmer, er leitet die Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum der Technischen Universität München. «Denn die Daten sind bislang nicht in einer Fachzeitschrift veröffentlicht.» Es gibt nur eine Pressemitteilung.Laut Hemmer ist die Wirkung von Fenebrutinib mit der des Konkurrenzprodukts Ocrelizumab vergleichbar – sollten sich die ersten Ergebnisse bestätigen. Roche behauptet, das neue Mittel wirke sogar besser. Patienten hätten mit Fenebrutinib nach 24 Wochen Therapie ein um 12 Prozent niedrigeres Risiko, dass die Behinderungen voranschritten, als Patienten, die Ocrelizumab erhalten. Allerdings ist das ein geringer Vorteil. Der Unterschied, den die Studie zeigt, könnte deshalb auch durch Zufall entstanden sein. Von einer Überlegenheit zu reden, ist eine sehr wohlmeinende Interpretation.«Das ist kein Wendepunkt», sagt Bernhard Hemmer über das neue Medikament. «Aber es gibt nun möglicherweise eine zweite Option für die Behandlung der primär progredienten multiplen Sklerose.» Und ein neues Medikament wird dringend benötigt. Denn das bislang zugelassene Ocrelizumab habe nicht gerade eine «durchschlagende Wirkung», sagt der Neurologe.Tatsächlich bremst das Mittel das Fortschreiten der Behinderung nur moderat. Aber selbst wenn Fenebrutinib nicht besser wirken würde, wäre das für die Betroffenen ein grosser Fortschritt. Weil nicht jedes Mittel bei jedem gleich wirkt, hätten die Ärzte zumindest noch eine Option, wenn sich Ocrelizumab bei einem Patienten nicht bewährt.Die Ursache: fehlgesteuerte ImmunzellenUm zu verstehen, warum die PPMS so schwer zu behandeln ist, lohnt es sich, zunächst einen Blick auf die andere, häufigere Form der MS zu werfen. Auslöser der Schübe sind bei diesen Patienten nach derzeitigem Kenntnisstand fehlgesteuerte Immunzellen. Eigentlich zum Schutz des Körpers vor Erregern gedacht, lösen sie bei den Patienten Entzündungen aus. Diese zerstören die Isolierschicht, die viele Nervenfasern umgibt.Das hat Folgen: Nervenimpulse können nicht mehr so gut weitergeleitet werden, die Befehlsketten zwischen Muskel und Gehirn werden unterbrochen, das ist die Ursache der Symptome. Je nachdem, wo sich die entzündlichen Herde im Gehirn und Rückenmark befinden, haben die Betroffenen beispielsweise Sehstörungen oder Koordinationsprobleme.Die Immunzellen dringen aus der Peripherie des Körpers in das Gehirn ein. Eigentlich sollte das nicht passieren: Normalerweise dichtet die sogenannte Blut-Hirn-Schranke das Gehirn wie eine Barriere gegen Krankheitserreger und schädliche Stoffe ab. Dasselbe gilt für die eigenen Abwehrzellen. Dadurch ist das Gehirn eigentlich vor irregeleiteten Abwehrzellen aus dem Blut geschützt, die körpereigenes Gewebe angreifen. Bei der schubförmigen MS ist diese Barriere aber durchlässig. Deshalb funktioniert dieses Sicherheitssystem nicht. Gegen die Entzündungen bei der häufigeren Krankheitsform stehen mehr als ein Dutzend Medikamente zur Verfügung. Viele von ihnen greifen gezielt in das Immunsystem ein, reduzieren und blockieren bestimmte Abwehrzellen, so dass diese gar nicht erst ins Gehirn gelangen.Die Symptome verschlechtern sich langsam und stetigGanz anders ist die Situation bei der primär progredienten MS. Sie betrifft nur rund 10 bis 15 Prozent der Patienten. Schübe erleben die Betroffenen nur selten, stattdessen verschlechtern sich ihre Symptome langsam und stetig. Experten gehen davon aus, dass bei der PPMS die Entzündungen weniger durch von aussen eindringende Immunzellen verursacht werden. Vielmehr komme es im Inneren des Gehirns zu fehlgesteuerten Immunprozessen.Eine Rolle spielen dabei die «hauseigenen» Immunzellen des Gehirns, Fachleute nennen sie Mikroglia-Zellen. Sie verursachen chronische Entzündungen im Gehirn, die hinter einer grösstenteils intakten Blut-Hirn-Schranke langsam vor sich hin schwelen.Auch bei der PPMS werden die Isolierschichten der Nervenfasern geschädigt. Gleichzeitig sterben aber auch in grossem Ausmass Nervenzellen. Mediziner nennen das Neurodegeneration. Die Ursache hierfür sind eine Stressbelastung und ein Energiemangel der Nervenzellen. Im Gegensatz zu der schubförmigen Variante können die Schäden an den Nerven zudem nur unzureichend repariert werden, so dass die Symptome nicht wieder abklingen.Noch offen: Warum versagen manche MedikamenteDiese Unterschiede zwischen der schubförmigen MS und der seltenen PPMS könnten erklären, weshalb Patienten mit PPMS schlechter auf Medikamente ansprechen. Offenbar lässt sich die Entzündung besser behandeln als absterbende Nervenzellen. Bei der primär progredienten multiplen Sklerose ist die Blut-Hirn-Schranke zudem noch intakt.Das wird in diesem Fall zum Problem. Denn deshalb gelangen auch die Arzneimittel schlechter ins Gehirn. All das ist aber nur eine Theorie. «Warum die primär progrediente MS so schwer zu behandeln ist, wissen wir nicht genau», räumt der Neurologe Jens Kuhle ein, Professor für Neuroimmunologie und multiple Sklerose am Universitätsspital Basel.Von der Theorie zurück zur Praxis: Für Stefan Brugger hat sich durch das Gespräch für diesen Artikel möglicherweise etwas verändert. Zum ersten Mal hat er erfahren, dass es überhaupt eine zugelassene Therapie für seine Form der Krankheit gibt. Das will er nun mit seiner Neurologin besprechen.Passend zum Artikel