In Bayerns Bergen braucht es keine Leuchttürme, und doch könnte der Berggasthof am Streichen hoch über dem Tal der Tiroler Ache so etwas Ähnliches sein. Für die Menschen drunten in Schleching, im Achental und im gesamten Chiemgau ist das Ensemble am Streichen in seiner heiligen Zweieinigkeit aus Wallfahrtskirche und Wirtshaus ohnehin ein weithin sichtbares Wahrzeichen ihrer Heimat.Und für die Stiftung Kulturerbe Bayern, die den Berggasthof zusammen mit der Schlechinger Wilde-Stiftung vor fünf Jahren übernommen hat und ihn an diesem Samstag nach aufwändiger Sanierung wieder eröffnet, ist er eben genau das: ein erklärtes Leuchtturm-Projekt, das weit ausstrahlen soll und muss, damit die Stiftung in Zukunft auch noch andere Gebäude bewahren kann.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Hier in Schleching hat die Stiftung neben dem Streichen-Wirtshaus auch den Dorffrieden gerettet. Denn nachdem der langjährige Streichen-Wirt Franz Strohmayer im November 2020 gestorben war, hatte sich der 2000-Einwohner-Ort zutiefst zerstritten über die Frage, ob die klamme Gemeinde das Wirtshaus übernehmen sollte und es als Ort für alle in die Zukunft retten. Oder ob sie das Haus einem örtlichen Unternehmer und dessen auswärtigen Geldgebern überlassen sollte oder anderen Investoren, die sich mit ihren Plänen dann schon nach den Wünschen der Gemeinde richten würden.Die beiden Geschwister und Erben des verstorbenen Wirts haben nach eigenen Worten „horrende“ Angebote abgelehnt, damit am Streichen auch in Zukunft ein jeder eine Brotzeit bekommen kann und etwas zu trinken, so wie es beim Franz immer gewesen war. Dass es wieder so sein und auf absehbare Zeit so bleiben wird, hat erst die Stiftung Kulturerbe Bayern möglich gemacht. Sie hat den Berggasthof und viel Grund drum herum 2021 federführend übernommen – zusammen mit der Stiftung des Schlechinger Ehepaars Yvonne und Thomas Wilde.Thomas Wilde hat mit seiner Familienstiftung einen großen Anteil an der Finanzierung. Er hat das Projekt vor Ort vorangetrieben und auch viele alte Postkarten vom Streichen zusammengesammelt, die nun im Gasthaus an den Wänden hängen. Foto: Matthias KöpfBeide Stiftungen haben jeweils einen niedrigen siebenstelligen Betrag dafür ausgegeben. Thomas Wilde hat dann weiteren Grund hinzugekauft und einen neuen Steig anlegen lassen, der inzwischen von einem neuen Parkplatz an der Bundesstraße im Tal in steilen Serpentinen auf den Streichen führt. Den Schweiß vom Aufstieg können sich Wanderer auf zwei großen Schaukeln mit Blick auf Geigelstein und Kampenwand von der Stirn wehen lassen.Der Berggasthof selbst bietet das gleiche Panorama und Platz für insgesamt 90 Gäste in den Gaststuben, 140 Gäste im Biergarten und 60 Gäste im separaten Kaser. Der dient auch als Vereinslokal für die Schlechinger „Streichenfreunde“, die sich zur Rettung des Gasthofs gegründet hatten. Zu ihnen zählten sich auch die Chiemgauer CSU-Eminenz Alois Glück und der frühere Bundespräsident Horst Köhler, der im nahen Unterwössen ein Haus hatte. Beide haben die Wiedereröffnung des Berggasthofs nicht mehr erlebt.Eine große Schaukel bietet einen weiten Blick auf den Talort Schleching und auf jene Seite der Kampenwand, die praktisch nur aus Schlechinger Perspektive nicht nicht ihre Rückseite ist. Foto: Matthias KöpfVon den Streichenfreunden gehören etliche seit dem Frühjahr dem Schlechinger Gemeinderat an, ihr Sprecher Thomas Müllinger wurde zum Bürgermeister gewählt. Die ganze Gruppe gehört inzwischen zum Verein Kulturerbe Bayern. Der begleitet und fördert die Aktivitäten der gleichnamigen Stiftung und hat etwa 3000 Mitglieder, auch weit über Bayern hinaus. Einen Teil davon verdankt er wohl dem Umstand, dass die Mitgliedschaft freien Eintritt in etliche Kulturdenkmäler in anderen Ländern eröffnet – etwa in die vielen Herrensitze des englischen „National Trust“ als dem erklärten Vorbild von Kulturerbe Bayern.Die bayerische Stiftung ist aber noch keine 131 Jahre alt wie die englische, sondern wurde 2018 eingerichtet, drei Jahre nach dem Verein. Der Berggasthof am Streichen ist ihre dritte eigene Immobilie nach einem alten Stadthaus mit einem jüdischen Ritualbad in Rothenburg ob der Tauber und nach dem oberfränkischen Schloss Erkersreuth bei Selb, das einst dem Porzellanunternehmer Philip Rosenthal gehört hat.Die Bettgestelle in den historischen Gästezimmern haben oft Antiquitätenhändler geliefert. Foto: Matthias KöpfEin Wasserbecken erinnert daran, dass dieser Raum dem Mesner der Streichenkirche vor langer Zeit als Küche gedient hat. Heute ist er eine von mehreren Gaststuben. Foto: Matthias KöpfDas Haus in Rothenburg ist seit zwei Jahren saniert und bei verschiedenen Gelegenheiten zugänglich. Das Haus am Streichen wird als Gaststätte praktisch immer offen stehen. Neben seiner ursprünglichen Bestimmung soll es nun zeigen, was sie beim Kulturerbe unter ihrem Motto „Machen wir’s gut!“ verstehen. Denn die Sanierung des denkmalgeschützten vorderen Teils sowie der Neubau des rückwärtigen Teils mit der großen Gaststube, der perfekt ausgestatteten Gastroküche und oben den meisten der insgesamt 22 Gästebetten, sind recht gediegen ausgefallen.An die 50 Firmen waren damit beschäftigt, darunter nicht nur bauübliche Handwerksbetriebe. So hat eine ganze Schar von Restauratoren die verschiedenen früheren Wandfarben freigelegt, an einzelnen Stellen sollen die Farbschichten auf Dauer sichtbar bleiben. Entschieden haben sich die Kulturerben für Blautöne, wie sie am Streichen etwa vor 100 Jahren verwendet worden sind.Der hintere Teil des Hauses wurde in den vergangenen Jahren abgerissen und komplett neu gebaut. Foto: Michael Hopf/Stiftung Kulturerbe BayernAuf dem Dach liegt eine Photovoltaik-Anlage in denkmalgerechter Kupferdach-Optik, für die es gerade den oberbayerischen „Bürgerenergiepreis“ gegeben hat. Hinter dem Lehmputz im Altbau ist eine mit Holzhackschnitzeln befeuerte Wandheizung verlegt. Darum und weil eigens eine Kunstberaterin die Bilder ausgewählt hat, soll der Wirt die Dekoration möglichst nicht verändern.Insgesamt werde die reine Sanierung wohl im selbst gesteckten Rahmen von fünf Millionen Euro bleiben, heißt es bisher inoffiziell, etwa ein Sechstel davon komme aus öffentlichen Fördertöpfen. So viel Geld in ein einziges Projekt zu stecken, war nicht immer Konsens innerhalb von Kulturerbe Bayern. Denn jenseits von zweckbestimmten Zustiftungen und von lediglich mitverwalteten Geldern und Objekten besteht der Grundstock des Kulturerbes aus einem Vermächtnis von gut zehn Millionen Euro.Das Dach des historischen Berggasthofs besteht inzwischen aus einer nagelneuen PV-Anlage in denkmalgerechter Kupfer-Optik inklusive langen Rundhölzern als Schneefang. Foto: Matthias KöpfDiese Summe sollte ausdrücklich in Immobilien gesteckt werden und dürfte demnächst aufgezehrt sein. Solange diese Immobilien aber nicht selbst nennenswerte Einkünfte abwerfen, lebt die Stiftung eben nicht von Erträgen, sondern von der Substanz. Manche sorgten und sorgen sich, ob bald überhaupt noch Geld da ist für ein riesiges Vorhaben wie Schloss Erkersreuth.Im Vorstand wie in der Geschäftsstelle von Kulturerbe Bayern herrschte in den vergangenen Jahren eine beträchtliche Fluktuation. Die Stiftungsvorsitzende Ursula Scriba, die dieses Ehrenamt erst im März 2025 angetreten hatte, wurde vom Stiftungsrat schon nach wenigen Monaten wieder abberufen. Inzwischen ist ein für alle Seiten möglichst gesichtswahrender Abschied ohne Gerichtsurteil ausgehandelt worden.Nikolaus Walther ist Vorsitzender des Stiftungsvorstands von Kulturerbe Bayern. Foto: Matthias KöpfVorsitzender des Stiftungsvorstands ist nun Scribas früherer Stellvertreter Nikolaus Walther. Mit ihm und einigen im November neu berufenen Vorständen hat sich auch ihre gemeinsame Strategie durchgesetzt: Am Streichen beispielhaft vorzuführen, was man mit den nötigen Mitteln an Qualität erreichen kann und will, um so neue Spender, Sponsoren, Zustiftungen oder Erbschaften einzuwerben.Das Ergebnis am Streichen spricht jedenfalls für sich. Nahezu das Einzige, woran es jetzt noch fehlt, ist ein Nachfolger für Franz Strohmayer. Den richtigen Wirt und Pächter muss die Augustiner-Brauerei finden, deren Sortiment am Streichen von der Staatsbrauerei Weihenstephan ergänzt wird. Einschenken werden bei der Wiedereröffnung an diesem Samstag die Mitarbeiter eines Catering-Unternehmens.