Immer vor wichtigen Spielen pflegt Didier Deschamps ein bemerkenswertes Ritual. Er nimmt einen elektrischen Rasierer, geht rüber in das Zimmer seines Co-Trainers Guy Stéphan – und rasiert ihm die Glatze. So halten das der französische Nationaltrainer Deschamps, 57, und sein zwölf Jahre älterer Assistent seit vielen Jahren. Und niemand würde nun bezweifeln, dass ihr drittes Spiel in der Gruppe I an diesem Freitag (21 Uhr MESZ/ZDF und MagentaTV) in Boston für Frankreichs Nationalmannschaft von einer Wichtigkeit ist, die eine gründliche Rasur der Assistentenglatze gerechtfertigt hätte.Dritte Gruppenspiele sind bei Weltmeisterschaft nicht gerade die Stärke der Franzosen. 2022 in Katar verloren Les Bleus ihre dritte Partie 0:1 gegen Tunesien, 2018 in Russland quälten sie sich zu einem 0:0 gegen Dänemark, 2014 in Brasilien zu demselben Ergebnis gegen Ecuador. 2010, bei ihrem von Skandalen begleiteten Auftritt in Südafrika, verloren sie 1:2 gegen den Gastgeber. Frankreichs letzter Erfolg in einem dritten WM-Spiel ist damit 20 Jahre her: 2006 in Deutschland gelang ein 2:0 gegen Togo in Köln.MeinungDeutschland bei der WM:Das Nationalteam kann gerade keinen Starfußball spielen – aber das muss kein Nachteil seinNun geht es am Freitag gegen Norwegen. Aber Guy Stéphan muss diesmal nicht nur selbst sehen, wie er seine markante Glatze herausputzt, er trägt auch die Verantwortung für das gesamte Spiel. Deschamps’ Mutter ist vor einigen Tagen gestorben, er ist für die Beerdigung zurück nach Frankreich geflogen.Schon seit 2009 sind der eher schweigsame Bretone Stéphan und der verschmitzte Baske Deschamps ein Team. Damals musste sich ihre neu geknüpfte Partnerschaft als Erstes bei Olympique Marseille bewähren, in einem der schwierigsten Milieus des französischen Fußballs. „Marseille ist ein Vulkan, der ständig ausbricht“, sagte Stéphan, der von 2003 bis 2005 Nationaltrainer Senegals war, vor der WM der Zeitung Le Monde. „Wenn es in Marseille gut läuft, läuft es sehr gut. Aber wenn es schlecht läuft, läuft es sehr schlecht. Und man weiß erst, dass ein Duo funktioniert, wenn es gelingt, die schwierigen Momente zu überwinden.“ In drei Jahren gewannen sie in der Metropole am Mittelmeer sechs Titel. Dann nahm „DD“ seinen Assistenten mit zur Équipe de France.Guy Stéphan gilt als einer, der seinem jüngeren Chef grundsätzlich nie nach dem Mund redet. Und Didier Deschamps gilt als einer, der diese Offenheit schätzt. Das ist nicht in allen Trainerteams so. Keine längeren Debatten waren indes nötig, um den klaren Auftrag zu definieren, mit dem der abwesende Deschamps und der Interimschef Stéphan ihre Elf in das Spiel gegen Norwegen schicken: unbedingt Gruppenerster zu werden! Es also im dritten Spiel diesmal besser zu machen als bei allen von ihnen geleiteten WM-Missionen zuvor.Wobei man auch festhalten muss: Weder 2018 noch 2022 hatte den Franzosen der Dämpfer in Spiel drei geschadet. Sie rückten danach jeweils bis ins Finale vor; 2018 gewannen sie in Moskau den Titel, 2022 unterlagen sie in Lusail Argentinien im Elfmeterschießen. Und wer jeweils die Schuld trug an den mauen letzten Gruppenspielen, das war dem Duo Deschamps/Stéphan ebenfalls klar: sie selbst. 2022 hatten sie gleich auf neun Positionen ihre Startelf verändert, um auch dem Letzten in der Ersatzspielerhierarchie noch ein bisschen Einsatzzeit zu schenken; 2018 war es ähnlich.Alle französischen Spiele fanden und finden im Umkreis von 500 Kilometern stattDiesmal wäre es schon eine Überraschung, wenn Stéphan eine seiner drei Offensiv-Stammkräfte schonen würde, Kylian Mbappé, Ousmane Dembélé oder Michael Olise. Und drum herum ist die französische Elf ohnehin noch in der Findungsphase. Maxence Lacroix könnte als Innenverteidiger dem von Rückenschmerzen geplagten William Saliba eine Pause verschaffen; auf der linken Abwehrseite ist unklar, ob Theo Hernández oder Lucas Digne sich durchsetzen; und in der Zentrale dürfte Aurélien Tchouaméni zurückkehren. Da geht es aber eher um Belastungssteuerung als darum, die gesamte Gruppe bei Laune zu halten.Wer in diesen Überlegungen bislang keine Rolle zu spielen scheint, ist der potenzielle Gegner der Bleus im Achtelfinale: Deutschland. Während im deutschen Lager am Freitag sicher viele auf einen Überraschungscoup der Norweger hoffen – weil sich sonst Deutsche und Franzosen, Siege im Sechzehntelfinale vorausgesetzt, in der nächsten Runde begegnen würden –, versetzt diese Perspektive die Franzosen bisher in keinerlei Unruhe. Bis zum überübernächsten Spiel am 4. Juli denken sie nicht; eher daran, im Sechzehntelfinale der als unangenehm empfundenen Elf der Elfenbeinküste aus dem Weg zu gehen. Doch vor allem geht es darum, „so wenig Energie wie möglich für alles außerhalb des Spielfelds zu verschwenden“. So hatte Deschamps das schon im März auf einer Testspiel-Tournee durch die USA formuliert.Energiesparen war den Franzosen bisher vergönnt wie keinem zweiten Team bei dieser WM. Ihr Basislager haben sie in der angenehmen Sommerfrische von Boston aufgeschlagen. Alle ihre Spiele fanden und finden im Umkreis von 500 Kilometern an der Ostküste statt: in New York und Philadelphia, und nun also in Foxborough südlich von Boston, eine maximal einstündige Busfahrt von ihrem Trainingsgeländer an der Bentley University in Waltham, Massachusetts entfernt. Als Gruppenerster könnten sie (wie auch die Deutschen) in New York, Philadelphia und Boston weiterspielen, ehe ein mögliches Halbfinale in Dallas anstünde. Der Weg als Gruppenzweiter: Dallas, New York, Miami, Atlanta. Mehr als ein Achtelfinale gegen Deniz Undav und Kai Havertz fürchten die Franzosen derzeit diese Reiseroute.Und da ist auf norwegischer Seite ja auch noch dieser gewisse Erling Haaland, der bei den Franzosen durch seine bloße Anwesenheit die Konzentration hochhalten wird. Mit vier Treffern liegt er bisher gleichauf mit Mbappé. „Mit Haaland ist es immer ein Kampf“, sagte der L’Équipe derjenige, der diesen Kampf mal wieder annehmen muss: FC-Bayern-Verteidiger Dayot Upamecano.Ehe die Franzosen am Dienstag ihr Training begannen, fanden sie sich im großen Kreis zu einer Schweigeminute zusammen. „Alle unsere Gedanken sind bei unserem Trainer und seiner ganzen Familie. Ihr seid nicht allein“, schrieb Kylian Mbappé dazu auf Instagram. Dann flog Didier Deschamps nach Hause. Das ändert aber nichts daran, dass er Guy Stéphan noch ganze fünf Mal die Glatze rasieren will bis zum WM-Finale am 19. Juli.
WM 2026: Vor einem Spiel gegen Deutschland fürchtet sich bei Frankreich niemand
Didier Deschamps ist zur Beerdigung seiner Mutter geflogen, sein Co-Trainer Guy Stéphan übernimmt. Klares Ziel ist der Gruppensieg.












