Die Mitteilung kam Freitagnachmittag ohne jede Vorankündigung. Die Überschrift klang noch vergleichsweise harmlos: „Personelle Veränderungen in der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH.“ Verkündet wurde dann aber der völlig überraschende und abrupte Abgang des Chefs des Konzerns aus Gerlingen bei Stuttgart. Stefan Hartung, 60, lege bereits zum 30. Juni sein Mandat als Vorsitzender der Geschäftsführung nieder, heißt es. Als Begründung steht da nur: „auf eigenen Wunsch“.Die Nachricht dürfte zu ziemlichen Erschütterungen führen, nicht nur bei den weltweit 413 000 Mitarbeitenden des Konzerns. Denn normalerweise erfolgen die Chefwechsel bei der Traditionsfirma, die auf den Gründer Robert Bosch zurückgeht und sich in Besitz der Bosch-Stiftung befindet, geordnet und lange vorbereitet. Hartung ist erst der achte Vorstandsvorsitzende in 140 Jahren, normalerweise bleiben die Chefs länger. Das zeigt: Bei Bosch denkt man eher in langen Zeiträumen, plötzliche Wechsel sind da eigentlich nicht vorgesehen.Gerade werden im Konzern sehr viele Jobs gestrichenDas ist diesmal anders. Hinzu kommt, dass sich Bosch in einer tiefen Krise befindet. Grund ist unter anderem der grundlegende Umbruch in der Autoindustrie. Nach eigenen Angaben ist Bosch in vielen Bereichen mittlerweile nicht mehr wettbewerbsfähig. Derzeit werden massiv Jobs gestrichen und die Strukturen umgebaut. Allein im Zulieferbereich will der Konzern in den kommenden Jahren bis zu 22 000 Stellen streichen. Aber auch viele andere Bereiche trifft es.Ausgerechnet in dieser heiklen Situation geht nun der Bosch-Chef. Immerhin: Ein Nachfolger steht bereit. Der bisherige Vize-Chef Christian Fischer soll übernehmen, der nur zwei Jahre jünger ist als Hartung und einst als Trainee bei Bosch startete. Er arbeitete dann für andere Unternehmen und kehrte 2018 zum Konzern zurück. Fischer verantwortet derzeit die Konsumgütersparte – und war so etwas wie der Chefstratege der Gruppe.Christian Fischer soll zum 1. Juli neuer Chef von Bosch werden. Bernd Weißbrod/dpaGab es Streit um den weiteren Kurs? Gab es gar ein Zerwürfnis? Das wird dementiert. Hartung wolle sich künftig „neuen gesellschaftlichen und unternehmerischen Aufgaben außerhalb der Bosch-Gruppe“ widmen, heißt es lediglich. Welche das sein sollen, ist unklar und wird nicht mitgeteilt. Bei Bosch ist man jedenfalls bemüht zu betonen, dass der Wechsel in enger Abstimmung und im Einvernehmen mit der obersten Ebene bei Bosch erfolge. „Die Gesellschafter und der Aufsichtsrat bedauern die Entscheidung von Stefan Hartung und danken ihm ausdrücklich für seine großen Verdienste bei der umsichtigen Führung des Unternehmens in einer außergewöhnlich anspruchsvollen Phase“, teilte Aufsichtsratschef Stefan Asenkerschbaumer mit.Und der gebürtige Bayer schiebt hinterher: Hartung habe die kraftvolle Weiterentwicklung von Bosch gezielt fortgesetzt. Er respektiere die persönliche Entscheidung von Hartung. Asenkerschbaumer ist zugleich geschäftsführender Gesellschafter der Robert Bosch Industrietreuhand KG, dem Machtzentrum des Konzerns. Sie hält mehrheitlich die Stimmrechte an dem weltgrößten Autozulieferer. Gerade erst hatte Asenkerschbaumer eines seiner seltenen Interviews gegeben. „Es wäre fatal, nur abzuwarten“, sagte er der FAZ. Und er fügte an, im Hinblick auf das Wertegerüst sei es wichtig, dass „für Robert Bosch immer das langfristige Überleben des Unternehmens im Mittelpunkt“ stehe.Hartungs Vertrag wurde erst im Herbst verlängertÜberraschend ist der Führungswechsel auch, weil der Vertrag Hartungs erst im vergangenen Herbst verlängert wurde, offenbar bis 2031. Es klang so, als würde Stefan Hartung den Chefposten bis zur Rente behalten. Der Manager stammt aus Dortmund und hat früher bei der Beratungsfirma McKinsey gearbeitet. Seit 2004 ist er bei Bosch, 2022 wurde er Vorsitzender der Geschäftsführung.Bosch macht einen Umsatz von rund 91 Milliarden Euro und stellt neben Autoteilen auch Halbleiter, Hausgeräte und Elektrowerkzeuge her und ist in der Industrie- und Gebäudetechnik aktiv. Im vergangenen Jahr musste Bosch erstmals seit 2009 einen Nachsteuerverlust in Höhe von 363 Millionen Euro verkünden. Bereits im Jahr davor hatte sich der Gewinn halbiert. Der Umsatz stieg 2025 nur leicht. Die Erwartungen wurden verfehlt.Doch Stefan Hartung gab sich immer zuversichtlich und optimistisch. Zuletzt sagte er der SZ: „Es gibt immer eine Möglichkeit, das Dunkle zu sehen, aber es macht mehr Spaß, nach dem Licht zu suchen, auch wenn es noch so dunkel ist.“ Jetzt also hat Hartung die Suche nach dem Licht bei Bosch sehr plötzlich aufgegeben. Das muss nun jemand anderes übernehmen – in diesen schwierigen Zeiten.