Die Forderung, die Abertausende Frankfurter Jugendliche vor 100 Jahren in die Stadt hineinriefen, war kaum zu überhören. „Wir brauchen ein Haus der Jugend.“ Am 27. Juni 1926 zogen geschätzte 30.000 junge Menschen in einem langen Zug vom Lokalbahnhof über den Römer zum Waldstadion, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. Sämtliche Frankfurter Schulen waren mit ihren drei obersten Klassen vertreten, ebenso die Jugendverbände der evangelischen und katholischen Kirche, die der Arbeiterparteien und der Gewerkschaften sowie Mädchen und Jungen aus Wander-, Schul- und Turnvereinen.Wie es zu dem Vorhaben eines Hauses der Jugend kam, wie das Projekt schließlich am Dornbusch verwirklicht wurde und wie nach dem Zweiten Weltkrieg die Amerikaner das „Haus der Jugend“ für ihre eigenen Zwecke nutzten, dabei aber den finanziellen Grundstock für ein neues „Haus der Jugend“ am Sachsenhäuser Ufer zur Verfügung stellten, hat der Stadthistoriker Dieter Wesp nun detailliert zusammengefasst. Die umfangreiche Dokumentation trägt den Titel „Symbol einer neuen Zeit. 100 Jahre Haus der Jugend e.V. Frankfurt am Main“.Modell des Bauwerks durch die Stadt gezogenZurück zum Demonstrationszug der Jugendlichen im Jahr 1926. Die Zuschauer am Rande der Strecke konnten sich ein Bild machen von dem gewünschten „Haus der Jugend“, für das Martin Elsaesser, der Leiter des Hochbauamtes, einen Entwurf verfertigt hatte. Denn auf einem der Motivwagen, der die Aufschrift „Baut mit uns das Haus der Jugend“ trug, führten die Jugendlichen ein Modell des Bauwerks mit sich. Es war ein fröhlicher Zug, der sich da seinen Weg bahnte. Fahnen, Wimpel, Gesang – eine Stimmung, getragen von einer gemeinsamen Vision. Auf den Festwiesen vor dem Stadion wurden die jungen Menschen vom Frankfurter Bürgermeister und Jugenddezernenten Eduard Gräf und dem Kreisjugendpfleger Werner Franke begrüßt, der eine Denkschrift mit der Bitte um Unterstützung an den ebenfalls anwesenden Oberpräsidenten von Hessen-Nassau überreichte.Im Stadion wurden sportliche Wettkämpfe abgehalten, im benachbarten Stadionbad Schwimmwettbewerbe. Zudem erlebten die Teilnehmer ein Festspiel mit einem Bewegungs- und einem Sprechchor. Über der Veranstaltung habe ein guter Stern gewaltet, schrieb die „Frankfurter Zeitung“: „Es war ein Fest! Aufflammend ging die Stimme der Jugend durch die Stadt.“Lotterie sollte den Bau mitfinanzierenIns Rollen gebracht hatte die neue Jugendbewegung der im März 1926 gegründete Verein „Haus der Jugend“, der sich die Aufgabe gestellt hatte, Mittel für den Bau eines solchen Hauses zu beschaffen. Einer seiner maßgeblichen Akteure war der sozialdemokratische Bürgermeister Gräf, der alle Kräfte der Stadt zusammenzufassen versuchte, um eine moderne Jugendherberge für die wandernde Jugend und Heimräume für die Frankfurter Jugendverbände zu schaffen. 400.000 Reichsmark sollte das „Haus der Jugend“ kosten. 100.000 Mark bewilligte der Frankfurter Magistrat, der außerdem unentgeltlich ein Grundstück am Sachsenhäuser Ufer bereitstellen wollte. Nun ging es darum, die restlichen 300.000 Mark aufzutreiben. Der Verein hoffte darauf, 100.000 Mark vom Land Hessen zu bekommen, die verbleibenden 200.000 Mark wollte er über eine Lotterie hereinholen. Tatsächlich kauften die Frankfurter knapp eine Million Lose zu 50 Pfennig je Stück, am Ende verblieb aber nur ein Überschuss von 135.000 Mark.Vor 100 Jahren: Mit einer Demonstration, die am Rathaus vorbeiführt, setzen sich Jugendliche in Frankfurt für ein Haus der Jugend ein, das vier Jahre später Wirklichkeit werden sollte.Archiv Haus der JugendNach schwierigen Debatten über den Standort und die Finanzierung sah der Verein 1928 endlich Land in Sicht. Im Januar desselben Jahres erklärte sich die Stadtregierung bereit, dem Verein an der nördlichen Hansaallee am heutigen Am Grünhof im Stadtteil Dornbusch ein städtisches Grundstück im Erbbaurecht zu überlassen. Besonders günstig für eine Jugendherberge lag dieses Areal zwar nicht, denn es war weit entfernt vom Hauptbahnhof und von der Innenstadt. Aber es passte zu den städtebaulichen Plänen des Neuen Frankfurt unter Ernst May, die dort am Dornbusch mit dem „Haus der Jugend“, dem christlich-jüdischen Henry-Budge-Heim und einem Ledigen-Apartment-Haus ein Ensemble im Stile der Neuen Sachlichkeit vorsahen. In einem Wettbewerb setzte sich der Architekt Franz Thyriot mit seinem Entwurf durch, der tatsächlich realisiert und für den im Sommer 1929 der Schlussstein gelegt wurde.Gut vorbereitet: Während der Demonstration am 27. Juni 1926 wurde auch schon ein Modell des gewünschen Hauses der Jugend gezeigt.Archiv Haus der JugendDie Eröffnungsfeier am 1. Juni 1930 endete allerdings mit einem Skandal. Bei dem Aufmarsch der Jugendverbände kam es zu Zusammenstößen zwischen sozialistischen und nationalsozialistischen Gruppen, was die Polizei zum Eingreifen zwang. Der Festleitung blieb nichts anderes übrig, als die Veranstaltung abzubrechen. Zwar entwickelte das „Haus der Jugend“ sofort einen starken Sog, bis Ende 1930 nutzten fast 25.000 Jugendliche die Herberge und die anderen Räumlichkeiten. Doch der handgreifliche Zwischenfall bei der Eröffnung wies auf die wachsenden Gefahren für die Weimarer Demokratie hin und muss als ein erstes Vorzeichen für die vollständige Übernahme des „Hauses der Jugend“ nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten gedeutet werden.Im Krieg wurden die Räume zweckentfremdetBald nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler zerschlugen die neuen Herren auch in Frankfurt die Vielfalt der Jugendbewegung und schalteten die vielen Gruppen und Organisationen in der Hitlerjugend und dem Bund deutscher Mädel gleich. Der Verein „Haus der Jugend“ als Träger der Institution blieb zwar formal selbständig, seine Leitung übernahmen aber zwei langjährige Nationalsozialisten, nämlich der neue Bürgermeister Karl Linder und der neue Stadtrat für Jugend, Soziales und Gesundheit, Werner Fischer-Defoy. Immerhin konnte der Verein den schon für 1930 geplanten Anbau eines Flügels für Übernachtungen 1938 verwirklichen, was das „Haus der Jugend“ zu einer der größten Jugendherbergen Deutschlands machte. Mit Kriegsbeginn wurde die Anlage Teil der deutschen Kriegsmaschine, in ihre Räume zog der für den Luftschutz zuständige Sicherheits- und Hilfsdienst ein, zeitweise wurden dort auch Zwangsarbeiter untergebracht.Nach dem Krieg nahm der Verein seine Arbeit 1947 mit einer neuen Führung und mit einer neuen Satzung wieder auf. Doch er hatte kein „Haus der Jugend“ mehr, weil die Amerikaner das Gebäude am Dornbusch beschlagnahmt hatten und für eigene Zwecke nutzten. Als Ausgleich unterstützten sie von 1949 an den Bau eines neuen „Hauses der Jugend“ mit 200.000 DM. Am Sachsenhäuser Mainufer zwischen dem Deutschordenshaus und dem Kuhhirtenturm fand sich ein geeignetes Grundstück, und schon 1952 konnte der Verein dort einen ersten, vom Architekten Wilhelm Massing geplanten Komplex errichten. In den folgenden Jahren folgten Erweiterungen und 1957 der Bau eines Festsaales. Von nun an verfügte Frankfurt über eine der größten Jugendherbergen der Bundesrepublik. 1961 überschritt das „Haus der Jugend“ erstmals die Marke von 100.000 Übernachtungen. Finanziell war der Verein unabhängig, weil die Amerikaner seit 1958 an ihn Miete für das alte „Haus der Jugend“ am Dornbusch zahlten.Während fast überall in Deutschland das Jugendherbergswerk die Jugendherbergen besitzt und betreibt, ist bis heute in Frankfurt der gemeinnützige Verein „Haus der Jugend“ Eigentümer und Betreiber des gleichnamigen Hauses am Deutschherrnufer. Hier können Jugendliche aus aller Welt nicht nur übernachten, das „Haus der Jugend“ ist dezidiert auch für die jungen Frankfurter ein Ort der Begegnung und der Veranstaltungen. Seinen Gremien gehören Vertreter Frankfurter Jugendverbände, des Jugendamtes, der Stadtverordnetenversammlung und des Magistrats an.Mit der Reduzierung ihrer Truppen in Deutschland im Zuge der Wiedervereinigung benötigte die amerikanische Armee das alte „Haus der Jugend“ am Dornbusch nicht mehr und gab das Gebäude 1994 dem Verein zurück. In seinen Räumen fanden die Jugendbegegnungsstätte (heute: Bildungsstätte) Anne Frank, der Frankfurter Jugendring und das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung eine Bleibe.Das neue Haus am Mainufer war nach der Jahrtausendwende längst nicht mehr neu, sondern sanierungsbedürftig. Zwischen 2016 und 2020 ließ der Verein es modernisieren. Seither gilt es als konkurrenzfähig gegenüber den neu aufkommenden privaten Hostels. Auch die Corona-Krise, die das „Haus der Jugend“ zwischenzeitlich finanziell ins Schlingern brachte, ist inzwischen überwunden. Die bewegte Geschichte des Hauses, sie kann fortgeschrieben werden.