Theodor Schmidt-Kaler (1930 bis 2017) war Professor für Astronomie und konnte Farben nicht leiden. Studenten, die in den Achtzigern seine Vorlesungen an der Universität Bochum gehört hatten, erinnerten sich an diese Abneigung jedenfalls noch nach Jahren. Natürlich hatte auch Schmidt-Kaler nichts gegen bunte Blumen oder Gemälde. Aber in Lehrbüchern und Fachveröffentlichungen hatten farbige Abbildungen astronomischer Objekte seiner Ansicht nach nichts verloren.Tatsächlich wären all die kosmischen Nebel, von denen uns beispielsweise das Weltraumteleskop Hubble bunte Bilder liefert, auch aus der Nähe so nie zu sehen. Erst enorme Belichtungszeiten und eine geschickte Postproduktion machen sie zu dem Augenschmaus, an den wir uns gewöhnt haben. Zuweilen vergessen das selbst Profis. So staunten auch Planetenforscher, als 2024 herauskam, dass der Planet Neptun keineswegs in jenem schönen ultramarinen Tiefblau schimmert, in dem ihn die überall publizierten Aufnahmen der Raumsonde Voyager 2 aus dem Jahr 1989 zeigen. In Wahrheit ist er ähnlich blass türkis wie sein Kollege Uranus.Das Erbleichen des Neptuns ist nur eine von zahllosen Geschichten, die der Österreicher Florian Freistetter in seinem neuen Buch zu berichten weiß. Freistetter ist promovierter Astronom und nach Anfängen als Wissenschafts-Blogger heute als Sachbuchautor, Podcaster und Kolumnist tätig, wobei er sich keineswegs auf die Sternenkunde beschränkt, etwa in seiner fabelhaften Kolumne „Freistetters Formelwelt“, die jeden Monat im „Spektrum der Wissenschaft“ erscheint. In „Die Farben des Universums“ aber geht es tatsächlich hauptsächlich um Astronomie. Tatsächlich gibt er hier einen sehr kurzweiligen Überblick über etliche der wichtigsten Themen der modernen Wissenschaft von dem, was am Himmel ist.Von den meisten Himmelskörpern haben wir einzig die FarbenSein Material organisiert Freistetter nun nicht etwa historisch oder nach der Entfernung des Durchgenommenen von der Erde. Vielmehr sind die sechs Hauptkapitel mit den Namen der Farben des Regenbogens überschrieben und versammeln dann alles Mögliche, was direkt oder auch nur sehr indirekt mit der jeweiligen Farbe zu tun hat. Was im Regenbogen fehlt, Grau oder Gold etwa sowie die „unsichtbaren Farben“ elektromagnetischer Strahlen außerhalb der menschlichen Wahrnehmung, wird in zwei separaten Kapiteln auf astrophysikalisch Wichtiges, anderweitig Interessantes oder einfach nur Kurioses abgeklopft.Florian Freistetter: „Die Farben des Universums“HanserAuf Leser mit Vorkenntnissen mag dieses Gliederungsprinzip zunächst befremdlich wirken – schließlich hat etwa der Planet Mars astrophysikalisch nicht sehr viel mit roten Riesensternen zu tun. Aber es funktioniert, und Freistetter macht damit auch einen wissenschaftshistorischen Punkt stark, der anderswo oft unterbelichtet bleibt: Farben im Sinne elektromagnetischer Wellenlängen im sichtbaren Spektralbereich spielten in Gestalt der Fraunhofer-Linien für die Entwicklung der modernen Astronomie eine überragende Rolle. „Das Weltall ist bunt“, schreibt Freistetter – und genau diese Buntheit ermöglicht es, die Physik von Objekten zu erforschen, die Millionen Kilometer oder Milliarden von Lichtjahren entfernt sind.Auch die kleinen grünen Männchen fehlen nichtNun sind Farben Kategorien an der Grenze zwischen dem objektiv Gegebenen und seiner subjektiven Zuordnung. Das ermöglicht es dem Autor auch, nach Herzenslust zu assoziieren. So fehlen etwa im Kapitel „Grün“ auch die kleinen grünen Männchen nicht. Sie geben Freistetter Anlass zu einem Exkurs über die Wahrscheinlichkeit für die Existenz außerirdischen Lebens und die selbst unter Astronomen verbreitete Ansicht, angesichts der Myriaden von Galaxien im Universum könne es doch gar nicht sein, dass Homo sapiens die einzige vernunftbegabte Lebensform im Universum ist. „Das ist mathematisch unmöglich“, hatte erst jüngst der Filmregisseur Steven Spielberg in Interviews zu seinem neuesten Opus „Disclosure Day“ behauptet. Freistetter zeigt furios, warum das schlicht Unsinn ist: Aus der Existenz eines einzigen Vorkommnisses – in diesem Fall unserer Existenz – lassen sich ganz grundsätzlich keine Wahrscheinlichkeitsaussagen ableiten.Dabei ist Freistätter kein sauertöpfischer Verächter populärer Science-Fiction-Ideen, wie einige kenntnisreiche Anspielungen auf das Genre belegen. Trotzdem stichelt er gelegentlich gegen das eine oder andere Motiv, allerdings nicht immer so überzeugend wie bei der Frage, ob es Aliens gibt. Wenn er etwa schreibt, ein Terraforming des Mars wäre erst „schätzungsweise nach ein paar Zehntausend bis Hunderttausend Jahren“ abgeschlossen, dann wüsste man gern, woher diese Zahl kommt. Der amerikanische Botaniker James Graham, der 2004 zu der Frage einmal eine ausführliche Abschätzung publiziert hat, kommt auf gerade einmal 900 Jahre, die nach Beginn geeigneter Maßnahmen vergehen müssten, bis auf dem Mars die ersten Nadelwälder sprießen würden.Leider sind auch einige andere Aussagen in dem Buch entweder nicht auf dem allerneuesten Stand – eine Kollision der Milchstraße mit der Andromeda-Galaxie in ferner Zukunft ist nach einer Analyse vom Juni 2025 nicht mehr völlig sicher – oder gar fehlerhaft. Etwa die, es sei der Ice-Cube-Detektor am Südpol gewesen, mit dem es 2018 erstmals gelang, Neutrinos aus dem tiefen Weltall einer astronomischen Quelle zuzuweisen. Das geschah bereits 1987 mit Neutrinos aus der Supernova in der Großen Magellanschen Wolke.Das Lesevergnügen mindern solche kleinen Mängel indes nicht. Insbesondere bewundert man den Autor, wie er es schafft, das Universum so lebendig anhand seiner Farben vorzustellen, ohne auch nur ein einziges Bild zu zeigen – von dem rein illustrativen Cover abgesehen.Nur ganz gelegentlich vermisst man visuelle Elemente, etwa wenn das sogenannte Hertzsprung-Russell-Diagramm oder das Zustandekommen eines Regenbogens erläutert wird. Auch den grünen planetarischen Nebel IC 1295 hätte man gern gleich gesehen – bis einem nicht nur Theodor Schmidt-Kaler, sondern auch die Möglichkeiten und Grenzen moderner Medientechnologie einfallen: Bilder und Skizzen lassen sich mit den richtigen Stichworten jederzeit googeln, für Einordnung und Überblick bedarf es nach wie vor eines guten Textes.Florian Freistetter: „Die Farben des Universums“. Hanser Verlag, München 2026. 256 S., geb., 24,– €.
Buntes Universum: Florian Freistetter zeigt, was die Farben des Alls verraten
Wer an das All denkt, stellt sich unendliche schwarze Weiten vor. Tatsächlich ist der Weltraum ein unvorstellbar buntes Kaleidoskop. Florian Freistetter erzählt eine Geschichte des Universums anhand seiner Farben.







