Im WM-«Pride Match» treffen Ägypten und Iran aufeinander – zwei Länder, in denen queeren Menschen Haft oder gar der Tod drohenAm Samstag prallen in Seattle zwei Welten aufeinander: Die queere Community feiert, auf dem Platz stehen zwei muslimische Länder. Wie schon 2022 in Katar entzündet sich eine Debatte an der Regenbogenflagge.Niels Bossert26.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenTraditionell feiert Seattle am letzten Juni-Wochenende Pride – in diesem Jahr ist die Stadt zeitgleich Schauplatz eines WM-Spiels.Lindsey Wasson / APEs musste Ironie des Schicksals sein. Manche mochten zunächst gar an einen Scherz des Weltfussballverbands (Fifa) gedacht haben, als der offizielle WM-Spielplan bekanntwurde. Im Dezember 2025 richteten sich die Blicke der Fussballwelt besonders auf eine Affiche: den «Pride Match».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Schon vor der Bekanntgabe der Teams stand fest: Die Partie am Freitag, 26. Juni, in Seattle (Samstag, 27. Juni, 5 Uhr MESZ) würde im Zeichen von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Transpersonen und Nonbinären stehen. Das Spiel fällt mitten in die jährlichen Pride-Feierlichkeiten der Stadt. Damit war der Rahmen des lokalen Organisationskomitees gesetzt.Dann zeigte der Spielplan: Ausgerechnet Ägypten und Iran treffen aufeinander.Die Fussballverbände wollen den «Pride Match» um jeden Preis verhindernIn Iran stehen homosexuelle Handlungen unter Strafe, im schlimmsten Fall droht der Tod. In Ägypten ist Homosexualität zwar nicht explizit verboten, wird aber über Gesetze zu Moral, Religion, Prostitution oder öffentlichen Sitten geahndet – mit bis zu drei Jahren Haft.Nach der Bekanntgabe der Spielpaarung wandten sich die Fussballverbände beider Länder an die Fifa. Mehdi Taj, Präsident des iranischen Fussballverbands, sagte der iranischen Tageszeitung «Hammihan», man werde «um jeden Preis» verhindern, dass das Spiel in den Farben des Regenbogens stattfinde.Der ägyptische Verband protestierte schriftlich gegen mögliche Aktionen, welche die Sichtbarkeit der queeren Community während des Spiels erhöhen könnten. Diese widersprechen «kulturellen, religiösen und sozialen Werten der arabischen und muslimischen Gesellschaften», hiess es im Schreiben an die Fifa. Zudem erinnerte der Verband die Fifa an ihre Neutralität in politischen und sozialen Fragen.Bezweckt hat der Sturmlauf wenig. Die Fifa äusserte sich nicht per offizieller Stellungnahme. Sie liess lediglich über einen Sprecher mitteilen, die Pride-Festivitäten seien eine reine Initiative der lokalen Organisatoren, in die man nicht eingreife.Ähnlich liess sich Fifa-Präsident Gianni Infantino im Januar in der «Weltwoche» zitieren. Er müsse klarstellen, «dass es bei der Fifa-Weltmeisterschaft kein ‹Pride-Match› geben wird». Die Feierlichkeiten der externen Organisation hätten nichts mit dem Spiel selbst zu tun. Der Fifa sind ausserhalb der Stadien und offiziellen Fanzonen die Hände gebunden.Doch offenbar soll auch im Lumen Field Stadion selbst die Regenbogen-Symbolik präsent sein.«Die Fifa betrachtet die Regenbogenfahne als ein Symbol der Menschenrechte und wird den Fans erlauben, sie im Stadion von Seattle zu schwenken», sagte Hana Tadesse, Sprecherin des lokalen Organisationskomitees, gegenüber der Associated Press (AP). Auf Anfrage von «The Athletic» bestätigte die Fifa diese Woche, dass sie bei allen ihren WM-Spielen Regenbogenfahnen zulassen werde.Seattle gilt als eine der progressivsten und liberalsten Städte der USA.Lindsey Wasson / APGanz anders klang das einige Tage zuvor noch bei Irans Sportminister Ahmad Donyamali im Staatsfernsehen: «Uns wurde versichert, dass es während des Spiels gegen Ägypten im Stadion zu keinen Störungen kommen wird.»Laviert die Fifa also zwischen den Fronten?Donyamali drohte im gleichen Atemzug, man werde das Spiel abbrechen, wenn inoffizielle Fahnen mitgebracht oder Parolen gegen die Nationalmannschaft skandiert würden. In erster Linie meinte er damit die vorrevolutionäre Flagge mit dem goldenen Löwen. Viele Exiliraner nutzen sie als Zeichen ihres Protests gegen das Regime. Die Regenbogenflagge war aber wohl mitgemeint.«One-Love-Binde» 2.0 – diesmal andersherumGegenüber «The Athletic» bestätigte der iranische Fussballverband, dass er der Fifa mitgeteilt habe, keine Symbole oder Darstellungen der «Bewegung» im Stadion sehen zu wollen. Die Fifa solle sämtliche «Zeremonien oder Werbeaktionen» im Lumen Field unterbinden.Auch die rechtskonservative Plattform Citizen Go hat sich in die Debatte eingemischt. Sie startete kürzlich die Petition «Kick LGBT Ideology Out of the Fifa World Cup!». Die Initiatoren kritisieren, das grösste Sportereignis der Welt werde für politische Botschaften instrumentalisiert. Ziel sind 200 000 Unterschriften. Mehr als 120 000 Menschen haben bereits unterzeichnet.Aus iranischer Sicht kann diese Weltmeisterschaft der Pein wohl kaum schnell genug enden: die verweigerte US-Einreise für 15 Delegierte, das nach Mexiko verlegte WM-Camp, die nur an Spieltagen erlaubte Einreise in die USA, der «Pride Match». Wenn Iran die Gruppe G gewinnt und danach auch den Sechzehntelfinal übersteht – und auch die USA so weit kommen – könnten sich die Kriegsgegner sogar auf dem Rasen gegenüberstehen. Es wäre die nächste zynische Fügung des Spielplans.Die Affäre um den «Pride Match» erinnert jedenfalls an eine umgekehrte Version der Causa «One-Love-Binde». Bei der WM 2022 in Katar untersagte die Fifa den europäischen Verbänden ein Zeichen für Diversität – mit Verweis auf die Traditionen des Gastgeberlandes und unter Androhung sportlicher Sanktionen.Der Captain Manuel Neuer und die deutsche Nationalmannschaft verzichteten aus Angst vor Sanktionen auf die «One-Love-Binde».Markus Ulmer / ImagoDie Verbände kuschten und verzichteten auf die Armbinde mit dem Regenbogenherz, die als stiller Protest gegen die Menschenrechtslage in Katar gedacht war.Nun scheinen sich die Nationalteams Ägyptens und Irans den gesellschaftlichen Traditionen des Austragungsortes Seattle beugen zu müssen – diesmal aber ohne Androhung von Sanktionen.Es ist wenig wahrscheinlich, dass die Spieler den Platz tatsächlich verlassen werden, wenn sie im weiten Rund wehende Regenbogenflaggen erspähen. Beide Nationen werden die Partie unbedingt gewinnen wollen. Schliesslich können Ägypten und Iran die Gruppe G noch als Erstplatzierter abschliessen.Passend zum Artikel