ErklärtDie Korruptionsaffären um Spaniens Regierungschef – eine ÜbersichtFamilienmitglieder, Ex-Minister und enge Vertraute von Pedro Sánchez stehen im Fokus der Justiz. Worum geht es in den wichtigsten Fällen, und wie gefährlich werden sie für Pedro Sánchez?26.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenVerschiedene Verbände organisieren regelmässig Proteste gegen Sánchez. Dort werden auch Euro-Scheine mit seinem Konterfei verteilt. Die Anspielung ist unmissverständlich: Der Regierungschef sei käuflich.ImagoSpaniens Politik wird derzeit von einer Serie von Affären erschüttert. Im Zentrum stehen die sozialistische Regierungspartei PSOE und das Umfeld des Partei- und Regierungschefs Pedro Sánchez. Die Vorwürfe reichen von Korruption und Amtsmissbrauch bis zur Mitgliedschaft in kriminellen Netzwerken. Die Verfahren sind komplex, die Akteure zahlreich und die politischen Folgen noch offen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.InhaltsverzeichnisDie FamilieHochrangige ParteifunktionäreEhemaliger Partei- und RegierungschefDie FamilieFall Begoña GómezAuslöser: Im April 2024 leitete ein Madrider Untersuchungsrichter Ermittlungen gegen die Ehefrau von Pedro Sánchez ein. Anlass war eine Anzeige der rechtsradikalen Organisation Manos Limpias wegen mutmasslicher Einflussnahme und Korruption. Gómez soll irregulär Gelder für ihren Lehrstuhl an der Madrider Complutense-Universität beschafft und Unternehmern aus ihrem Umfeld Zugang zu ihrem Mann verschafft haben. Manos Limpias gilt als rechtsradikal; ihr Gründer war Generalsekretär des rechtsextremen Frente Nacional. Später schlossen sich auch die erzkatholische Organisation Hazte Oír und die Rechtsaussenpartei Vox dem Verfahren an.Verlauf des Verfahrens: Während der umstrittenen zweijährigen Ermittlungen beantragten die Verteidigung und selbst die Staatsanwaltschaft wiederholt die Einstellung des Verfahrens wegen mangelnder Beweise. Richter Juan Carlos Peinado eröffnete dennoch im Juni 2026 das Hauptverfahren gegen Gómez. Er entzog ihr den Reisepass, verhängte ein Ausreiseverbot und ordnete eine Meldepflicht an. Die Verteidigung legte Einspruch ein. Gleichzeitig prüft die Justizaufsicht ein mögliches Disziplinarverfahren gegen den Richter, weil er Gómez’ Bodyguards als potenzielle Fluchthelfer bezeichnet hatte.Folgen für Sánchez: Das Verfahren gegen seine Frau belastet Sánchez vor allem privat. Im April 2024 sprach er von einer politisch motivierten Kampagne gegen seine Familie und drohte mit Rücktritt. Zugleich nutzt er den Fall, um sich als Gegner der rechten und Rechtsaussenparteien zu profilieren. Die Entscheidung des Richters, Gómez den Pass zu entziehen und ihr die Ausreise zu verbieten, löste auch in Teilen der Opposition Kritik aus. Schliesslich gilt die Beweislage als dünn.In seiner achtjährigen Amtszeit als Ministerpräsident brachte nur eines Pedro Sánchez an den Rand des Rücktritts: das Justizverfahren gegen seine Ehefrau.ImagoFall David SánchezAuslöser: Gegen den Bruder des Regierungschefs wird wegen seiner Anstellung bei der Provinzverwaltung von Badajoz, einer Kleinstadt an der Grenze zu Portugal, ermittelt. Im Jahr 2016 soll eine hochbezahlte Führungsposition eigens für ihn geschaffen worden sein, ohne offizielle Stellenausschreibung. Anzeige erstattete erneut Manos Limpias. Später schlossen sich der konservative Partido Popular (PP) und die Rechtsaussenpartei Vox der Klage an.Verlauf des Verfahrens: Nach den Ermittlungen erhob die zuständige Richterin im Herbst 2025 Anklage wegen illegaler Ernennung, mutmasslicher Einflussnahme und Amtsmissbrauchs. Der Prozess endete im Juni 2026; ein Urteil wird noch im Sommer erwartet. Der Vorwurf der illegalen Ernennung wurde zuvor fallengelassen. Staatsanwaltschaft und Verteidigung plädierten auf Freispruch.Folgen für Sánchez: Der Fall füttert das Narrativ der Opposition über eine «systemische Vetternwirtschaft» innerhalb der Familie des Regierungschefs. Für Sánchez selbst dürfte der Fall jedoch kaum politische Folgen haben, da er sich auf Provinzebene abspielt.David Sánchez (Mitte) gemeinsam mit Mitangeklagten vor Gericht im Provinzgericht von Badajoz.EPAHochrangige ParteifunktionäreFall Koldo GarcíaAuslöser: Die Antikorruptionsbehörde ermittelte ab April 2022 wegen Unregelmässigkeiten bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen zur Maskenbeschaffung während der Corona-Pandemie. Im Zentrum standen Koldo García, Berater des damaligen Verkehrsministers José Luis Ábalos, sowie der Unternehmer Víctor de Aldama.Verlauf des Verfahrens: Die Ermittlungen weiteten sich bald aus und legten ein weitreichendes Korruptionsnetzwerk offen. Hausdurchsuchungen, beschlagnahmte Handys und Tonaufnahmen belasteten mehrere Spitzenfunktionäre der Sozialisten. Im Frühjahr 2026 kam es zum Prozess vor dem Obersten Gerichtshof. Am 22. Juni erging das historische Urteil: Das Gericht verurteilte den Ex-Minister Ábalos zu 24 Jahren und 3 Monaten Haft und den Berater Koldo García zu 19 Jahren und 8 Monaten Haft wegen krimineller Vereinigung, Bestechlichkeit, Veruntreuung und Einflussnahme. Der Kronzeuge und Drahtzieher Víctor de Aldama erhielt viereinhalb Jahre auf Bewährung, da er umfassend mit der Justiz kooperiert hatte.Folgen für Sánchez: Dies ist der politisch gefährlichste Fall. Zwar wurde Sánchez nicht direkt beschuldigt, die Opposition stellt jedoch seine politische Verantwortung in den Vordergrund: Mehrere der Verurteilten gehörten jahrelang zu seinem engsten Machtzirkel. Ábalos war der strategische Architekt des Misstrauensvotums, das Sánchez 2018 an die Macht brachte, und ein enger Vertrauter. Dass Aldama Strafmilderung erhielt, weil er mit der Justiz kooperiert hat, nährt bei den Sozialisten Befürchtungen, dass weitere Verstrickungen der Regierung ans Licht kommen könnten.Ex-Minister José Luis Ábalos erscheint vor Gericht in Madrid. Die Ermittlungen legten interne Chatverläufe aus dem engsten Zirkel von Sánchez offen. Darin ging es um Geld, Sex und abfällige Bemerkungen über Parteikollegen und politische Gegner.ReutersEhemaliger Partei- und RegierungschefFall Plus UltraAuslöser: Die Regierung Sánchez genehmigte während der Corona-Pandemie eine staatliche Finanzspritze in Höhe von 53 Millionen Euro für die verhältnismässig kleine Fluggesellschaft Plus Ultra Líneas Aéreas. Da das Unternehmen Verbindungen zu venezolanischen Geschäftsleuten aus dem Umfeld des Maduro-Regimes hatte, begannen die Antikorruptionsbehörden 2023 wegen illegaler Einflussnahme zu ermitteln.Verlauf des Verfahrens: Wegen mangelnder Beweise wurde das Verfahren 2023 eingestellt. Im Frühjahr 2026 nahmen die Ermittler den Fall nach neuen Hinweisen aus den USA, Frankreich und der Schweiz wieder auf. Im Mai wurde überraschend der frühere spanische Regierungschef José Luis Zapatero als Beschuldigter einvernommen. Er unterhält enge Kontakte nach Venezuela und soll seine Verbindungen zur spanischen Regierung genutzt haben, um die Rettung der Airline zu erwirken. Als Gegenleistung soll er neben teurem Schmuck 2 Millionen Euro erhalten haben. Die Ermittler werfen ihm Einflussnahme, Geldwäsche und die Beteiligung an einem kriminellen Netzwerk vor.Folgen für Sánchez: Die Folgen für Sánchez sind noch nicht absehbar, da sich die Ermittlungen in einem frühen Stadium befinden. Bis jetzt gibt es keine Hinweise auf Verfehlungen des Regierungschefs oder seiner Regierung. Politisch brisant ist der Fall dennoch: Zapatero gilt als enger Vertrauter von Sánchez und als wichtiger Vermittler in Lateinamerika. Sollten sich seine mutmasslichen Verstrickungen – insbesondere mit Bezug zu Venezuela – bis ins Umfeld des Regierungschefs erstrecken, könnte die Affäre für Sánchez heikel werden.José Luis Zapatero beim ersten Gerichtstermin. Der ehemalige sozialistische Ministerpräsident soll über ein Netz von Briefkastenfirmen sich selbst und Personen aus seinem Umfeld begünstigt haben.EPAPassend zum Artikel
Die Korruptionsaffären um Spaniens Regierungschef – kurz erklärt
Familienmitglieder, Ex-Minister und enge Vertraute von Pedro Sánchez stehen im Fokus der Justiz. Worum geht es in den wichtigsten Fällen, und wie gefährlich werden sie für Pedro Sánchez?









