In Dubai konnten Schweizer Unternehmen jahrelang mit boomenden Geschäften rechnen. Nun dominiert die UnsicherheitViele Hotels und Restaurants sind wegen des Iran-Kriegs weiterhin verwaist. Falls die Instabilität in der Golfregion anhält, drohen Konkurse und ein weiterer Exodus der ausländischen Bevölkerung.26.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenManche Bewohner von Dubai haben die Stadt mangels Arbeit verlassen oder könnten noch dazu gezwungen sein.Amr Alfiky / Reuters«Man kann sich zurzeit ziemlich einsam fühlen, wenn man am Flughafen von Dubai auf das Gepäck wartet», sagt Urs Stirnimann. Der 72-jährige Schweizer lebt seit 2004 in der Wüstenmetropole. Doch so wenige Touristen wie in den vergangenen knapp vier Monaten hat er dort noch nie angetroffen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mehrere Hotels, einschliesslich des weltberühmten Burj al-Arab, hätten den Betrieb vorübergehend eingestellt und nutzten die Zeit für Renovationen, erzählt Stirnimann, der für einige Tage in der Schweiz weilt. Auch den meisten Restaurants, wenn sie überhaupt geöffnet seien, mangle es an Gästen.Schrumpfende Wirtschaft erwartetDer Ausbruch des Iran-Kriegs Anfang März hat vor allem den Tourismussektor von Dubai hart getroffen. Die Zimmerauslastung in den Hotels der 4-Millionen-Stadt brach im März auf 33 Prozent ein, nachdem sie im Februar noch bei fast 85 Prozent gelegen war. Laut Branchenbeobachtern dürfte sie sich seither kaum erholt haben.Die Rating-Agentur Standard & Poor’s (S&P) erwartet, dass das Bruttoinlandprodukt (BIP) von Dubai 2026 um 2,5 Prozent schrumpfen wird. Sie begründet dies mit der Krise, die nicht nur den Tourismus, sondern auch den grossen Immobiliensektor der Stadt sowie den Handel erfasst hat.Influencer sind wegAls langjähriger Bewohner Dubais kann Stirnimann der Situation indes auch positive Seiten abgewinnen. Die Staus, die wegen der stark gestiegenen Bevölkerung und des rasanten Wachstums im Fremdenverkehr in den vergangenen Jahren zu einem immer grösseren Ärgernis wurden, sind fast vollständig verschwunden.Wie der ehemalige Banker und Inhaber eines Anwaltsbüros durchblicken lässt, herrscht unter den Einwohnern Dubais auch Erleichterung darüber, dass die meisten Blogger und Influencer die Stadt verlassen haben. Ihre euphorischen Berichte über das Luxusleben, das in Dubai angeblich vorherrsche, kreierten ein verzerrtes Bild. Es habe mit der Lebensrealität der vielen hart arbeitenden ausländischen Bewohner nicht viel zu tun. In den Vereinigten Arabischen Emiraten, zu denen Dubai gehört, sind 90 Prozent der Einwohner Ausländer.Einige Influencer mussten gar zwangsweise Dubai verlassen, weil sie zu Beginn des Kriegs Bomben- und Drohnenangriffe Irans auf die Stadt gefilmt und die Aufnahmen ins Netz gestellt hatten. Behörden in der gesamten Golfregion griffen hart gegen unliebsame Personen durch – vor allem gegen solche, die sich offen mit der iranischen Führung solidarisierten. Laut Medienberichten gab es insgesamt über tausend Verhaftungen. Mehreren zehntausend Personen wurde die lokale Staatsbürgerschaft entzogen, oder sie wurden deportiert.Kein Hort der Stabilität mehrDas harte Durchgreifen rief Zugewanderten in der Region schmerzhaft in Erinnerung, dass sie ihr Aufenthaltsrecht jederzeit verlieren können. Die Regierung der Emirate verbietet ebenso wie jene Kuwaits, Bahrains oder Omans jegliche Kritik an ihrer Staatsführung.Am meisten dürfte indes seit dem Ausbruch des Iran-Kriegs der Ruf Dubais als sicherer Hafen gelitten haben. Dubai liegt zwar in einer Weltregion, die seit Jahrzehnten von Konflikten erschüttert wird. Doch bis Anfang März stand die Stadt im Ruf, dass ihr die Kriege und der Terrorismus im Nahen Osten nichts anhaben konnten.Ein steuerfreundliches Umfeld, die gut entwickelte Infrastruktur sowie Bestimmungen, welche die Gründung von Firmen stark vereinfachen, lockten während Jahren Geschäftsleute aus aller Welt nach Dubai. Selbst Russen blieben nach dem russischen Angriff auf die Ukraine willkommen. Ebenso nutzten viele Iraner und Chinesen die Stadt als Drehscheibe für Geschäfte.Inzwischen dominiert unter den Bewohnern eine latente Unsicherheit. Sie rührt vor allem daher, dass niemand weiss, ob die Kampfhandlungen mit den USA und ihrem Verbündeten Israel auf der einen und Iran auf der anderen Seite dauerhaft beendet werden können.Daran ändern die jüngsten Fortschritte zum Abschluss eines Abkommens zwischen der amerikanischen Regierung und dem Regime in Teheran nichts. Es gebe nach wie vor ein hohes Mass an Unvorhersehbarkeit, was die Dauer und den Umfang des Kriegs im Nahen Osten betreffe, konstatieren die Beobachter von S&P.Swiss fliegt Dubai weiterhin nicht anDer Tourismus in Dubai werde sich nur erholen, so die Rating-Agentur, falls es die Parteien schafften, auf Dauer Frieden zu schliessen. Bei der Fluggesellschaft Swiss hält man die Unsicherheit nach wie vor für zu gross, um die Stadt wieder anzufliegen. Flüge nach Dubai blieben bis Ende des Sommerflugplans am 24. Oktober ausgesetzt, teilte das Unternehmen am Dienstag mit.Der Konkurrent Emirates fliegt Zürich bereits wieder seit dem 5. März und Genf seit Mitte März an. Mittlerweile bietet er ab Dubai in die beiden Schweizer Städte wieder je zwei tägliche Direktflüge an. Die staatliche Airline profitiert davon, dass viele Passagiere Dubai als Umsteigeflughafen für Reisen nach oder von Asien oder Afrika nutzen.Laut einem Sprecher der Fluggesellschaft sollen in der ersten Julihälfte durchschnittlich insgesamt 219 Abflüge pro Tag ab Dubai angeboten werden. Dies entspreche 87 Prozent des Flugbetriebs vor dem Ausbruch des Iran-Kriegs.Um die Flüge auszulasten, sieht sich Emirates allerdings gezwungen, neue Wege beim Anwerben von Passagieren zu gehen. Das Unternehmen offeriert als erste Airline einen Versicherungsschutz, der unabhängig von staatlichen Reisehinweisen gelten soll. Diverse Länder, darunter auch die Schweiz und Deutschland, raten weiterhin von Reisen in die Golfregion ab.Sollte der dortige Luftraum wieder gesperrt werden, können Passagiere, welche die Reiseschutzversicherung von Emirates abgeschlossen haben, nicht nur auf die Unterstützung bei der Organisation von Hotelaufenthalten zählen. Die Versicherung übernimmt auch die Kosten von Umbuchungen auf andere Airlines.Pech für Lindt & SprüngliDer Einbruch im Reiseverkehr von und nach Dubai macht nicht nur Fluggesellschaften und Hotels, sondern auch dem Detailhandel zu schaffen. Die Zürcher Confiserie Sprüngli eröffnete im April 2018 ein Geschäft im grössten Einkaufszentrum der Stadt, der Dubai Mall. 2023 wurde dieses ebenso wie eine Filiale in Abu Dhabi geschlossen – aus persönlichen Gründen des dortigen Personals, wie es damals hiess.Der Schokoladenproduzent Lindt & Sprüngli, der mit der Confiserie Sprüngli oft verwechselt wird, kündigte just vor dem Ausbruch des Iran-Kriegs den Bau einer Erlebniswelt in Dubai an. Das Vorbild dafür ist die Ausstellung am Hauptsitz in Kilchberg.Nach zweijährigen Vorbereitungen habe man gerade den Vertrag für eine «Lindt World of Chocolate» mit der Regierung von Dubai unterschrieben, berichtete der Verwaltungsratspräsident Ernst Tanner Ende Februar dem «Blick». Wie der Konzern nun auf Anfrage erklärt, würden angesichts der gegenwärtigen Lage im Nahen Osten gewisse Aspekte «neu evaluiert». Mit der Eröffnung rechne man wie bisher Ende 2028.Schindler fehlen WartungsaufträgeDer gesamte Transportsektor sowie der Tourismus steuern laut S&P über 14 Prozent zum BIP von Dubai bei. Noch gewichtiger, mit einem Anteil von fast 18 Prozent, sind die Bau- und die Immobilienbranche.Der Lifthersteller Schindler gehört zu den Schweizer Bauzulieferern, die in den vergangenen Jahren vom Immobilienboom in der Stadt profitierten. Nun leidet der Konzern unter einer rückläufigen Nachfrage nach Serviceleistungen. Weil Aufzüge vor allem in Hotels deutlich weniger als bis anhin benutzt werden, verschieben sich geplante Wartungsarbeiten nach hinten.Bei Neubauprojekten verzeichnete Schindler ähnlich wie der liechtensteinische Werkzeughersteller Hilti bisher keine Annullationen. Bestehende Projekte würden weitergeführt, sagt eine Sprecherin. Allerdings stellt man sich bei Schindler auf eine Verschiebung von Neuinstallationen ein, falls sich der Konflikt im Nahen Osten in die Länge ziehen sollte.Krisenanzeichen im ImmobilienmarktDer Bau- und Immobilienbranche in Dubai dürften so oder so turbulente Zeiten bevorstehen. Die Marktbeobachter von S&P rechnen mit rückläufigen Verkaufspreisen und Mieten im laufenden Jahr. Manche ausländischen Bewohner haben wegen der angespannten Sicherheitslage und mangels Arbeit das Emirat verlassen. Sie fehlen nun als Mieter oder potenzielle Käufer auf dem Wohnungsmarkt.Erschwerend kommt hinzu, dass vor dem Krieg Immobilienfirmen in Erwartung einer weiter stark steigenden Bevölkerung viele Neubauprojekte lancierten. Die meisten dieser Wohnbauten stehen noch im Bau. In der Vermarktung erwartet sie harte Konkurrenz durch bestehende Wohnungen, die leer stehen und deren Besitzer sie gerne lieber heute als morgen loswerden würden.Passend zum Artikel