China baut den SuperrechnerHeimlich haben chinesische Ingenieure einen extrem leistungsfähigen, vielleicht zukunftsweisenden Supercomputer gebaut – und das trotz Exportbeschränkungen aus den USA. Der Durchbruch ist auch europäischer Technologie zu verdanken.26.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer Supercomputer Lineshine rechnet sich seit Monaten am National Supercomputing Centre in Shenzhen durch Datenberge.National Supercomputing Centre in ShenzhenDer 16-jährige Aaryan Shukla aus Indien ist Weltmeister im Kopfrechnen. Er kann zehn zehnstellige Zahlen in knapp acht Sekunden zusammenzählen – das ist Weltrekord. Doch selbst das junge Genie verblasst im Vergleich zu den Superrechnern, die Ingenieure diese Woche in Hamburg auszeichneten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dort wurde das Ranking Top 500 der weltweit schnellsten Supercomputer vorgestellt. Und die neue Rangliste enthielt eine Überraschung: Den Spitzenplatz belegt nun nicht mehr ein amerikanischer, sondern ein chinesischer Supercomputer. Jahrelang wechselten sich Amerika und Japan auf dem ersten Platz ab. Doch kein Computer hatte bisher die Marke von zwei Trillionen – oder zwei Milliarden Milliarden – Rechenoperationen pro Sekunde durchbrochen. Das ist erst dem neuen Spitzenreiter namens Lineshine gelungen.China hatte letztmals 2017 den schnellsten Supercomputer der Welt gestellt und sich seit 2023 nicht mehr an der prestigeträchtigen Rangliste beteiligt. Experten gingen jedoch davon aus, dass die Chinesen im Stillen immer leistungsstärkere Supercomputer bauten. Dass China sich nun zurückmeldet, werten manche deshalb als kalkulierte PR-Botschaft Pekings an den Westen.Nach Angaben des Entwicklungsteams in Shenzhen sind keine staatlichen Fördermittel in den Bau von Lineshine geflossen. Die Komponenten des neuen Superrechners stammten jedoch allesamt aus China. Über den Namen des Herstellers der Prozessoren schweigen sich die Entwickler allerdings aus.Mit technischen Details geizten die Entwickler des National Supercomputing Centre in der südchinesischen Stadt Shenzhen aber nicht: Ihr Rechner enthält fast 14 Millionen Rechenkerne, verpackt in rund 45 000 zusammengeschaltete Rechenknoten und verteilt über 90 Regale. Die riesige Maschine benötigt rund 42 Megawatt Strom – so viel wie 10 000 Haushaltsbacköfen beim Aufheizen. Die rekordhohe Rechenleistung hatten die chinesischen Ingenieure bereits Ende April angekündigt, ohne den Nachweis dafür zu liefern.Experten und Medien im Westen hatten auf die Ankündigung skeptisch reagiert, und zwar auch deshalb, weil der Supercomputer ganz ohne Grafikprozessoren (GPU) auskommen soll – die Art von Computerchips, die im KI-Zeitalter zum Synonym für maximale Rechengeschwindigkeit geworden sind. Das IT-Magazin «Tom’s Hardware» kommentierte damals den Verzicht auf GPU im chinesischen Superrechner etwas sarkastisch mit dem Satz: «Viel Glück dabei.»Ein technologischer Erfolg mit geopolitischen FolgenZum Teil musste China aus Not erfinderisch werden. Das Land produziert zwar eigene Grafikprozessoren, es darf aber die leistungsstärksten GPU von Firmen wie Nvidia und AMD aufgrund von Ausfuhrbeschränkungen der amerikanischen Regierung nicht importieren. Dabei gelten GPU nicht nur für die Entwicklung und die Bereitstellung von künstlicher Intelligenz als unerlässlich. Sie werden zunehmend auch in herkömmliche Supercomputer für wissenschaftliches Rechnen als Ergänzung zu den Hauptprozessoren (CPU) eingebaut, um bestimmte Rechenschritte zu beschleunigen.Dass China nun die Rangliste der weltweit schnellsten Supercomputer anführt und das ganz ohne GPU schafft, lässt Fachleute aus zwei Gründen aufhorchen. Erstens aus technologischer Sicht: Es zeigt, dass die Grenzen der älteren CPU-Technologie noch lange nicht ausgereizt sind und dass GPU-Chips nicht der einzige Weg zur höchsten Rechenleistung sind. Und zweitens aus geopolitischer Perspektive: China produziert trotz amerikanischen Exportverboten weiterhin Spitzentechnologie.Haben die amerikanischen Exportbeschränkungen versagt?Wie jedes Mal, wenn China einen Hightech-Durchbruch verkündet, arbeiten sich westliche Analysten auch diesmal an der einen Frage ab: Was sagt der neue Erfolg Chinas über die Wirksamkeit der Exportbeschränkungen Washingtons aus?Die USA verbieten seit 2018 den Verkauf der fortschrittlichsten Halbleiterchips nach China. Das erklärte Ziel ist, China an der Entwicklung leistungsfähiger KI zu hindern, die für militärische Zwecke eingesetzt werden kann.Beim Wettlauf um die besten KI-Modelle ändert der neue Supercomputer aus China nichts. Wenn es um KI-typische Berechnungen geht, ragt Lineshine nicht besonders heraus.Dennoch ist Chinas Spitzenplatz auf der Rangliste bedeutend. Lineshine verdrängt nun amerikanische Supercomputer, die in den staatlich finanzierten Grosslaboren wichtige Forschung unterstützen. Da geht es um Klima-, Material- oder Atomwaffensimulationen. Lineshine soll bereits zur Modellierung der Erdatmosphäre und der Ozeane sowie des menschlichen Gehirns im Einsatz sein. Und er arbeitet über 20 Prozent schneller als der schnellste Supercomputer der amerikanischen Regierung.Der amerikanische Informatiker und Turing-Award-Gewinner Jack Dongarra (Zweiter von links) inspizierte Lineshine vor Ort in Shenzhen und schrieb einen Fachbericht darüber. Die Lineshine-Chefdesignerin Lu Yutong freut sich über die Auszeichnung.National Supercomputing Centre in ShenzhenAus Grossbritannien lizenzierte TechnologieDass die bestehenden amerikanischen Exportverbote für KI-Chips versagt hätten, lässt sich aus dem Erfolg von Lineshine also nicht ablesen. Denn bei KI ist Lineshine kein Überflieger. Aber Befürworter noch drastischerer Exportschranken sehen im neuen Superrechner aus China ein Signal, dass die Massnahmen Washingtons noch weiter verschärft werden sollten. Für Lineshine bediente sich China nämlich einer grundlegenden Technologie, die mehrheitlich ausserhalb Amerikas entstand und sich somit der Kontrolle des amerikanischen Handelsministeriums entzieht.Der neue chinesische Supercomputer basiert auf einer Technologie des britischen Unternehmens Arm Holdings. Sie kommt in mobilen Geräten zum Einsatz. Arm baut die Chips nicht selbst, das tun Chipentwickler wie Apple und Samsung. Doch Arm lizenziert den sogenannten Befehlssatz, auf dem das Chipdesign basiert. Rund 99 Prozent aller Smartphones verwenden heute einen Chip, dem der Befehlssatz von Arm zugrunde liegt.Der Befehlssatz ist die Liste von elementaren Operationen, mit denen ein Computerprogramm im Prozessor ausgeführt wird. Er bedingt die Anzahl Transistoren und somit die Grösse eines Chips, aber auch wichtige Leistungsparameter wie die Anzahl Rechenoperationen pro Sekunde und den Energieverbrauch.Der Arm-Befehlssatz reduziert die Anzahl nötiger Transistoren im Vergleich zum anderen weitverbreiteten Befehlssatz des amerikanischen Chipkonzerns Intel. Die Arm-Technologie eignet sich deshalb vor allem für Chips, die klein, kostengünstig und effizient sein sollen. Das ist bei Smartphones und Tablets, aber auch bei Autos der Fall. Seit einigen Jahren verwenden Cloudfirmen Arm-Chips auch für grosse Server in Rechenzentren.Ein Paukenschlag aus der technologischen IsolationIm Jahr 2020 erreichte zum ersten Mal ein Arm-Rechner – der von Fujitsu gebaute Fugaku – den Spitzenplatz auf der Rangliste der schnellsten Supercomputer der Welt. Die auf Arm-Technologie basierenden Chips sind seitdem für Rechenzentren immer beliebter geworden, weil die britische Firma den Befehlssatz kontinuierlich erweitert hat, um allerlei Berechnungen zu beschleunigen. Der chinesische Supercomputer Lineshine verwendet nun die neueste Version des Arm-Befehlssatzes, Armv9, und rechnet bis zu fünfmal so schnell und dreimal so effizient wie sein japanischer Vorgänger.Arm brachte den Armv9-Befehlssatz im März 2021 auf den Markt. Armv9 ist als rein in Europa entwickelte Technologie von den amerikanischen Exportkontrollen ausgenommen. Das heisst, chinesische Firmen dürfen Armv9 verwenden, um eigene Chipdesigns zu entwickeln. Das gilt auch für chinesische Konzerne wie Huawei, die sonst mit strengen Sanktionen belegt sind.Da die Ingenieure hinter Lineshine den Hersteller der Chips für ihren Superrechner nicht namentlich nennen wollen, verbreitet sich nun das Gerücht, dass die Prozessoren aus dem Hause Huawei stammen. Abwegig ist das nicht. Huawei tut sich seit Jahren als chinesisches Vorzeigeunternehmen in der Entwicklung von Halbleiterchips hervor. Vor wenigen Wochen präsentierte die Firma eine neue Roadmap, mit der sie über die nächsten zehn Jahre an die Weltspitze heranrücken will.Wer auch immer die Chips für Lineshine bereitstellt – falls sie tatsächlich vollständig aus einheimischer Produktion stammten, wäre das ein Paukenschlag. China würde sich damit lautstark wieder aus der erzwungenen technologischen Isolation zurückmelden. Und in Amerika dürften dann die Debatten über Sinn und Unsinn der Exportverbote wieder aufflammen.Passend zum Artikel