Schon bevor die Hitze über das Land zog und die Menschen um den letzten Rest Verstand brachte, bemerkte ich ein verstörendes Phänomen: Kinder, die ihre Eltern schlagen. Das Problem ist sicher nicht so groß wie das umgekehrte: Gewalt gegen Kinder. Aber achten Sie mal drauf.Das Mädchen, das im Aufzug der Arztpraxis ihrem Vater in den Bauch boxt, der nur resigniert mit den Schultern zuckt. Der Racker mit den sandigen Händen, der auf dem Spielplatz brüllend seiner Mutter nachrennt und ihr immer wieder auf den Po haut. Der Junge mit dem Schoko-Eismund, der mit den Fäusten gegen die zum Schutz erhobenen Mama-Arme trommelt und gegen ihr Schienbein tritt. Alles Szenen, die ich beobachtet habe.Ich saß dieser Tage über Steak frites, mit einem alten Freund, Vater von zwei Kindergartenkindern. Er erzählte von der allgemeinen Wohlstandsverwahrlosung in seinem Radius, im Prenzlauer Berg. Es sei dort mittlerweile so weit, dass Kinder, wenn sie zu einem Geburtstag eingeladen sind, das Geschenk doppelt mitbringen. Eins für das Geburtstagskind, eins für sich selbst. „Damit sie auch Lego auspacken dürfen“, sagte der Freund, „damit sie nicht wieder austicken! Damit sie ihre Eltern nicht angreifen!“ Ich fragte: Du kennst das Phänomen? Er meinte: Logisch, hier verdreschen tagtäglich Kinder ihre Eltern! In der Garderobe, im Lastenrad, im Supermarkt!Wenn man sich dazu schlaumachen will, liest man, dass es sich meist um einen Hilferuf handelt, um ein Zeichen der Überforderung. Kleine Kinder schlagen impulsiv, aus Neugier oder weil sie sich nicht anders ausdrücken können. Bei älteren mag es ein Ventil sein für Stress oder große Wut. Im schlimmsten Fall stecken familiäre Konflikte dahinter, womöglich körperliche Übergriffe als abgegucktes Verhalten. Aber das ist es, glaube ich, in den geschilderten Fällen, die ich in meinem Alltag beobachte, nicht.Mir scheint eher, dass diese Kinder ihre Eltern nicht mehr anders zu erreichen wissen. Und dass sie überfordert sind mit dem Überfluss, der sie umgibt, und von der Indifferenz dieser Eltern, die bedürfnisorientierte Erziehung gerne mit orientierungsloser Erziehung verwechseln und ihre Kinder schon morgens vor der Kita mit Entscheidungen und Optionen behelligen – „wir könnten heute Abend dann noch mit Julius und seinem Papa Pizza essen oder wir machen es uns zu Hause gemütlich, was meinst du, Schatz – und sollen wir heute das Paket für Oma abschicken?“ Die Antwort: ein beherzter Hieb.Statt „rausschubsen“ sagt man jetzt „rausschieben“Schon in München lernte ich ein dazu passendes Ritual kennen, das es auch in Berlin gibt: dass Kinder, gerade solche mit Trennungsschmerz, ihre Eltern morgens aus der Kita-Tür „schubsen“ oder „rauswerfen“ dürfen. Ich verstehe den Gedanken: dem Kind suggerieren, es habe alles im Griff. Aber wenn man drüber nachdenkt: Was für ein Hohn! Es muss sich merkwürdig anfühlen, jemand rauszuschmeißen, den man gar nicht gehen lassen will.Der Freund erzählte, bei ihm im Prenzlauer Berg habe man entschieden, es nicht mehr „rausschubsen“ zu nennen, weil das martialisch klinge. Es heißt jetzt „rausschieben“. Vielleicht ist das auch die Lösung für das Problem der schlagenden Kinder: Sagen wir einfach, sie streicheln ihre Eltern.In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.