Noch vor der parlamentarischen Sommerpause will die Bundesregierung das Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz durch Bundestag und Bundesrat bringen. Es sieht im Kern den Bau zusätzlicher Gaskraftwerke bis 2031 vor. Diese Gaskraftwerke sollen vor allem im „netztechnischen Süden“ des Landes entstehen. Das ist wichtig, um Engpässe und damit höhere Kosten zu verhindern. Deswegen enthält das Gesetz einen sogenannten „Südbonus“: finanzielle Anreize. Für Unternehmen wie den Braunkohleverstromer Leag ist das ein Problem, weil sie neue Gaskraftwerke vor allem in Ostdeutschland planen, auch wenn die Leag ein Kraftwerk gerne auch in Bayern errichten würde. Adi Roesch ist seit September 2024 Vorstandsvorsitzender der Leag.WirtschaftsWoche: Herr Roesch, Wirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche will Unternehmen mit einem Bonus locken, damit sie im Süden Deutschlands Gaskraftwerke bauen. Sie kritisieren diesen „Südbonus“ als verheerendes Signal für den Osten Deutschlands. Was ist daran so verheerend?Adi Roesch: Wir möchten gleichbehandelt werden. Aber der Gesetzentwurf sieht aktuell vor, dass zwei Drittel der Kapazitäten über diesen Bonus in den netztechnischen Süden gehen sollen. Der Hintergrund ist nachvollziehbar. Im Süden wird nicht genug Strom erzeugt. Wir sehen das dennoch als ungleiche Behandlung, weil das letzte Drittel nicht für die Region Nord-Ost gesichert ist, sondern bundesweit ausgeschrieben werden soll. Im schlimmsten Fall wird dann im Norden und im Osten überhaupt kein Kraftwerk gebaut. Und das wäre natürlich ein extrem negatives Signal für die Region. Wir arbeiten seit 2020 am Kohleausstieg. Wir als Leag stehen auch zu diesem Ausstieg. Aber für unsere Mitarbeiter ist die Perspektive natürlich wichtig, am Aufbau der Gaskraftwerke teilnehmen zu können. Bleibt nur der Südbonus im Gesetz verankert, wird das schwierig.Deshalb fordern Sie mit der Gewerkschaft IGBCE zusammen nun einen „Transformationsbonus Nord-Ost“. Würde das nicht die steuernde Wirkung dieses Anreizes aufheben?Die vier Übertragungsnetzbetreiber empfehlen aus technischen Gründen eine Aufteilung von zwei Dritteln der ausgeschriebenen Leistung im Süden und einem Drittel in Nordost. Als Ingenieur würde ich dieser Empfehlung folgen. Wir müssen doch jetzt sicherstellen, dass wir nicht in fünf oder zehn Jahren im Norden und Osten die gleiche Situation haben wie jetzt im Südnetzbereich, weil steuerbare Erzeugungskapazitäten fehlen.Leag-Chef Adi Roesch mit Wirtschaftsministerin Katherina Reiche. Foto: REUTERS Zur Person Adolf „Adi“ Roesch ist seit September 2024 CEO von Leag. Zuvor war er Geschäftsführer der Köster GmbH.Sie sagen, „schwarzstartfähige Kraftwerke“ seien für den Netzwiederaufbau im Osten besonders wichtig. Was ist ein Schwarzstart?Ein Schwarzstart ist nötig, wenn die Energieversorgung komplett ausfällt und Kraftwerke, die eigenständig hochfahren können, zum Wiederaufbau des Stromnetzes eingesetzt werden müssen. Diese Kapazität zum Wiederaufbau des Netzes ist wichtig für die Stabilität der Netze.Wo genau wollen Sie Gaskraftwerke bauen?Wir haben drei Standorte mit passender Infrastruktur für Gaskraftwerke ausgewählt: In der Lausitz Schwarze Pumpe, im mitteldeutschen Revier Lippendorf. Und ein weiteres Gaskraftwerk wollen wir in Leipheim in Bayern bauen, das ist in der Nähe von Ulm.Schwarze Pumpe, Lippendorf, Leipheim. Damit würden Sie auf eine Leistung von etwa zwei Gigawatt kommen. Welche Rolle spielen diese Kraftwerke bei Ihrem Versuch, Geschäftsmodelle jenseits der Braunkohle aufzubauen?Sie sind Teil unseres Transformationspfads. Und übrigens dienen sie auch dazu, die Nachfrage nach Wasserstoff zu schaffen und anzuschieben. Das Lausitzer Revier setzt seit 1990 die Dekarbonisierung um. Wir haben schon mehr als 10 Gigawatt Braunkohle stillgelegt, bis 2038 werden weitere acht Gigawatt folgen. Wenn Ostdeutschland im Augenblick einer der Vorreiter ist, was Dekarbonisierung angeht, dann trägt unser Unternehmen dazu einen Hauptteil bei. Und wir verfolgen diesen Weg genauso, wie er im Kohleausstiegsgesetz festgelegt ist. Gleichzeitig bauen wir die Leag klimafreundlich um. Wir verdoppeln unsere Kapazität bei den Erneuerbaren Energien. Und wir sind jetzt dabei, sehr dynamisch und sehr schnell, Großbatteriespeicher aufzubauen. Das ist ein wichtiges Zeichen für unsere Mitarbeiter, weil sie sehen, dass es vorangeht. Und Ende 2027, Anfang 2028 werden die ersten Gigabatterien bereits am Netz sein.Im vergangenen Sommer hat Wirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche Sie hier besucht. Reiches Versprechen damals lautete: Ruhig Blut. Ihr bekommt Eure Gaskraftwerke. Bricht sie mit dem Südbonus Ihr Wort?Der Besuch der Ministerin war ein wichtiges Signal für unsere Mitarbeiter und für die Region. Die Ministerin hat klar gesagt, dass es in Ost- und Norddeutschland Gaskraftwerke geben wird. Der Gesetzentwurf spiegelt aber nicht alles wider, was sie uns versprochen hat.
Zusätzliche Gaskraftwerke: Warum braucht der Osten einen Bonus?
Neue Gaskraftwerke sollen für mehr Stabilität im Stromnetz sorgen, vor allem im Süden Deutschlands. Adi Roesch, Chef vom Braunkohleunternehmen Leag, dringt auf eine gleiche Behandlung der Regionen.







