Am 5. September 2024 steigt der Österreicher Emrah I. nahe Salzburg ins Auto seiner Mutter und fährt damit nach München – im Kofferraum ein Repetiergewehr. Am Ziel angekommen feuert er damit elfmal auf das NS-Dokuzentrum und das Israelische Generalkonsulat, ehe er bei einem Schusswechsel mit der Polizei stirbt.Dass ein gerade mal 18-Jähriger diesen islamistischen Anschlag begangen hat, passt zu einem Phänomen, das Achim von Engel mit dem Begriff „Terror-Teenager“ umschreibt. So waren laut dem kommissarischen Leiter der Bayerischen Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET) bei der Generalstaatsanwaltschaft München zuletzt verhältnismäßig viele Beschuldigte bei Ermittlungsverfahren Jugendliche oder Heranwachsende zwischen 14 und 20 Jahren.Prominente Fälle seien neben dem Anschlag in München die rassistisch motivierte Hammer-Attacke eines 15-Jährigen auf ehemalige Mitschüler an der Mittelschule in Friedberg gewesen sowie die Schüsse eines 21-jährigen mutmaßlichen Islamisten auf vorbeifahrende Autos an der B16 bei Dillingen, beides im Herbst 2025.„Auch darüber hinaus haben wir sehr viele Verfahren mit jugendlichen Tätern – mit steigender Tendenz“, sagt Oberstaatsanwalt Achim von Engel beim Pressegespräch zum Thema Terror-Teenager. Dieser „subjektive Eindruck“ bei der ZET werde durch Zahlen des Europäischen Polizeiamts Europol gedeckt. Einer Auswertung zufolge war im Jahr 2024 im Bereich Terrorismus und gewalttätiger Extremismus fast jeder dritte Tatverdächtige jünger als 20 Jahre.„Das ist eine sehr besorgniserregende Entwicklung, und wir haben auch eine Idee, woher sie kommt und wodurch sie befeuert wird“, sagt der kommissarische Leiter der ZET. Demnach befinden sich die jungen Menschen – allesamt „Digital Natives“ – in einer schwierigen Selbstfindungsphase und sind daher besonders empfänglich für Propaganda im virtuellen Raum. „Und das wissen extremistische Akteure zu nutzen“, erklärt der Politikwissenschaftler Robert Philippsberg, Referent an der ZET.Als „Tatmittel“ wird ihm zufolge meist das Smartphone genutzt, über das die Terrorwerbung rund um die Uhr ins Kinderzimmer gestreamt werde. Der Radikalisierungsprozess beginne dabei oftmals mit dem Konsum von Propagandavideos, -bildern und -texten, oft garniert mit Fake News – vorwiegend über Plattformen wie Tiktok, Instagram und Youtube, aber auch in den Chaträumen von Onlinespielen wie Roblox und Minecraft.Später würden dann einschlägige Chatgruppen in Messenger-Diensten sowie Foren als „digitale Echokammern“ wirken und die Radikalisierung junger Menschen vorantreiben – und das im Eiltempo, betont Robert Philippsberg. „Früher hat das Jahre gedauert. Heute sehen wir eine Turbo-Radikalisierung in wenigen Monaten oder sogar Wochen.“Immer mehr wird im virtuellen Raum rekrutiertWährend die linksextremistische Szene ihren Nachwuchs laut dem Politikwissenschaftler „oft noch analog rekrutiert“, erfolgt die Radikalisierung junger Menschen im islamistischen und rechtsextremistischen Bereich zunehmend im virtuellen Raum. Ein vergleichsweise neues Phänomen, das laut Staatsanwältin Verena Küllstädt inzwischen auch die ZET beschäftigt, sind sogenannte Sadisten-Netzwerke.In diesen Online-Communities tauschen sich größtenteils sehr junge Täter zwischen acht und 17 Jahren aus – „mit dem Ziel von Destruktion, Zerstörung und Qual“, heißt es bei der ZET. Die Opfer dieser Netzwerke würden gezielt ausgewählt und über Selbsthilfegruppen und Chatrooms von Onlinespielen angesprochen. In der Folge würden sie dann oftmals durch Erpressung mit kompromittierendem und meist pornografischem Material zu Selbstverletzungen und Erniedrigungen gezwungen.Mit Blick auf die steigenden Fallzahlen im Bereich der Terror-Teenager komme der Präventionsarbeit eine immer größere Bedeutung zu, betont Verena Küllstädt. „Unser Ziel muss es sein, Kinder und Jugendliche so früh wie möglich zu erreichen und auf die Gefahren des Internets hinzuweisen.“ Das häufigste Phänomen, mit dem die ZET in ihrer Ermittlungsarbeit in dem Bereich zu tun habe, seien eindeutig islamistische Taten, sagt Achim von Engel. Danach folgten der Rechts- und mit größerem Abstand der Linksextremismus.
München Terror-Teenager: Warum es immer mehr junge Extremisten gibt
In ihrer Selbstfindungsphase treffen viele junge Menschen auf virtuelle Propaganda - und werden so radikalisiert.










