PfadnavigationHomePolitikAuslandLitauens Verteidigungsminister„Für die Ukraine hat sich gerade eine Möglichkeit aufgetan, Russland zu brechen“Stand: 16:04 UhrLesedauer: 6 MinutenAbfangdrohne des deutschen Start-ups Argus Interception im EinsatzQuelle: Sina Schuldt/dpaDrohnen aus Russland und Belarus dringen ständig in den Luftraum Litauens ein, Wetterballons bringen den Flugverkehr zum Erliegen. Deshalb entstehe gerade für Hunderte Millionen Euro ein Antidrohnen-Ökosystem, erklärt Verteidigungsminister Kaunas – und bietet Litauen als Testlabor an.Robertas Kaunas, 1985 in Litauens zweitgrößter Stadt Kaunas geboren, ist seit November vergangenen Jahres Verteidigungsminister seines Landes. Seit 2024 gehört der studierte Ingenieur und IT-Experte als Abgeordneter für die Litauische Sozialdemokratische Partei dem Seimas an, dem litauischen Parlament. WELT traf Kaunas in Vilnius. WELT: Herr Minister, bis Ende 2027 soll eine vollständige deutsche Brigade – nahezu 5000 Männer und Frauen – dauerhaft in Litauen stationiert und einsatzfähig sein. Wo steht das Projekt?Robertas Kaunas: Beim Aufbau der deutschen Brigade läuft alles nach Plan. Mit Blick auf die erste Aufbauphase liegen wir sogar zehn Monate vor dem Plan. Das heißt, dass wir sehr weit beim Aufbau der Infrastruktur sind und früher mit der zweiten Phase beginnen können. Es sieht alles großartig aus. Das Projekt ist ein Meilenstein für die deutsch-litauischen Beziehungen. WELT: Sie und Ihre deutschen Partner werden also den Zeitplan einhalten?Kaunas: Wir können davon ausgehen, dass wir, Litauen und Deutschland, auf jeden Fall Ende 2027 fertig sein werden und dass die Brigade voll ausgestattet und einsatzbereit sein wird, wenn nicht gar früher. Für die Abschreckung an der Ostflanke der Nato und für die Sicherheit Litauens und des Bündnisgebiets ist das enorm wichtig. Die deutsche Brigade wird sich im Herbst dieses Jahres in Rudninkai einrichten, und die Soldaten werden ab diesem Winter in der Militärstadt Rudninkai leben. Aktuell sind 2900 Soldaten vor Ort, im Rahmen der laufenden Übung. 2027 werden es dann beinahe 5000 deutsche Soldaten sein.Lesen Sie auchWELT: Die USA bewerten ihre Truppenstationierungen neu. In Litauen sind 1000 US-Soldaten auf Rotationsbasis stationiert – sind Sie in Sorge, dass ein möglicher US-Truppenabzug nicht in Abstimmung mit den europäischen Partnern ablaufen könnte?Kaunas: Ich habe Aussagen dazu persönlich von den Amerikanern gehört. Ich war gerade im Nato-Hauptquartier. Ich kann Ihnen sagen, wir sind vollkommen entspannt. Denn wir zählen zu den Spitzennationen hinsichtlich der Verteidigungsausgaben, wir geben 5,48 Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung aus – in der Tat für Verteidigung, Infrastruktur ist nicht inbegriffen. Unsere Verbündeten sehen das. Dazu schaffen wir als Host-Nation neue Infrastruktur für die Deutschen und die Amerikaner. Wir tun also, was die USA erwarten. Lesen Sie auchWELT: Donald Trump hat einen Abzug von 5000 Soldaten aus Deutschland angekündigt. Erwarten Sie, dass noch mehr US-Truppen aus Europa abgezogen werden?Kaunas: Ich will nicht spekulieren. Die Botschaft an uns ist doch, dass wir mehr Verantwortung übernehmen müssen – und das tun wir, vor allem Deutschland zeigt, dass es dazu bereit ist. Das deutsche Verteidigungsbudget wächst, Deutschland übernimmt mehr Verantwortung für europäische Sicherheit, die baltischen Staaten sind ein Beispiel dafür. WELT: In Deutschland sind einige Politiker in Sorge, dass ein US-Abzug zu schnell und nicht in Absprache mit den Europäern erfolgen könnte.Kaunas: Diese Sorge besteht durchaus bei einigen unserer Partner. Werden sie entstehende Lücken schnell füllen können? Ich denke, dass Diskussionen darüber fortgesetzt werden – und wir haben jetzt sechs Monate. In dieser Zeit müssen wir weiter investieren. Die Diplomatie tut ihre Arbeit, und als Freunde werden wir zu einer gemeinsamen Lösung gelangen.Lesen Sie auchWELT: Die Nato bereitet sich auf einen konventionellen Krieg vor, aber Russland führt bereits einen hybriden Krieg gegen Europa. Das Baltikum ist stark betroffen, auch wegen der Kriegshandlungen in der Ukraine. Bei Ihnen in Litauen kam es gerade zum Eindringen von Drohnen in den Luftraum, ein landesweiter Alarm wurde ausgelöst. Ist das die neue Realität in Litauen?Kaunas: Ja, wir haben es mit Drohnen aus dem russischen und belarussischen Luftraum zu tun, auch mit Wetterballons, die den Flugverkehr stören sollen. In diesem Jahr musste der internationale Flughafen in Vilnius deswegen bereits zehnmal geschlossen werden. Auch haben wir es mit Cyber-Attacken und Desinformationskampagnen zu tun. Wir mussten im Rahmen der Eröffnung einer Trainingsstätte in der Nähe der Suwalki-Lücke das Löschen von Facebook-Gruppen erwirken, in denen mehr als achtzig Prozent der Accounts fake waren und Desinformationen dazu verbreitet haben, etwa dass Litauen Russland provoziere. All diesen hybriden Angriffen begegnen wir. Wir investieren auch in Flugabwehrmaßnahmen, aktuell 700 Millionen Euro. Wir bauen ein komplettes Antidrohnen-Ökosystem, das Künstliche Intelligenz, Störsender, aber auch kinetische Ansätze umfasst. Das ist es, was wir tun müssen, um die Sicherheit für unsere Gesellschaft zu gewährleisten. Wir lernen dabei von unseren ukrainischen Partnern.Lesen Sie auchWELT: Sie investieren viel Geld in die Verteidigung – und schützen damit letztlich auch Ihre europäischen Partner. Erwarten Sie von der Nato oder den übrigen Europäern Unterstützung?Kaunas: Ja, und wir erhalten Unterstützung. Denken Sie an die Luftraumüberwachung über dem Baltikum. Das ist sehr effektiv. Wir haben in der Nato gerade auch neue Ideen diskutiert. Die Nato erkennt die Ostflanke als eine sehr wichtige Region an, und wir werden weitere, neue Unterstützung vom Bündnis erhalten. Wir fragen unsere Partner auch ganz konkret, ob sie Antidrohnenlösungen bereitstellen können, gern Prototypen. Litauen ist schließlich ein guter Ort, um neue Technologien zu testen. Wir haben hier Kaliningrad vor der Tür, von wo aus Jamming und Spoofing (Stören und Manipulieren von Signalen; d.Red.) betrieben werden.WELT: Aktuell mehren sich die Berichte über Erfolge der ukrainischen Streitkräfte und über ukrainische Angriffe auf Ziele tief im russischen Hinterland. Bilder von brennenden Anlagen in Moskau sind um die Welt gegangen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklungen?Kaunas: Ja, die Medien sind voll von diesen schönen Bildern aus Moskau (lacht). Ich denke, für die Ukraine hat sich gerade eine Möglichkeit aufgetan, Russland zu „brechen“. Lesen Sie auchWELT: Was bedeutet das?Kaunas: Das bedeutet, dass die Ukraine den Krieg gewinnen kann. Die russische Gesellschaft wird wahrscheinlich zunehmend verunsichert durch Drohnenangriffe in Russland. Innere Konflikte in Russland werden wachsen. Irgendwann, wenn die Ukraine so weitermacht, wird die russische Gesellschaft Druck auf das Regime ausüben und Russland wird einen Weg finden, den Krieg zu beenden. Natürlich werden die Russen nicht sagen, dass sie verloren haben. Aber sie verlieren.WELT: Und wie bewerten Sie die Lage an der Front in der Ukraine?Kaunas: Aufbauend auf den Informationen, über die wir verfügen, kann ich sagen, dass es nicht einfach für die Ukrainer ist, den Russen standzuhalten. Aber sie tun es, und an einigen Stellen gehen sie in die Offensive, an anderen dominieren die Russen weiterhin. Die größte Herausforderung für die Ukraine ist es, ballistische Raketen abzufangen. Die Ukrainer versuchen, entsprechende Fähigkeiten auszubauen. Also, die Lage ist hart, aber die Ukraine hält stand und setzt Russland zu. Das ist der einzige Weg, der dazu führt, dass Russland irgendwann in ernsthafte Verhandlungen eintreten wird.Philipp Fritz berichtet im Auftrag von WELT seit 2018 als freier Korrespondent in Warschau über Ost- und Mitteleuropa. Christoph B. Schiltz ist Korrespondent in Brüssel. Er berichtet unter anderem über Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU, die europäische Migrationspolitik, die Nato und Österreich.
Litauens Verteidigungsminister: „Für die Ukraine hat sich gerade eine Möglichkeit aufgetan, Russland zu brechen“ - WELT
Drohnen aus Russland und Belarus dringen ständig in den Luftraum Litauens ein, Wetterballons bringen den Flugverkehr zum Erliegen. Deshalb entstehe gerade für Hunderte Millionen Euro ein Antidrohnen-Ökosystem, erklärt Verteidigungsminister Kaunas – und bietet Litauen als Testlabor an.








