An der WM sind 65 «Franzosen» dabei – ein Viertel der Teilnehmer laufen nicht für das Land auf, in dem sie geboren worden sindImmer mehr Fussballer besitzen mehrere Staatsangehörigkeiten. Für kleinere Nationen ist die Suche nach Talenten im Ausland die einzige Chance für einen Platz auf der Weltbühne.Sven Haist, Dallas25.06.2026, 15.55 Uhr4 LeseminutenYasin Ayari trifft für Schweden ausgerechnet gegen sein Geburtsland Tunesien doppelt.Matias Delacroix / APNationalmannschaften und der Transfermarkt schliessen sich aus. Eigentlich. In den vergangenen Jahren hat sich trotzdem ein Wettbewerb zwischen Ländern um jene Fussballer entwickelt, die aufgrund ihrer familiären Vergangenheit für die Auswahlteams verschiedener Nationen infrage kommen. Das Werben um die Talente wird immer intensiver und kompetitiver.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die nackten Zahlen der laufenden Weltmeisterschaft belegen das Ausmass dieser Entwicklung: Bemerkenswerte 292 der insgesamt 1248 gemeldeten Spieler wurden nicht in dem Land geboren, dessen Trikot sie auf der grössten Bühne des Weltfussballs tragen. Das entspricht fast einem Viertel aller Turnierteilnehmer. Zum Vergleich: Vor zwanzig Jahren lag dieser Anteil noch bei unter neun Prozent.Die Entwicklung ist eng mit den Spielberechtigungs-Regeln des Weltverbands (Fifa) verknüpft. Um zu verhindern, dass Spieler mit mehreren Nationalitäten im Verlauf ihrer Karriere zwischen verschiedenen Ländern wechseln, führte die Fifa einst die Regel ein, wonach ein Fussballer fest an einen Verband gebunden war, sobald er sein erstes Länderspiel für diesen absolviert hatte – selbst im Nachwuchs.Diese Richtlinie wurde nach der Jahrtausendwende modifiziert. Zum einen setzte sich der algerische Fussballverband dafür ein, dass Spieler mit Wurzeln in diesem Land trotzdem für das eigene A-Nationalteam spielen durften, auch wenn sie zuvor für europäische Juniorenauswahlen aufgelaufen waren. Und zum anderen versuchten sowohl Spieler als auch Verbände – damals in erster Linie der katarische –, die Bestimmungen durch allzu grosszügige Einbürgerungen auszuhöhlen.Aílton drohte Brasilien einst mit einem «anderen Weg»Der frühere Stürmer Aílton, einst für Werder Bremen und die Grasshoppers aktiv, sagte einmal, falls ihn seine Heimat Brasilien nicht berücksichtige, müsse er «einen anderen Weg finden». Solche Vorhaben kritisierte der damalige Fifa-Präsident Joseph Blatter als «Farce», die gestoppt werden müsse; andernfalls werde bald die Hälfte aller WM-Teams «ausschliesslich aus Brasilianern bestehen», sagte er.Daraufhin wurde das Regelwerk deutlich präziser gefasst. Seit März 2004 müssen Spieler mit mehreren Staatsbürgerschaften «eine erkennbare Verbindung» zu einem Land nachweisen. Diese kann sich aus dem Geburtsland, der Herkunft der Eltern oder Grosseltern sowie aus einem mindestens fünfjährigen Wohnaufenthalt ergeben; Sonderfälle bleiben ausgenommen.Gleichzeitig lockerte die Fifa die Bestimmungen für Verbandswechsel. Zunächst wurde den Spielern ein einmaliger Wechsel gestattet, sofern sie jünger als 21 Jahre waren und noch kein Pflichtländerspiel im A-Nationalteam für ein Land bestritten hatten. Später fiel die Altersgrenze weg, und im September 2020 wurden die Regularien nochmals erweitert. Nun ist ein Nationenwechsel selbst nach bis zu drei Pflichtspielen zulässig – vorausgesetzt, keines davon fand bei einer Endrunde statt.Haaland entscheidet sich für Norwegen statt EnglandAls Folge von Kolonialherrschaft, Migration und Globalisierung gibt es zunehmend Fussballer mit engen Bezügen zu mehreren Ländern. Die meisten WM-Spieler, die sich für eine andere Nation als ihr Geburtsland entschieden haben, wurden in Frankreich (65 Spieler), den Niederlanden (42), Deutschland (25), England (25), Belgien (9) und Spanien (8) ausgebildet – allesamt Länder mit renommierten Nachwuchsstrukturen. Während diese Nationen bei der WM beinahe ausschliesslich auf im eigenen Land geborene Spieler setzen, verhält es sich bei kleineren Fussballnationen häufig umgekehrt.Insgesamt acht Länder – Curaçao, Kongo-Kinshasa, Marokko, Bosnien-Herzegowina, Haiti, Algerien, Tunesien und Katar – treten mit Kadern an, in denen mehr als die Hälfte der Spieler im Ausland geboren wurde. Bei Curaçao ist sogar fast die gesamte Mannschaft importiert: Nur ein einziger Profi ist auf der Karibikinsel auf die Welt gekommen. Auch deshalb hat die Wettbewerbsfähigkeit des Nationalteams zugenommen, wie die erstmalige WM-Qualifikation zeigt.Den Entscheid von Spielern mit mehreren Nationalitäten, für welches Land sie auflaufen werden, prägen zumeist zwei Faktoren: emotionale Verbundenheit und sportliche Perspektive. Hinzu kommen Einflüsse aus dem persönlichen Umfeld, sei es durch den Familien- oder Freundeskreis, sowie das Werben der Verbände. Die Entscheidungen fallen dabei höchst unterschiedlich aus. Der in England geborene Erling Haala­n­d entschied sich für Norwegen, das Land seiner Kindheit und seiner Eltern – obwohl ihm England wohl grössere Erfolgsaussichten geboten hätte.Bei Schwedens Yasin Ayari wiederum war es der tunesische Vater, der sich dagegen aussprach, dass sein Sohn für Tunesien spielt. Er selbst sei ein Immigrant, seine Kinder jedoch nicht, sagte der Vater. Er wünsche sich, dass sein Sohn Schweden etwas zurückgebe. Ausgerechnet gegen Tunesien erzielte Ayari bei dieser WM die ersten zwei Turniertore. Der Schweizer Breel Embolo ist indes der erste Akteur überhaupt, der an einer WM gegen sein Geburtsland traf – vor vier Jahren im Startspiel gegen Kamerun.Von der Sauna ins kanadische NationalteamAngesichts der immensen Bedeutung grosser Fussballturniere bemühen sich immer mehr Nationen professionell darum, talentierte Spieler für sich zu gewinnen: durch gezielte Kontaktaufnahme, informelle Netzwerke oder manchmal auch durch Zufälle. Eines der kuriosesten Beispiele betrifft den in England geborenen Alfie Jones. Dieser sass einst gemeinsam mit dem Kanadier Liam Millar in der Sauna und erzählte von seiner verstorbenen Grossmutter, die Kanadierin gewesen war.Millar leitete diese Information an Kanadas Nationaltrainer Jesse Marsch weiter, der daraufhin den Kontakt zu Jones suchte. Schliesslich erhielt dieser die kanadische Staatsbürgerschaft und läuft nun bei dieser WM für den Co-Gastgeber auf. Der Reiz eines Landeswechsels liegt für Spieler wie Jones, der in der zweiten englischen Liga spielt, eindeutig darin, dass sie andernfalls kaum Aussicht auf eine WM-Teilnahme hätten. Schon die blosse Präsenz bei einem solchen Turnier erhöht für einen Spieler die Sichtbarkeit und den Marktwert.Derlei Beispiele dürfte es in Zukunft immer häufiger geben. Der Wettbewerb um Spieler wird sich verschärfen – wie im Klubfussball. Nur Ablösesummen gibt es keine.Passend zum Artikel