Der Geist aus der Flasche, der Dschinn, ist bekannt aus Tausendundeiner Nacht. Beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) hantieren sie mit größeren Zahlen, auch wenn sie die Geister aus der Flasche lassen. Sie bringen Athletinnen und Athleten, die an Olympischen Spielen teilgenommen haben, künftig 10.000 Dollar. Kein Preisgeld, nein, ein „grant“, eine Beihilfe. Zahlbar auf Antrag, nach den Spielen und nach eingehender Prüfung des Betragens durch die Athletenkommission.Und zahlbar grundsätzlich an jeden und jede. An die Tausenden, deren Namen nur Eingeweihten, Freunden, der Familie, den Wegbegleitern etwas sagen. Und an die kleine Elite jener, die aus olympischem Ruhm ein einträgliches Geschäftsmodell zimmern können, deren Namen zu Marken werden oder die in Sportarten antreten, in denen das olympische Turnier nicht den Kern des Erwerbslebens als Profisportler bildet. Sie alle können nun olympische Beihilfe beantragen, 10.000 Dollar (rund 8806 Euro).Anspielstation: IOC-Präsidentin Coventry, Athletenkommissionsvorsitzender Gasol am Mittwoch in LausanneEPADieser olympische Geist ist, so kann man das schon sagen, nicht einer Flasche entwichen, sondern einem Kessel. Einem Kessel, in dem der Druck zuletzt mächtig gestiegen war. Es ist erst vier Wochen her, dass die Chefin des Milliardenbetriebs IOC, die Schwimm-Olympiasiegerin Kirsty Coventry, die es verstanden hatte, ihren Ruhm zu einer steilen politischen Karriere im IOC und als Sportministerin des simbabwischen Gewaltherrschers Emmerson Mnangagwa zu nutzen, in Neuseeland gesagt hatte: „I don’t believe in paying athletes.“ Sie glaube nicht daran, Sportler bei Olympischen Spielen zu bezahlen.Das Echo kam aus allen Ecken der Welt, unter zahlreichen und namhaften Sportlerinnen und Sportlern breitete sich ein Sturm der Entrüstung in digitalen Foren aus. Coventry gestand einen Fehler ein. Als nun gegen Ende des ersten Tages der 146. Session des IOC in Lausanne am Mittwochnachmittag das Ventil geöffnet wurde, standen zwei Fragen im Raum: War dieser Schachzug tatsächlich, wie es Coventry anschließend darstellte, von langer Hand geplant? Und warum verkündete die Kunde von der guten Gabe aus Lausanne, auf die schon Teilnehmerinnen und Teilnehmer der zurückliegenden Winterspiele in Norditalien Anspruch haben, der Spanier Pau Gasol?Die Russen stehen vor der TürEs fiel auf, wie sehr Gasol das Wort führte, der über zwei Jahrzehnte einer der besten Basketballspieler der Welt war und mit seinem Können viel, sehr viel Geld in der nordamerikanischen NBA verdient hat. Heute ist er Vorsitzender der Athletenkommission des IOC, Mitglied der IOC-Exekutive. Der Katalane gewinnt zunehmend an Profil in diesem Zirkel, in dem sich neue Netze bilden, ein Jahr nachdem der olympische Overlord Thomas Bach in den Ehrenpräsidentenstatus übergetreten ist.Bei der anschließenden Pressekonferenz sprach Gasol viel, und wenn Kirsty Coventry meinte, Gasol solle noch mehr zu Wort kommen, stieß sie das an. Diese Runde verlief weit unfallfreier als Coventrys Auftritte in Mailand, dabei hatte die Präsidentin zu weiter schwelenden Fragen wie der Rückkehr Russlands, die offenkundig vorbereitet wird, wenig zu sagen. Die Chefin verwies auf die Rechtskommission.Aber die Olympische Charta wurde geändert. Die Neutralität wird darin noch einmal mehr betont, indem das Wort „politische“ vor Neutralität gestrichen wurde. Ein Paralleluniversum soll durch das Streichen eines Worts wetterfest werden. Die Russen stehen weiter im Donbass und nun auch wieder in Lausanne vor der Tür.Aber die Nachricht dieser Session ist der Epochenbruch. Sie nennen es Beihilfe, und doch ist es nun so: Das IOC bezahlt Sportler für ihre Olympiateilnahme. Der Geist ist aus der Flasche und kommt tatsächlich ein bisschen daher wie der arabische Dschinn: Der Geist des Geldes ist nicht per se gut oder schlecht. Aber das IOC wird bald merken, dass die Wünsche der Sportlerinnen und Sportler wachsen werden.