Im OP müsste eigentlich ein Patient liegen. Doch auf dem OP-Bett ist niemand. In einer Art Plastikkästchen liegen nur Stoffblumen. Die Blumen sind nur Zierde, aber mitten in der künstlichen Blumenwiese liegt eine runde Scheibe mit unterschiedlich großen Gumminoppen. Diese Scheibe ist ein Dummy, die Noppen der Gewebe-Ersatz: um mit „Shurui“ zu üben und zu zeigen, was der jüngste Roboter-Zugang in der München Klinik Bogenhausen alles kann.Ein bewährter Da-Vinci-Roboter namens „Leo“ ist dort schon länger in Betrieb, mit ihm wurden bereits Tausende Operationen erfolgreich ausgeführt. Sein neuer chinesischer Kollege ist nun seit dem 20. Mai im Einsatz.Shurui – einen Spitznamen gibt es für den Roboter bisher nicht – hat vier große Arme. In vier speziellen Gehäusen werden die sterilen Instrumente eingeführt, vier dünne, schwarze Greifarme gelangen durch ein einziges Portal nach außen in das Kästchen, den simulierten Bauchraum. Dann bewegen sich die Arme plötzlich. Schlangenartig. Wie bei einer Krake können sich die sogenannten „Snake Lines“ in alle Richtungen bewegen. Äußerst biegsam, mit weichen Bewegungen und sehr präzise.Die sogenannten „Snake Lines“ bewegen sich schlangenartig: Scheren und Zangen können präzise schneiden, veröden und Gewebe zur Seite schieben. München KlinikEine sehr scharfe Schere, die auch Gefäße veröden kann, zwei Haltezangen und eine winzige Kamera sind am Ende der Arme angebracht. Die Instrumente schieben die Noppen des Dummys beiseite, schneiden Stücke ab, halten fest. Die Kamera überträgt das Geschehen mit einer hochauflösenden 3-D-Technik auf große Monitore.Johannes Bodner beschreibt den Roboter als eine „Revolution auf dem Gebiet der minimalinvasiven Chirurgie“. „Denn mit nur einem Schnitt von zwei bis 2,5 Zentimeter gelangen alle vier Arme in den Brust- oder Bauchraum“, erklärt der Chefarzt der Klinik für Thoraxchirurgie. Das Da-Vinci-System benötige im Vergleich dazu bis zu fünf kleine Schnitte. Für die Patienten ein großer Unterschied: Ein einziger Schnitt bedeutet eine schnellere Heilung, weniger postoperative Schmerzen, kleinere Narben.Die Schlangenarme haben einen weiten Radius. Bis zu 25 Zentimeter können sie in die Höhe oder in die Tiefe gehen. Aber die Arme bewegen sich nicht durch Zauberhand, dahinter stecken Können, Präzision und eine ausgesprochen ruhige Hand.Ayman Agha sitzt an einer großen Konsole. Er hat den Bildschirm vor sich, mit den Fingern kann er mithilfe von sensiblen Griffen die „Schlangenarme“ bewegen. „Hierbei benötigt man alles, Hirn, Hände, Herz und auch die Füße“, sagt er. Denn es müssen auch Pedale bedient werden. Agha hat seine Schuhe ausgezogen, damit er noch mehr Gefühl dafür hat. Bei Druck auf die gelben Pedale schneidet die Schere. Druck auf die blauen Pedale heißt: veröden. Auch sagt das System über den Monitor, ob der Operateur noch tiefer schneiden muss. „Ein unwahrscheinlich präzises Arbeiten ist dadurch möglich“, erklärt der Chefarzt für Allgemein- und Viszeralchirurgie.Ein Operateur, ein Assistent, der sich um die Instrumente kümmert, und eine pflegerische OP-Kraft sind bei einer OP mit Shurui dabei. Dafür brauche es viel Vorarbeit, sagt Aleksandra Ristic. Denn die langen Instrumente müssen steril sein, alles genau passen, sagt die 55-Jährige. Sie ist die pflegerische Leitung im OP.Gesteuert wird der Roboter von einem Chirurgen. München KlinikNoch etwas ist wichtig: Der Patient muss laut Bodner exakt liegen, damit Shurui den ersten Schnitt präzise ausführen kann. „Das bedeutet für uns die genaue Überlegung, wie der Schnitt zu legen ist“, sagt Bodner. Das sei oft Millimeterarbeit. Deswegen bereite man die OP auch akribisch vor.1,5 Millionen Euro kostet Shurui. Bodner machte seine erste Bekanntschaft mit dem Roboter-System in einem Krankenhaus in China. „Ich war sofort fasziniert von dem Gerät“, erzählt er. Aber es dauerte, bis Shurui als deutschlandweit einziges Gerät an die München Klinik kam.Anfang des Jahres war es soweit, Shurui wurde installiert. Bis dahin hatte das OP-Team an einer Testkonsole geübt und Erfahrungen gesammelt. Am 20. Mai fand die erste Thorax-OP statt. Aufgeregt sei er am Vorabend schon gewesen. „Das Schlafen war nicht so leicht“, gesteht Chefarzt Bodner. Aber die ganze Arbeit, alle Schulungen hätten sich gelohnt. Der Eingriff sei ein voller Erfolg gewesen. Die Patientin habe am dritten Tag nach Hause gehen können.Seitdem war Shurui schon 20-mal im Einsatz. Zunächst bei weniger komplexen Eingriffen. Zwei Monate will man laut Ayman Agha noch mehr Erfahrung mit Shurui gewinnen. Dann sollen größere Eingriffe folgen. Die beiden Chefärzte in Bogenhausen sind jedenfalls davon überzeugt, dass die Zukunft der roboterassistierten Chirurgie gehören wird. In China ist Shurui schon in der Allgemeinchirurgie, der Urologie, der Gynäkologie, der Kopf- und Halschirurgie im Einsatz.
Was der neueste OP-Roboter in der München Klinik kann
Der chinesische Roboter Shurui bewegt seine vier schlangenartigen Arme präzise und biegsam in alle Richtungen.










