Prophezeiungen sind mit dem Risiko behaftet, dass sie sich nicht erfüllen. Das gilt auch für die Weissagungen einer gewissen Anatércia da Silva Gonçalves, die in ihrer brasilianischen Heimat besser bekannt ist als Vó Bahiana und mit ihren Ansprachen allein auf Instagram potenziell mehr als 24 Millionen Menschen erreicht. Sie hatte erklärt, dass am Mittwoch im letzten Gruppenspiel zwischen Brasilien und Schottland rund um die 38. Minute der zweiten Halbzeit etwas geschehen würde, das in der WM-Geschichte beispiellos sei.Zwei Raumschiffe, erklärte Vó Bahiana, würden im Stadion von Miami landen und mal eben eine Reihe von Spielern sowie 700 Zuschauer entführen, darunter die Seherin selbst. Vó Bahiana beteuerte, dass sich ihre Vision bewahrheiten werde, weil sie nicht nur ein Mal geträumt habe, dass viele Menschen geweint, geschrien und gelitten hätten. Sondern gleich zweimal. In der Seher-Branche fällt das wahrscheinlich unter „Doublecheck“. Allerdings: Das Spiel endete letztlich absolut ordnungsgemäß nach 90 Minuten plus Nachspielzeit, und der ungefährdete 3:0-Sieg der Brasilianer bedeutete, dass der fünfmalige Weltmeister nun standesgemäß als Gruppensieger im Sechzehntelfinale steht.Lionel Messi:Der beste Spaziergänger der FußballgeschichteMit zwei Treffern gegen Österreich bricht Argentiniens Genie den WM-Torrekord. Im Vorruhestandsalter könnte er auf dem Weg zum besten Turnier seiner Karriere sein – dank seiner ökonomischen Spielweise.Weniger eindeutig waren die möglichen Antworten auf eine Reihe von Fragen, die sich nun auftaten: Irrte die Wahrsagerin Vó Bahiana, weil sich die Aliens verfahren haben? Oder hatten der Geheimdienst CIA und das FBI eingegriffen? Und was sagt eigentlich die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung der Parawissenschaften zu der Theorie, dass Vó Bahiana gar nicht in die Zukunft geschaut habe, sondern schlicht der brasilianischen Schule des schönen Spiels nachhängt und deshalb aus Enttäuschung über so manche Darbietung der Seleção in jüngster Zeit bloß Wunschdenken geäußert hatte. Getreu dem Motto: „Wer immer ihr seid und wo auch immer ihr wohnt: Nehmt sie mit, bitte! Sie haben uns jetzt oft genug das Herz gebrochen.“Nicht wenige Chroniken der Partie werden sich an den greifbaren Fakten orientieren, die auf den ersten Blick eine eindeutige Sprache sprechen. Brasilien wurde durch den unangefochtenen Triumph gegen den Lieblingsgegner (fünf WM-Spiele, vier Siege, ein Remis) Sieger der Gruppe C. Schottland hat in der Vorrunde nur drei Punkte und minus drei Tore erreicht, ob das zum Weiterkommen genügt, wird die Sondertabelle der Gruppendritten in ein paar Tagen klären.Die wenigen Aktionen, die Neymar zeigt, verbessern den Vortrag der Brasilianer sogleich spürbarHauptdarsteller der Partie war Vinícius Júnior von Real Madrid. Der 25-Jährige erzielte zwei der drei brasilianischen Treffer. Damit lieferte er seinen Beitrag zu all den Toren der anderen WM-Stürmer-Promis in den Tagen zuvor, von Messi bis Ronaldo, von Haaland bis Mbappé – und erhielt dafür eine Art Kelch, der ihn als besten Spieler der Partie auswies (und aussieht wie ein Aluhut, der gegen Strahlungen von Aliens schützt). Das 3:0 packte der frühere Herthaner Matheus Cunha nach gut einer Stunde drauf.Jenseits davon aber gibt es im Fußball auch weniger eindeutige Wahrheiten. Die vom Mittwoch besagten zum Beispiel, dass Brasilien besser spielte als gegen Marokko (1:1) und Haiti (3:0). Das bedeutete aber nicht, dass Brasilien gut gespielt hätte. Zumal Schottland Argumente dafür lieferte, dass die Europäer den Mund nicht so voll nehmen sollten, wenn sie sich über die WM-Teilnahmen der Kapverden, des Kongo oder von Haiti mokieren. Denn dass Vinícius zu zwei Treffern kam, war der Kollaboration schottischer Verteidiger geschuldet (7./45.+3). Diese ging so weit, dass Vinícius per Kopf traf – und damit eine Wette gegen seinen Trainer Carlo Ancelotti gewann.WM-Interview mit Grafite:„Die Chancen für Brasilien hängen stark von Neymar ab“Kann Brasilien Weltmeister werden? Ein Gespräch mit Grafite, Wolfsburgs legendärem Meister-Stürmer von 2009, über die Baustellen von Trainer Ancelotti und die Rolle seines alternden Stars.Die Genese seiner Tore scherte Vinícius reichlich wenig, immerhin kann er behaupten, im bisherigen Turnier an fünf von sieben brasilianischen Toren direkt beteiligt gewesen zu sein. Er selbst schoss bislang vier, damit ist er vorerst mit dabei im Rennen um den „Goldenen Schuh“ als bester Torschütze des Turniers. Er darf außerdem von sich behaupten, dass er in einer Reihe mit seinen Landsleuten Jairzinho, Romário, Ronaldo und Rivaldo stehen könnte. Alle vier wurden Weltmeister, nachdem sie in jedem Vorrundenspiel mindestens ein Tor geschossen hatten: Jairzinho 1970, Romário 1994, Ronaldo und Rivaldo 2002.Zur Wahrheit bei Vinícius gehörte aber auch, dass seine Aktionen fast alle ins Leere gingen, wenn die Schotten Naivität mal durch Professionalität ersetzten. Die beste Szene hatte Vinícius in der ersten Halbzeit, als er durch einen Rückpass von der Grundlinie fast ein (echtes) Eigentor heraufbeschwor. Auf der anderen Seite hatten die Schotten nur zwei wirklich gute Chancen, beide in der 64. Minute, erst durch einen Freistoß von Lewis Ferguson, dann durch einen Kopfball von Scott McTominay. Beide Male parierte Brasiliens Torwart Alisson Becker mit Bravour.Minuten nach dieser Doppelchance dominierten dann tatsächlich mal schottische Töne: Eine Dudelsack-Combo auf der Tribüne presste das „Olé, olé, olééééé …“ aus ihren Instrumenten. Die brasilianischen Fans antworteten mit „Neymaaar, Neymaaaar“-Rufen. Denn der kam in der 72. Minute tatsächlich erstmals bei dieser WM zum Einsatz, und die wenigen Aktionen, die er zeigte, verbesserten den Vortrag der Brasilianer sogleich markant.Wenige, aber gute Aktionen – und am Ende zu Tränen gerührt: Neymar berührt die Brasilianer emotional, auf den Rängen wie auf dem Rasen. Lynne Sladky/AP/dpaNeymars erster Nationalmannschaftsauftritt seit dem 17. Oktober 2023 (gegen Uruguay) war zudem ein Ereignis, das die Brasilianer emotional berührte. Auf den Rängen wie auf dem Rasen. Und für Neymar selbst galt das in besonderer Weise. Die „Nummer 10“ der Brasilianer weinte am Ende, weil der 34-Jährige gesehen hatte, dass auf der Tribüne auch die Familienangehörigen weinten. „Ich bin sehr froh, nach drei Jahren wieder das Trikot der Seleção zu tragen“, sagte der Stürmer des FC Santos: „Gott sei Dank hat es geklappt, wieder dabei zu sein.“ Auch Vinícius war über Neymars Rückkehr glücklich. „Das war ohne Zweifel ein sehr wichtiger Moment für uns. Unser Idol ist zurück – ein Kerl, der immer gekämpft hat und alles getan hat, um bei uns zu sein“, sagte der Real-Stürmer.Die Landsleute elektrisierte indes ein anderes angebliches Comeback fast noch mehr: Im Netz verbreiteten sich Gerüchte, Vinícius habe sich wieder versöhnt mit seiner Ex-Freundin, der Influencerin Virginia Fonseca. Das hatte selbst Vó Bahiana, soweit bekannt, nicht kommen gesehen.
Brasilien gegen Schottland bei der WM 2026: Vinícius trifft und trifft – und Neymar ist zurück
Brasilien steigert sich beim 3:0 gegen Schottland, gut aber spielt der fünfmalige Weltmeister nicht. Zum Hauptdarsteller wird Vinícius Júnior – vielmehr aber berührt die Rückkehr von Neymar.












