Wabenarchitektur, Menschenmassen: So sieht unsere Welt ausDie Zivilisation ist hybrid geworden – Fotoaufnahmen im Museum für Gestaltung Zürich bilden Orte auf dem ganzen Globus ab: Sie zeigen ein Leben im Bienenstock.25.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenBibliothek des Augustiner-Chorherrenstifts bei Linz von Candida Höfer.Candida Höfer / Pro LitterisEs beginnt alles perfekt geordnet. Wir sehen die Bibliothek des Augustiner-Chorherrenstifts bei Linz in einer Grossaufnahme von Candida Höfer. Wunderbar, der barocke Reichtum der Farben und das in Büchern gelagerte Wissen aus Jahrhunderten. Gleich daneben sehen wir die Hügellandschaft von Mexiko-Stadt in einer Luftaufnahme. Häuser, Hütten, Strassen – die Unendlichkeit des urbanen Molochs. Auch das kann Ordnung sein – entstanden auf der Grundlage eines wuchernden Stadtgebildes.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Was haben die Bilder gemeinsam? Sie zeigen Strukturen, die sich in einem Prozess menschlicher Aneignung entwickelt haben. Zivilisation – ein riesiges Thema für eine Ausstellung und kaum überschaubar. Was gehört nicht alles dazu: das soziale Leben der Menschen, die Urbanisierung, die industrielle und die kulturelle Entwicklung der Menschheit schlechthin. Es ist ein ganze Zeitalter umspannender Prozess, von den frühen Hochkulturen bis zur digital vernetzten Gesellschaft von heute.Um das Thema einzugrenzen, fokussiert die Schau «Civilization» im Museum für Gestaltung Zürich auf die letzten dreissig Jahre, dokumentiert durch Fotoaufnahmen rund um den Globus. Über hundert internationale Fotografen haben festgehalten, was ihnen am Leben auf unserem Planeten bemerkenswert scheint.Überwältigung des AugesMeist wandhoch und wie Gemälde präzise komponiert sind die Fotos. Es sind im Grunde keine Dokumentaraufnahmen, sondern ästhetisch gehöhte Panoramen und Inszenierungen von Räumen und Dingen. Durch digitale Bearbeitung werden die Motive in manchen Bildern sogar vervielfältigt, um eine Potenzierung des Eindrucks zu erzeugen.Die fotografische Technik zielt auf eine Überwältigung des Auges und schafft damit eine hybride Künstlichkeit. Dennoch: Man sieht, was man sonst kaum je zu sehen bekommt. Da sind Bebauungsstrukturen, da gibt es technische Anlagen von schier unfassbarem Ausmass, da sind Menschenmassen oder Landschaften des Urbanen und der Industrie.Philippe Chancel / Gallery Mélanie Rio FluencyAlejandro CartagenaPhilippe Chancel: Bau des Burj Khalifa Tower in Dubai, des mit 828 Metern höchsten Gebäudes der Welt, 2008. Alejandro Cartagena: Arbeiter in Mexiko in einem Pick-up, 2011-12.Die Eingrenzung des Themas auf die letzten dreissig Jahre ergibt Sinn. In diesem Zeitraum hat sich die digitale Vernetzung der Welt und die damit einhergehende Globalisierung mehr als je zuvor beschleunigt. Auch leben heute erstmals mehr Menschen in städtischen Zentren als ausserhalb von diesen.Das 21. Jahrhundert hat eine Zivilisation möglich gemacht, die sich nicht mehr in Kontinuität, sondern in einer Art kritischer Zuspitzung vollzieht. An den Bildern wird nicht zuletzt sichtbar, wie Urbanisierung und Technologie in Zerstörung umschlagen können.Wenn es nicht in allen Aspekten auf Zerstörung hinausläuft, so ist doch eine Form von Hybris unübersehbar. Zivilisation meint heute längst nicht mehr den Gegensatz zu Barbarei, wie man sie noch im 19. Jahrhundert verstand. Sie ist vielmehr ein Prozess, der alle Aspekte des Lebens umfasst: Arbeit, Wohnen, Staatenbildung, wirtschaftliche und technologische sowie kulturelle Entwicklung.Die Ausstellung betitelt die Räume des Rundgangs mit bildhaft starken Begriffen wie Fliessen, Bienenstock, Verführung, Brüche. Es sind nur Ausschnitte, aber was sie zeigen, ist die ungeheure und immer noch zunehmende Komplexität aller Aspekte des menschlichen Lebens.Zum Beispiel die Stadt als Maschine: Für westliche Gewohnheiten kaum vorstellbar ist die Dichte des Wohnens in asiatischen Städten. Michael Wolf zeigt Hochhaustürme in Hongkong als Wabenarchitektur in Reihe. Fenster an Fenster, völlig gleichförmig. Wo beginnen diese Strukturen, und wo enden sie? Das Leben darin scheint sich allein auf das Funktionieren im Alltag zu beschränken.Und doch leben die Menschen ihre ganz individuellen Bedürfnisse, wie in einer Aufnahme von Benny Lam. Die vierköpfige Familie Leung in Hongkong wohnt in einem Apartment von weniger als fünf Quadratmetern. Um Essen, Schlafen und Arbeiten überhaupt möglich zu machen, ist alles in Schichten organisiert. Zuoberst die Kinder, die im Bett ihre Hausaufgaben machen.Hongkongs Bienenstock-Architektur in einer Aufnahme von Michael Wolf, 2006.Michael Wolf / M97Gestapeltes Wohnen in Hongkong, Benny Lam, 2012.Benny LamHochkulturen und ZerstörungDas Leben im urbanen Bienenstock vereint Chaos und Kontrolle. Kontrolliert geht es auch in der Luftaufnahme des Flughafenterminals von Newark, New Jersey, zu. In der ringförmigen Anlage bilden die Flugzeuge eine Art Sternenkonstellation auf der Erde. Faszination geht von dem bewegten Muster aus, das durch komplexe Vernetzung gesteuert wird.Eine ähnliche Aufnahme, ebenfalls von dem Amerikaner Jeffrey Milstein, bildet ein Kreuzfahrtschiff von oben ab: Die «Caribbean Princess» wirkt mit ihren blaugrünen Pools und silbrigen Relings wie ein aus dem Nichts aufgetauchter Tiefseefisch.Beide Architekturen sind Heterotopien, Orte, die eigene, in sich geschlossene Organisationen bilden. Immer wieder fokussiert die Ausstellung auf Strukturen. Sie faszinieren, da sie Komplexität von Zivilisation am besten zeigen: die schier unfassbaren Grössen, die Ordnung im Chaos, das Potenzial der Krisen. Auch Letztgenannte sind unleugbar präsent, wie die Lithiumfelder in der Atacama-Wüste von Chile zeigen.Aus der Luft sieht die Industrieanlage wie ein Spielbrett in allen Schattierungen von Gelb bis Blaugrün aus. Der hier gewonnene Rohstoff wird für Akkus benötigt und gehört zu den essenziellen Bestandteilen moderner Technologie. Ob die Vergiftung der natürlichen Ressourcen jemals rückgängig gemacht werden kann, ist dabei zweitrangig.Die Aufnahmen der Ausstellung bilden Orte auf dem ganzen Globus ab. Dabei wird offenbar, dass Zivilisation nicht nur eine enorme Differenzierung des Lebens bewirkt. Im gleichen Mass schafft sie auch eine Form von Homogenisierung, was eine Angleichung von Zivilisationen in der Welt bedeutet. Technische Anlagen, Urbanität und Landverbrauch gibt es überall – mit ähnlichen Strukturen.Man verlässt die Bilderflut ein wenig ratlos. Die Faszination der Aufnahmen paart sich mit der beängstigenden Erkenntnis, dass diese Lebensform nicht umkehrbar ist. Sie hat einen Grad von Komplexität erreicht, der Kompromisse kaum mehr möglich macht. Allerdings – das lehrt dann doch die Geschichte – trägt sie das Potenzial der Zerstörung in der eigenen Struktur. Hochkulturen neigen immer zur inneren Erosion.Civilization. Unser Leben im Fokus. Museum für Gestaltung Zürich, bis 19. Juli.Alessandro Della Bellas Blick auf die Saffa-Insel in Zürich aus der Vogelperspektive, 2015.Alessandro Della BellaDie Künstlerin Ruth Erdt dokumentiert im Quartier Schwamendingen Momente des Umbruchs, 2017.Ruth ErdtPassend zum Artikel