Interview«Sie unternahmen alles, um mich zu brechen»: Der weissrussische Journalist Andrzej Poczobut hat Jahre in Lukaschenkos Straflager verbrachtAndrzej Poczobut ist im April im Zuge eines von den USA eingefädelten Gefangenenaustauschs freigelassen worden. Im Interview berichtet er von den harten Bedingungen im Arbeitslager und seinem wichtigsten Vorhaben.Paul Flückiger, Warschau25.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer Weissrusse Andrzej Poczobut wurde im März 2021 verhaftet und später zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt. Ende April 2026 kam er wieder frei. Anfang Mai wurde er in Polen mit einem Orden ausgezeichnet (Bild).Roman Koziel / ImagoHerr Poczobut, Sie wurden Ende April nach fünf Jahren Haft freigelassen und konnten nach Polen ausreisen. Haben Sie sich schon an die Freiheit gewöhnt?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nein, noch nicht. Ich war bisher zwei Wochen im Spital des Innenministeriums, wo ich mich einer Gesundheitsprüfung unterziehen musste. Da ich so sehr ausgemergelt war, wurde ich zur Kur ins Sanatorium geschickt. Dort bin ich nun noch mehrere Wochen. Immerhin aber habe ich seit ein paar Tagen keine Gefängnisträume mehr. Meine Nächte sind ruhiger geworden.Sie wurden 2023 zu acht Jahren schwerer Lagerhaft verurteilt. Wofür?Mein Fall war völlig konstruiert. Ich wurde wegen der angeblichen Verbreitung von nationalem und religiösem Hass verurteilt. Es ging darum, dass ich ein Aktivist der polnischen Minderheit in Weissrussland bin. Dazu warf man mir vor, mit Beiträgen für polnische Medien über die Protestwelle von 2020 Weissrussland geschadet zu haben.Wurden Sie als Journalist oder Minderheitenaktivist verurteilt?Ich wurde wegen beidem verurteilt. Mein Einsatz für die Minderheit und die Gräber polnischer Partisanen der 1940er Jahre bildete jedoch das Herzstück der Anklage. Das hatte folgenden Grund: Kurz nach Ausbruch der Proteste gegen die gefälschte Präsidentenwahl von 2020 hatte Alexander Lukaschenko behauptet, diese seien von Polen orchestriert worden. Ziel sei es, die Westgebiete Weissrusslands, die vor 1939 zu Polen gehört hatten, wieder Polen einzuverleiben. Lukaschenko verlegte gar Truppen an die Westgrenze. So sollte die Aufstandsbekämpfung gegen innen legitimiert werden. Damals wurde mir klar, dass sie einen Sündenbock suchen, und ich rechnete mit meiner Verhaftung. In der Anklageschrift hiess es dann prompt, ich sei der Kopf von Verschwörern, die das Gebiet Grodno von Weissrussland abspalten wollten. Das ist völlig absurd.Sie sassen schliesslich fünf Jahre in sieben Haftanstalten. Wo war es am schlimmsten?Ich war zuerst zwei Jahre in Untersuchungshaft in Grodno, Minsk und Schodschino. Nach der rechtskräftigen Verurteilung wurde ich nach Nowopolozk verlegt, das verrufenste Arbeitslager Weissrusslands. Doch im Arbeitslager selbst war ich nur sieben Tage. Die restliche Zeit sperrten sie mich in Isolationszellen. Ziel war, mich zu brechen. Ich war bereits 2011/12 politischer Häftling, und damals war ihnen dies nicht gelungen. Sie wollten unbedingt, dass ich ein Geständnis ablege und dann ein Gnadengesuch an den Präsidenten stelle. Aber ich habe mich nie schuldig bekannt.Welche Methoden wandten die Behörden an?Das Strafsystem sucht bei jedem Gefangenen die schwächste Stelle. Bei mir wussten sie, dass ich Einsamkeit schlecht ertrage. Auch wollten sie mich von anderen Gefangenen isolieren, damit ich mit meinem Widerstandswillen keinen «schlechten Einfluss» auf sie haben konnte. Deshalb steckten sie mich für fast die ganze Zeit in Isolationshaft. In der U-Haft hatte sich dazu gezeigt, dass ich mit allen in der Zelle auskomme, auch mit schlimmsten Kriminellen. Als Journalist habe ich gelernt, bei allen etwas Interessantes zu finden und mit ihnen darüber zu sprechen.Wie muss man sich Isolationshaft vorstellen?In Nowopolozk waren zu meiner Zeit 800 bis 1000 Häftlinge im «gewöhnlichen» Arbeitslager des besonders harten Regimes, unter ihnen Kriminelle und auch viele politische Gefangene. Sie waren auf 11 Blöcke verteilt. Dazu gab es 15 Isolationszellen, in denen je nach Belegung 3 bis etwa 60 Insassen waren. Es gibt dort besonders harte, kleine Karzer-Einzelzellen, aber auch Isolationszellen für bis zu 4 Häftlinge. Niemand darf miteinander sprechen. Ich verbrachte 167 Tage in besonders harter Isolationshaft, den Rest der Zeit wurde ich in normalen Isolationszellen eingesperrt. Diese «normale» Isolationshaft ist leichter zu ertragen. Es gibt täglich 15 Minuten Spaziergang, und man kann sich Bücher aus der Gefängnisbibliothek bestellen. Aber wir wurden die ganze Zeit von einer Videokamera überwacht, und es wurde nie dunkel, auch in der Nacht nicht.Haben Sie irgendetwas von der Aussenwelt mitbekommen?Ja, klar. Trotz strengen Strafen gab es immer Mitgefangene, die mir etwas erzählten. Sie bekamen Briefe von aussen, während ich dieses Recht nicht hatte. Dazu konnte mich mein Anwalt einmal pro Woche besuchen. So erfuhr ich schnell, dass es regelmässig Solidaritätskundgebungen für mich in Polen gab. Dies hat mir moralisch sehr geholfen.Wie haben Sie es geschafft, bei einem derart harten Regime nicht zu zerbrechen?Wichtig ist eine eiserne innere Disziplin anstelle eines Zieles ausserhalb des Gefängnisses. Denn dieses frisst dich auf, damit folterst du dich selbst. Ich habe mich stattdessen mit dem Auswendiglernen von russischen Gedichten, philosophischen Büchern und Liegestützen über Wasser gehalten. Sport selbst auf kleinstem Raum stärkt die Gesundheit und gibt positive Energie. So habe ich jeden Tag versucht, einen neuen Liegestützen-Rekord aufzustellen.Sie kamen dank einer Intervention der USA frei. Washington hat die Sanktionen gegen Weissrussland mehrmals gelockert, um rund 500 politische Gefangene freizubekommen. Doch das Regime nimmt immer neue Verhaftungen vor. Ist der westliche Tauschhandel mit Lukaschenko moralisch gerechtfertigt?Ich bin ein Nutzniesser dieser Verhandlungen zwischen Washington und Minsk und kann deshalb nicht über Moral urteilen. Für den einzelnen Freigepressten ist es bestimmt gut. Aber solange sich die Situation der Gesellschaft nicht verändern kann, ist nichts Wesentliches und Zukunftsträchtiges gewonnen. Bis anhin lässt das Regime keine Lockerungen zu.Welche Zukunft sehen Sie für Weissrussland?Ich war fünf Jahre weggesperrt und habe in dieser Zeit nichts als meine Zelle gesehen, deshalb habe ich kein Rezept. Wichtig ist aber, zu verstehen, dass Weissrussland nicht gleich Russland ist. Und dass die weissrussische Gesellschaft keine Verantwortung für die jetzige Entwicklung hin zu einer Vereinigung mit Russland trägt. Allerdings hat Lukaschenko noch eine gewisse Entscheidungsfreiheit.Putin lässt Lukaschenko sehr wenig selbst entscheiden.Das Schicksal Weissrusslands war stets eng mit jenem Russlands verbunden. Immer wenn Russland in der Krise war, ergaben sich Möglichkeiten für Weissrussland, so etwa 1918 bei der weissrussischen Unabhängigkeitserklärung. Sobald Russland in eine Krise schlittert, öffnet sich für Weissrussland wieder ein «Fenster der Möglichkeiten». Ich hoffe sehr, dass die EU für diesen Moment einen Plan hat, so dass Weissrussland endlich nach Westen rücken kann.Dies bedingt auch einen Motor von innen. Werden dabei die gut 5000 ehemaligen politischen Gefangenen eine Rolle spielen?Ich bin ein Realist, und die Realität ist brutal. Deshalb sehe ich für uns keine besondere Rolle. Hier etwas vorauszusehen, ist indes sehr schwierig. Ich bin nicht der richtige Prophet für Ihre Frage.Welche Pläne haben Sie?Ich würde gerne wieder als Journalist arbeiten. Aber erst einmal muss ich diese fünf Jahre Haft abschütteln. Das geht nicht von heute auf morgen. Im September will ich zurück nach Grodno reisen. Ich bin dies auch der polnischen Minderheit schuldig. Man hat mir versichert, dass ich zurückdarf. Ich werde also meinen Pass nehmen und es versuchen. Ich bin selbst gespannt, ob das geht.flü. · Der 53-jährige Andrzej Poczobut stammt aus einer polnischen Familie im polnisch-weissrussischen Grenzgebiet. Er studierte Rechtswissenschaften und arbeitete danach als Journalist, ab 2006 als Korrespondent der polnischen Tageszeitung «Gazeta Wyborcza». Bereits im Studium engagierte er sich für den Verband der polnischen Minderheit. 2011 kam er wegen angeblicher Präsidentenbeleidigung vorübergehend in Haft. Im März 2021 wurde er erneut verhaftet und später zu acht Jahren harter Lagerhaft verurteilt. 2025 zeichnete ihn das Europäische Parlament mit dem Sacharow-Freiheitspreis aus. Ende April 2026 kam er im Rahmen eines Gefangenenaustauschs frei.Passend zum Artikel