Prämien für Babys: Indien läutet eine radikale Wende in der Bevölkerungspolitik einWährend Jahrzehnten bekämpfte Indien die Bevölkerungsexplosion mit Sterilisationen und Familienplanung. Doch in den letzten Jahren ist die Geburtenrate massiv gesunken. Nun wollen indische Politiker gegensteuern. Kritiker warnen vor unerwünschten Folgen.25.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenEin junger Vater sucht mit seinem Baby an einem Strand in Mumbai Abkühlung von der Hitze. Auch in Indien nimmt die Zahl der Kinder stark ab. Politiker wollen gegensteuern.Elke Scholiers / GettyDer indische Gliedstaat Andhra Pradesh belohnt grosse Familien neuerdings mit Fördergeldern. Im Mai kündigte der Regierungschef Chandrababu Naidu an, dass Familien für das dritte Kind in Zukunft 30 000 Rupien erhalten, für das vierte Kind 40 000 Rupien. Das sind umgerechnet etwa 330 bis 450 Franken. Das ist für indische Verhältnisse nicht wenig und entspricht 12 beziehungsweise 16 Prozent eines durchschnittlichen Jahreseinkommens.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mit über 1,4 Milliarden Einwohnern ist Indien zwar seit 2023 das bevölkerungsreichste Land der Welt. Trotzdem macht sich dort die demografische Angst breit. Die Geburtenrate hat in den letzten Jahren stark abgenommen und liegt mit 1,9 Kindern pro Frau mittlerweile unter den 2,1, die für den Erhalt der Bevölkerungsgrösse notwendig wären. Und die Talsohle ist damit noch nicht erreicht. Gewisse Demografen prognostizieren für Indien eine ultratiefe Geburtenrate von ungefähr 1,3 Kindern bis Mitte Jahrhundert.Schon lange sorgen sich die Nationalisten um die sinkende Geburtenrate. Mohan Bhagwat, Chef der Hindu-nationalistischen RSS, warnte 2022 davor, dass Gesellschaften, die sich nicht selber erhalten könnten, vom Aussterben bedroht seien: «Viele Sprachen und Kulturen sind bereits aufgrund dieses Problems verschwunden. Daher ist es unerlässlich, eine Geburtenrate von über 2,1 zu erhalten.» Die Hindu-Nationalisten propagieren, dass Ehepaare mindestens drei Kinder zeugen.Der Süden Indiens hat weniger zu sagenLängst sind es nicht mehr nur Nationalisten, die vor einer demografischen Entwicklung warnen, wie sie westliche und ostasiatische Gesellschaften bereits vorzeichnen. Dazu kommt, dass sich durch das Land ein demografisches Nord-Süd-Gefälle zieht, das die Kräfteverhältnisse im Land verändert.Während die Geburtenrate in den nördlichen Gliedstaaten noch zwischen 2 und 3 Kindern pendelt, ist sie im wohlhabenderen Süden des Landes bereits weit darunter. Tabellenletzter ist Tamil Nadu mit 1,3 Kindern. Als Folge davon drohen weniger Staatsgelder aus Delhi und weniger Sitze im Parlament. Es ist deshalb kein Zufall, dass der südliche Gliedstaat Andhra Pradesh (Geburtenrate 1,5 Kinder) jetzt mit der Geburtenförderung vorprescht. Dem Beispiel dürften andere folgen.Von der Zwangssterilisation zur GeburtenförderungDiese Entwicklung steht im scharfen Kontrast zur früheren Politik, die von der Angst vor Überbevölkerung getrieben war. Seit den 1960er Jahren setzte Indien deshalb auf Verhütungsmittel und Familienplanung. Die Geburtenrate lag damals noch bei knapp 6 Kindern pro Frau, die Bevölkerung bei 450 Millionen Menschen.Während der Regierungszeit von Indira Gandhi wurde in den 1970ern ein besonders drastisches Mittel gewählt: Millionen Inder wurden gegen ihren Willen sterilisiert, die meisten von ihnen arme Männer. Heute sind es jedoch vor allem mehrfache Mütter, die sich in staatlich geförderten Kliniken sterilisieren lassen und dafür Sterilisationsprämien erhalten.Doch nun zeichnet sich in Indien eine pronatalistische Wende ab. Das stösst auf Kritik in linken und feministischen Kreisen. Poonam Muttreja, die sich seit mehreren Jahrzehnten für die Rechte von Müttern einsetzt und die NGO Population Foundation of India leitet, warnt vor erzwungenen Schwangerschaften. Stattdessen plädiert sie für bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie und Immigration aus den geburtenstarken Gliedstaaten: «Die Wünsche der Frauen haben sich verändert. Junge Frauen wollen heute nicht mehr die gleiche Anstrengung durchmachen wie unsere Grossmütter», schreibt sie in einem Beitrag für die indische Zeitung «South First».Mehr Senioren, weniger KinderDer demografische Niedergang ist derweil schwer aufzuhalten, weil die Zahl junger Menschen in Indien schon heute abnimmt. Die meisten Kinder und Jugendlichen hatte Indien Ende der 2000er Jahre. Währenddessen steigt die Zahl der Senioren massiv. Laut Uno-Daten waren 2024 erstmals über 100 Millionen Inder 65 Jahre alt und älter. 20 Jahre zuvor war es noch etwa die Hälfte gewesen. Die Alterung stellt Indien vor besondere Probleme im Vergleich zu westlichen Gesellschaften, denn trotz beeindruckenden Wachstumsraten ist Indien weiterhin ein überwiegend armes Land.In der Wahrnehmung der meisten Inder dürfte diese Realität noch weit weg sein. Indien gehört zu den am dichtesten besiedelten Ländern der Welt, und die Uno prognostiziert einen Anstieg der Bevölkerung auf 1,7 Milliarden Menschen bis 2060, bevor die Bevölkerung wieder abnimmt. Ob es allerdings dazu kommt, ist keineswegs sicher. In der Vergangenheit erwiesen sich die Prognosen der Demografen immer wieder als zu optimistisch.Passend zum Artikel