Berichte von Landeskriminalämtern müssen nicht immer staubtrocken sein. Sie können sich sogar süffig lesen. So ist es zum Beispiel bei diesem Zwischenbericht der Staatsanwaltschaft München, der der Süddeutschen Zeitung vorliegt. So taucht unter dem langweilig anmutenden Titel „1.1. Allgemeine Angaben zum Geschäftsmodell der Signa-Gruppe“ immer wieder das Wort „Staubsauger“ auf. Manuel Pirolt, Finanzchef der Signa Prime Selection AG (SPS AG), in der René Benko seine schönsten Pracht-Immobilien gebündelt hatte, scheint es in den allgemeinen Sprachgebrauch der Finanz- und Controlling-Abteilung des Signa-Konzerns eingeführt zu haben. Und er verstand das Wort „Staubsauger“ offenkundig ausschließlich als Anweisung, nicht als verniedlichende Metapher, auch wenn er hinter Sätzen wie diesen gern ein Grinse-Smiley setzte. „Sobald das geld da ist muss der staubsauger das sofort zur prime ziehen bitte“ (sic), schrieb er beispielsweise. Oder: „staubsauger dann gleich anwerfen“ (sic).Der Staubsauger war nichts anderes als die SPS AG selbst, die Muttergesellschaft etlicher Signa-Gesellschaften. Sie saugte nach Darstellung der Ermittler das Geld auf, das Investoren für ganz andere Immobilienprojekte Benkos ausgaben. Dieser sitzt seit Januar 2025 in Österreich in Untersuchungshaft und legte die größte Pleite in der Geschichte seines Landes hin.Aus den E-Mails, internen Notizen von Signa-Managern, Vertragsentwürfen und Zeugenaussagen leiten die Münchner Ermittler einen massiven Vorwurf ab. Sie erkennen darin einen klaren Hinweis, dass Geld aus Projektgesellschaften systematisch nach oben gezogen wurde. Mit „oben“ ist in dem Fall „zentral in Österreich“ oder „grundsätzlich mal im österreichischen Zugriff“ gemeint, wie Pirolt an seine Mitarbeiter im Klartext schreibt.Hausbank sollen wesentliche Informationen verschwiegen worden seinIm Kern geht es um den Verdacht der Münchner Staatsanwaltschaft, dass Benko und weitere Signa-Verantwortliche beim Projekt München Bahnhofplatz eine 120-Millionen-Euro-Zahlung eines bekannten Münchner Immobilien-Unternehmers nicht projektbezogen verwendeten. Sie sollen das Geld allerdings nicht nur als „Liquiditätsbaustein für die Signa-Gruppe“ genutzt haben. Sondern ausgerechnet Benkos Hausbank, der Raiffeisen Bank International, auch noch wesentliche Informationen verschwiegen haben, als es um das denkmalgeschützte Gebäude ging, das heute eine Bauruine ist.Der ehemalige Hertie in München am Bahnhof. Stephan RumpfDeswegen laufen jetzt Ermittlungen gegen Benko und weitere Manager wegen Untreue, Betrugs und Kreditbetrugs, und zwar seit Anfang Mai dieses Jahres. Hauptverdächtiger ist René Benko. Er soll maßgeblich daran beteiligt gewesen sein, die 120 Millionen Euro vom Unternehmen des bayerischen Investoren für den Münchner Bahnhofplatz einzuwerben. Tatsächlich, so der Verdacht, sei das Geld aber von Anfang an gebraucht worden, um Liquiditätsprobleme der Signa-Gruppe zu lösen und eine Kapitalerhöhung zu finanzieren. Diese sollte dazu dienen, das Londoner Luxus-Kaufhaus Selfridges zu kaufen. Benko schien damals geradezu im Kaufrausch gewesen zu sein. Finanzieren ließ er die Objekte seiner Begierde offenbar jedoch systematisch mithilfe der Staubsauger-Methode, die intern auch „Upstream“ oder „manuelles Cash-Pooling“ genannt wurde.Der Bank sollen die Signa-Leute die Wahrheit verschwiegen habenKaum waren jedenfalls die 120 Millionen Euro auf dem Konto eingegangen, wurden sie laut dem Bericht sofort „upgestreamt“, also aus der Projektgruppe raus und nach oben hinein in die Signa-Gruppe geschoben. Etwa 110 Millionen Euro liefen weiter über die Signa Development Selection AG (SDS AG) bis zur Signa Holding. „Die SPS AG und die SDS AG werfen den großen Staubsauger an“, schreibt ein Controlling-Mitarbeiter zu der Zeit. Ihnen war das Vorgehen bekannt. „Der Staubsauger ist wieder da“, antwortet ein anderer.Immobilien:Das Millionen-Monopoly in der Münchner InnenstadtEine Top-Immobilie nach der anderen wird gerade von Münchner Investoren aufgekauft – zuletzt das Kaufhaus Ludwig Beck. Ein Überblick über die Objekte und die Köpfe dahinter.Dass das Geld in den historischen Altbau des ehemaligen Hermann-Tietz-Kaufhauses am Bahnhof fließen sollte, war offenbar nie ernsthaft in Erwägung gezogen worden, geht aus dem Bericht hervor, der keine gerichtliche Feststellung ist. Deshalb gelten für Benko und alle anderen die Unschuldsvermutung.Eng verknüpft mit der Staubsauger-Finanzierung ist allerdings ein noch heikler Verdacht der Ermittler rund um einen späteren 120-Millionen-Euro-Kredit der Raiffeisen Bank International. Die Bank soll den Altbau nur unter der Annahme finanziert haben, dass Galeria Karstadt Kaufhof dorthin als langfristiger Mieter zurückkehrt. Ein Zeuge sagt, ohne Mietvertrag wäre der Kredit nicht zustande gekommen. Galeria gehörte damals ebenfalls zum Reich René Benkos, die Filiale am Hauptbahnhof schloss allerdings im Sommer 2023.Signa-intern sei während der Verhandlungen mit der Raiffeisen Bank längst klar gewesen, dass Galeria nicht in das schöne Gebäude am Bahnhof zurückkehren würde. Vielmehr hätten die Manager geplant, den Altbau für Büros zu nutzen. Der Bank sei das aber „bewusst“ nicht so mitgeteilt worden, geht aus den Unterlagen hervor. Folgendes Zitat bestätigt aus Sicht der Behörde den Verdacht: „Zunächst RBI-Auszahlung abwarten, keine Kommunikation zu ‚kein Warenhaus', René ‚zu früh'.“ Das Geld von der Bank wollten sich die Signa-Leute also erst sichern und der Bank dann erzählen, dass es doch anders kommt. Hierauf begründet sich der Verdacht auf Kreditbetrug.Aber es geht in dem Bericht nicht nur um einzelne falsche Angaben gegenüber Investoren oder Banken. Er skizziert vielmehr ein mögliches System der Liquiditätsverschiebung.Der Stand der Dinge auf einem „Bierdeckel“Die Staubsauger-Methode wandten die Signa-Leute nach Darstellung der Münchner Ermittler jedenfalls auch bei einer anderen Zahlung an. Der saudi-arabische Staatsfonds PIF investierte 187 Millionen Euro in das Projekt „Franz“, ebenfalls am Münchner Bahnhofplatz. Das Geld sollte auch der Renovierung des Neubaus in der Schützenstraße zugutekommen. Doch auch hier das gleiche Muster: Kaum habe PIF im März 2022 die 187 Millionen Euro auf das Konto einer Signa-Tochterfirma überwiesen, hätten Signa-Manager noch am selben Tag knapp 181 Millionen Euro auf ein Konto der Muttergesellschaft SPS AG weitergeleitet. Die verbliebenen sechs Millionen hätten als „Barreserve“ gedient. Alles immer auf Geheiß von Benko, der in dem Bericht als zentraler Entscheider beschrieben wird.Seine Signa-Gruppe soll zu dem Zeitpunkt, also lange vor den tatsächlichen Insolvenzanmeldungen Ende 2023 schon in argen finanziellen Schwierigkeiten gesteckt haben. Pirolt hat Benko ausweislich der Unterlagen über „massive“ Finanznöte bereits Mitte Februar 2022 informiert. Benko habe daher regelmäßig „Liquiditätsübersichten“ eingefordert und auch erhalten. Auch dafür hatten sich die Immobilienjongleure eine Metapher ausgedacht. Seit Oktober 2021 wollte Benko über den finanziellen Stand der Dinge auf einem „Bierdeckel“ Bescheid wissen, also kurz und knapp. Was der Staubsauger einsammelte, sollte sich schwarz auf weiß auf dem Bierdeckel wiederfinden.