Vor dem Nato-Gipfel ringt Europa in Berlin um Einfluss, Formate und FührungWas wie ein weiteres diplomatisches Vorbereitungstreffen vor dem Nato-Gipfel wirkt, ist in Wahrheit ein Test europäischer Machtpolitik. In Berlin zeigt sich, dass das E5-Format mehr zustande bringt als gemeinsame Erklärungen.Armin Arbeiter, Berlin24.06.2026, 16.07 Uhr3 LeseminutenDas letzte E5-Format im Juni vergangenen Jahres fand im Beisein von Wolodimir Selenski statt.WPA Pool / Getty Images EuropeWenn sich am Mittwoch im Berliner Kanzleramt die Staats- und Regierungschefs Deutschlands, Frankreichs, Grossbritanniens, Italiens und Polens im sogenannten E5-Format treffen, geht es offiziell um eine weitere diplomatische Abstimmung vor dem Nato-Gipfel in Ankara. Vor allem aber wollen die Staaten auf Einladung des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz versuchen, ihre Interessen zu koordinieren und ein mögliches Format zu finden, in dem sie die europäische Sicherheitspolitik klarer gestalten können. Die Liste von Herausforderungen ist lang.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im deutschen Kanzleramt sollen drei der drängendsten besprochen werden: die Unterstützung der Ukraine, die Lastenverteilung im Bündnis und die Lage im Nahen Osten. Nato-Generalsekretär Mark Rutte wird per Video zugeschaltet. Dahinter steht eine grössere Frage: Wer organisiert Europas sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit, wenn die USA mehr Verantwortung abgeben?Angeblich bald FriedensverhandlungenIn kaum einem Thema ist diese Frage so drängend wie bei der Unterstützung der Ukraine. Und hier beginnen die Probleme bereits bei der Konstellation des Treffens. Bislang hatten sich vor allem Deutschland, Frankreich und Grossbritannien im E3-Format getroffen, um über etwaige Friedensverhandlungen im Ukraine-Krieg zu sprechen. Diese könnten laut Diplomatenkreisen bereits in wenigen Wochen beginnen.Doch noch ist fraglich, in welcher Form Europa am Tisch sitzen soll. Dass EU-Rats-Präsident António Costa einen Gesprächskanal nach Moskau ausloten wollte, sorgte jüngst für Unmut. Mehrere Staats- und Regierungschefs fühlten sich nicht ausreichend eingebunden. Der deutsche Kanzler Friedrich Merz mahnte, die Frage, wer für Europa spreche, werde erst entschieden, wenn es tatsächlich zu Gesprächen komme.Polen und Italien wollen dabei seinMit dem E5-Format wird es nicht zwingend leichter. Polen und Italien wollen nicht länger nur nachträglich eingebunden werden, wenn in Europa über Krieg, Wiederaufbau, Waffenlieferungen oder mögliche Verhandlungen gesprochen wird. Für Italien geht es um Rang und Sichtbarkeit: Rom will mehr Anerkennung als ernstzunehmende europäische Macht.Für Polen geht es um noch mehr: Warschau versteht sich seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine als Frontstaat, logistisches Drehkreuz der Ukraine-Hilfe und als Land, das die russische Bedrohung noch stärker spürt als Berlin, Paris oder Rom. Polens Ministerpräsident Donald Tusk kommt deshalb nicht nur als Partner nach Berlin, sondern auch als Mahner: Ohne Polen liesse sich keine glaubwürdige europäische Ukraine-Politik formulieren, so Tusk.Problematisch ist allerdings, dass Polen und die Ukraine ausgerechnet jetzt in einen gefährlichen Streit geraten sind. In Polen ist die Erinnerung an die Massaker von Wolhynien, bei denen ukrainische Nationalisten im Zweiten Weltkrieg Zehntausende Polen ermordeten, bis heute politisch hochsensitiv. In der Ukraine wiederum wird die nationalistische «Ukrainische Aufstandsarmee» (UPA), die die Massaker begangen hatte, von Teilen der Gesellschaft als Symbol des antistalinistischen Widerstands gesehen.Streit zwischen Polen und der UkraineDass Kiew eine Militäreinheit nach der UPA benannte, löste in Polen Empörung aus. Präsident Karol Nawrocki entzog Wolodimir Selenski daraufhin den Orden des Weissen Adlers. Tusk nannte die Eskalation einen strategischen Fehler, weil sie beiden Ländern schade. Der polnische Ministerpräsident ist proeuropäisch und russlandkritisch, aber er kann das Thema, das vielen Polen sauer aufstösst, nicht einfach wegmoderieren.Für den deutschen Kanzler Merz ist das Treffen auch ein Führungsversuch. Deutschland will in der europäischen Sicherheitspolitik nicht nur Zahlmeister sein, sondern Koordinator. Das ist leichter gesagt als getan. Frankreich pocht traditionell auf strategische Autonomie und dürfte in einem Jahr einen Präsidenten haben, der die Bestrebungen dorthin weiter vorantreibt. Grossbritannien, ein grosser Unterstützer der Ukraine, versinkt derzeit in innenpolitischen Turbulenzen, der Noch-Premierminister Keir Starmer nimmt dennoch am Treffen teil.Im Anschluss an das Treffen in Berlin wollte Nato-Generalsekretär Mark Rutte den amerikanischen Präsidenten Donald Trump in Washington treffen. Dieser hatte sich wieder einmal enttäuscht über die mangelnde europäische Unterstützung im Iran-Krieg gezeigt und verlangte, dass der Kontinent mehr für seine eigene Verteidigung tun müsse.Ob das Treffen in Berlin mehr gewesen ist als die Vorbereitung wohlmeinender gemeinsamer Erklärungen, wird sich am 7. Juli in Ankara zeigen. Dort wollen die E5 nicht mit fünf nationalen Stimmen auftreten, sondern möglichst mit einer europäischen Position.Passend zum Artikel
E5-Gipfel in Berlin: Wie soll Europa in Ankara auftreten?
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