Wer in Bad Homburg die Zukunft des deutschen Damentennis begutachten möchte, muss nicht mehr anreisen. Eva Lys ist in der ersten Runde ausgeschieden, und aus der Qualifikation hatte sich niemand ins Hauptfeld gespielt. Auch die 24 Jahre alte Hamburgerin gelangte nur über eine Wildcard ins Starterfeld. Das 500er WTA-Turnier im Kurpark ist so gut besetzt, mit Weltranglistenposition 75 hat man ohne Einladung keine Chance auf eine Teilnahme.Womit das Qualitäts-Dilemma im deutschen Damentennis schon adressiert ist. Nur Laura Siegemund (Nummer 38) steht derzeit besser als Lys in der Rangliste, und das im Alter von 38 Jahren. Trotz des 6:7 (6:8), 3:6 gegen die Amerikanerin Emma Navarro war zu erkennen, warum die in Kiew geborene Athletin ukrainischer Eltern kurz- bis mittelfristig die größte deutsche Hoffnung im Damentennis darstellt. Sie nimmt den Ball extrem früh und kann so auch Gegnerinnen aus den Top 30 unter Druck setzen.Verabschiedet sich: Eva Lys in Bad HomburgdpaGegen Navarro erspielte sie sich im ersten Durchgang drei Satzbälle, die 25-Jährige wird immerhin auf Rang 25 in der Weltrangliste geführt und gilt nach ihrer Viertelfinalteilnahme 2024 und ihrer Achtelfinalteilnahme 2025 in Wimbledon als Rasenspezialistin. „Wenn ich einen der Satzbälle verwerte, kann das Spiel in eine ganz andere Richtung laufen“, sagte Lys nach dem Match ziemlich aufgekratzt. „Ich versuche, in allen Matches das Positive zu sehen“, erwiderte sie, auf ihre überraschend gute Laune angesprochen. Den Platz hatte sie noch unter Tränen verlassen, ob der vergebenen Chancen auf den Satzgewinn und wegen ihrer steigenden Fehlerquote im zweiten Durchgang.Es war ihr Vater, der ihr telefonisch wieder den Mut zugesprochen hatte, den sie in der entscheidenden Phase des Tiebreaks in zu geringem Ausmaß mobilisieren konnte und der sie danach ganz verließ. „Das ist halt der Unterschied zwischen mir und den Topspielerinnen, mir fehlt die Selbstsicherheit“, sagt die Hamburgerin. Womit sie kein grundsätzliches Problem anspricht.Eva Lys ist eine eher extrovertierte Persönlichkeit, eloquent, intelligent, alles andere als ein von Zweifeln geplagtes Mauerblümchen. Aber nach einer langen Verletzungspause fehlt ihr noch die Matchpraxis und damit die Selbstgewissheit auf dem Court – besonders in den kritischen Momenten des Spiels.Eva Lys kann ihren Körper nicht so belasten, wie sie willIm Januar hatte sie sich bei den Australian Open in Melbourne einen Sehnenanriss im Knie zugezogen, die richtige Diagnose wurde aber erst mit Verspätung gestellt. Ihre Autoimmunkrankheit, die sie seit sechs Jahren plagt, verzögerte die Genesung zusätzlich. Lys kann ihren Körper nicht so belasten, wie sie mag, überschreitet sie ein gewisses Limit, setzen rheumatische Beschwerden ein. Sie möchte das Thema nicht zu hoch hängen. „Ich nehme die Krankheit als Teil meines Jobs. Es gibt bessere und schlechtere Tage, ich versuche, das Beste daraus zu machen.“ Nach der Verletzung habe sie die Krankheit jedoch noch ein bisschen stärker gebremst als sonst. „Ich habe so manche Einheit ausfallen lassen müssen, mein Körper war einfach nicht bereit, wieder hochzufahren.“Unter diesen Umständen war ihr Auftritt in Bad Homburg schon aller Ehren wert, ihre Schläge konnten kaum die Konstanz aufweisen, die nötig ist, um eine Spielerin der erweiterten Weltklasse wie Navarro zu bezwingen. Die große Frage ist, ob der Körper ihr jemals gestatten wird, über Monate oder gar Jahre die Form aufzubauen und neue Entwicklungsstufen zu erreichen. Eva Lys wirkt nicht frustriert, eher kämpferisch. „Wir versuchen die Krankheit so gut wie möglich unter Kontrolle zu halten, über Ernährung und andere Dinge.“Wie weit Eva Lys kommen kann, wenn sie über längere Zeit beschwerdefrei geblieben ist, zeigte sie bei zwei großen Turnieren. Bei den Australian Open im Januar 2025 wurde sie zur ersten Spielerin der Turniergeschichte, die als Lucky Loser das Achtelfinale erreichte. Neun Monate später zog sie beim Masters Turnier in Peking sogar ins Viertelfinale ein. In der Weltrangliste rückte sie wenig später bis auf Rang 39 vor.2026 sollte ihr großes Jahr werden – nun sind die Ambitionen nach dem Rückschlag erst einmal reduziert: langsam wieder aufbauen, in der Weltrangliste unter den besten 100 bleiben, damit sie nicht in jedem Turnier in die Qualifikation muss. Ob sie ihren Spitznamen „Lucky Lys“ mittlerweile als zynisch empfindet, der ihr in Melbourne verliehen worden war? „Ich habe mich gefreut, dass ich überhaupt einen bekommen habe.“ Generell habe sie jedoch mit dem Begriff „lucky“ ihre Schwierigkeiten. „Er wird der Tatsache nicht gerecht, wie viel harte Arbeit hinter Erfolgen steckt.“Seit 20 Jahren ist Tennis der Mittelpunkt ihres Lebens und der ihrer Eltern, die sie so oft begleiten, wie es irgend geht. Und so soll es noch einige Zeit bleiben. Rückschläge nimmt sie als Teil des Prozesses, sagt sie jedenfalls. Die Hoffnung auf den Durchbruch sei ungebrochen, der erste Schritt nach oben soll in Wimbledon erfolgen. Mag sie Rasen, oder ist das doch eher etwas für Kühe? „Ich habe mir eine Sache versprochen: dass ich jeden Abend ins Bett gehe und mir sage: Das wird eine gute Rasensaison. Fragen Sie mich gerne noch einmal nach meinem letzten Match in Wimbledon, dann werde ich meine wahre Meinung sagen, was ich von Rasen halte.“
Eva Lys nach Bad Homburg Open: Auf der Suche nach Tennis-Selbstsicherheit
Nach einer langen Verletzungspause fehlt Eva Lys die Matchpraxis. Auch mit ihrer Autoimmunkrankheit kämpft die Tennisspielerin. Aber die Hoffnung auf den Durchbruch gibt sie nach dem Erstrundenaus in Bad Homburg nicht auf.








