Die Welt kann einem Angst machen: Ständig muss man sich auf unbekannte, ja furchterregende Situationen einlassen. Das ist, für die allermeisten Menschen, nervenaufreibend und unangenehm. Um sich trotzdem zu überwinden, hilft nur Erfahrung und die Einsicht: Im Nachhinein ist oft alles halb so schlimm.Von einer solchen Erfahrung erzählt das dritte Buch der Reihe „Molly mittendrin“. Molly steht, man kann es nicht anders sagen, ein Zeltausflug mit der Klasse bevor. Eine Nacht im Wald, umgeben von wilden Tieren, ganz ohne Mama und Papa. Wem würde da nicht mulmig werden? Zu allem Überfluss werden die Kinder auch noch in Gruppen aufgeteilt. Was, wenn Molly in einer anderen Gruppe als ihre beste Freundin Lily landet? Allein ist? Deshalb sagt sie vorsichtshalber schon in der Schule einen Satz, den sie in unterschiedlichen Variationen noch ein paarmal wiederholen wird: „Es steht ja noch gar nicht fest, ob ich überhaupt mitkomme.“ Und stellt sich zu Hause lieber erst einmal krank.Sabine Lemire und Signe Kjær: „Molly mittendrin – Eine Nacht im Zelt“.Klett KinderbuchverlagDer Trick, so viel darf hier verraten werden, ist von den Eltern schnell durchschaut. Es hilft nichts: Um das Zelten kommt sie nicht herum. Das Schöne an Sabine Lemires Geschichte ist nun aber, dass es keine strengen Eltern sind, die Molly eine Fahrt aufzwingen, zu der sie wirklich nicht mitwill. Sondern Eltern, die die Gefühle ihrer Tochter ernst nehmen und ihr gleichzeitig, mit ein bisschen Humor, Mut machen. Eltern, die wissen, dass aus der Überwindung von Ängsten, aus Situationen, in denen man etwas Neues ausprobiert, auch Schönes erwachsen kann. Dass man glückbringende Erfahrungen manchmal überhaupt erst macht, wenn man über den eigenen Schatten springt. Wenn die Bedingungen stimmen: Mollys Eltern kümmern sich darum, dass Molly in eine Gruppe mit Lily kommt, und Lily sagt: „Ich helfe dir schon dabei, dich zu trauen.“Nicht nur die Eltern nehmen Molly und ihre Gefühle ernst – auch die Geschichte tut es. Dass auch Kindergefühle komplex sind, wird hier nicht ausgespart: In einer Szene sitzt Molly am Lagerfeuer und ist, obwohl sie unter Menschen ist, traurig. Nur scheint das erst einmal niemand zu bemerken, was – so kann man sich denken – das Ganze ja noch viel trauriger macht. Doch zum Glück gibt es Lily, die ihre Freundin dann doch gut kennt und die die Situation, ganz unpathetisch und liebevoll, wieder auflöst: „‚Komm‘, sagt Lily und streckt Molly ihre Hand hin. ‚Du darfst ganz innen liegen.‘“Eine Geschichte des ZusammenwachsensDie zahlreichen Gefühle, die in dieser Geschichte also vorkommen – Mollys Trotz gegenüber den Eltern und der Klassenfahrt, ihre Wut, ihre Traurigkeit, aber auch ihre Neugier und Freude –, werden von Signe Kjær wunderbar illustriert. Ihre Gesichtsausdrücke sind so lebendig, dass man an ihnen alles ablesen kann: die Freundschaft mit Lily, die Liebe ihrer Eltern, die Fürsorge für ihren kleinen Bruder Mingus.So wird hier eben nicht nur die Geschichte eines Zeltausflugs erzählt, mit Stockbrot, Insektenrennen, Gutenachtgeschichte und allem, was dazugehört – die natürlich auch. Sondern eine Geschichte davon, wie man sich gegenseitig stützt und füreinander da ist. Als es nachts im Zelt dann doch gruselig wird, gibt Lily Molly ihren Teddy. Und als später dann plötzlich Lily Angst bekommt, hat Molly schon genug Mut geschöpft, um die Rollen umzudrehen: „Molly muss jetzt die Mutige sein.“Als die Eltern Molly am Ende vom Bus abholen, ist sie ein kleines bisschen mutiger geworden. Und weniger allein. Denn so ein kleines Abenteuer schweißt zusammen: „Molly“, heißt es am Ende, „kommt es so vor, als würde sie die anderen aus ihrer Klasse jetzt besser kennen, weil sie gemeinsam etwas Spannendes erlebt haben. Sie weiß jetzt, dass Laura sich wie ein Igel zusammenrollen kann und dass Anton wie ein Fuchs jaulen kann.“ Aus dieser Perspektive sind sogar die wilden Tiere halb so wild.Sabine Lemire und Signe Kjær: „Molly mittendrin – Eine Nacht im Zelt“. Aus dem Dänischen von Maike Barth. Klett Kinderbuch Verlag, Leipzig 2026. 112 S., geb., 14,– €. Ab 6 J.
Das Kinderbuch "Molly mittendrin – Eine Nacht im Zelt"
In dem Kinderbuch „Molly mittendrin – Eine Nacht im Zelt“ geht es um einen Klassenausflug in den Wald. Vor allem aber darum, was man gewinnt, wenn man die eigenen Ängste überwindet.






