Wahrscheinlich wird „Trinkpause“ das Wort des Jahres. Immerhin markiert es die WM, in der die Fußballspiele geviertelt wurden. Aber man kann es auch gut verwenden, um einfach die nächste Runde Bier zu bestellen. Im Deutschen Theater Berlin, nicht weit von der Touristenmeile am S-Bahnhof Friedrichstraße, war die Stimmung ungewöhnlich aufgeräumt. Der Vorplatz war mit bunten Fähnchen geschmückt – als würde ein neues Geschäft eröffnet. Verkauft wurde allerdings nichts, selbst die Bude mit den Bratwürsten hatte bald wieder geschlossen.Zum Abschluss der Saison fanden die von der Dramaturgin Lilly Busch geleiteten „Autor*innenTheaterTage“ (ATT) statt, zu denen elf neue Stücke aus Zürich, Bern, Aachen, Luzern, Ingolstadt, München, Dresden, Köln, Bremen, Gießen und Graz eingeladen worden waren. Weil das große Haus wegen Sanierungen im technischen Bereich derzeit nur eingeschränkt nutzbar ist, gelangten eher schmalere Produktionen in die Auswahl, die in den Kammerspielen, in der Studiobühne Box und auf der Open-Air-Bühne im Hof nur einem dementsprechend kleineren Publikumskreis zugänglich waren.Der Wald bin ich!Mit der Langen Nacht endete das Festival, das zwei Autorinnen und einem Autor die Möglichkeit bot, ihre aktuellen Stücke zu präsentieren. Sie waren Teil des „Autor*innenateliers“, dem Förderprogramm für Neue Dramatik am Deutschen Theater. Auf der Hompepage heißt es dazu: „Atelier, das meint: eine gemeinsame Textwerkstatt als Schreibstube im Herzen des Hauses. Ziel dieser Ateliers ist Textarbeit mittels Bandenbildung. Je drei Hausautor*innen auf Zeit arbeiten dort in Verbindung zum Theater und zum Ensemble über eine Spielzeit hinweg an Stücken und Stoffen.“Was ist schließlich bei einem derart langen Vorlauf in Sachen Schreiben, Gruppendynamik, theatraler Feinabstimmung herausgekommen? Sagen wir es so: Länger erinnern wird man sich höchstens an „Böse Bäume“ von Marcus Peter Tesch, geboren 1989 in Deggendorf. Er stuft seinen Text als Partitur für eine Sprechoper im Stil der Konkreten Poesie ein, die sich erst durch den Zugriff von Regie und Ensemble entfaltet. Als Hauptfigur könnte man den deutschen Wald bezeichnen, den man natürlich vor lauter Bäumen nicht sieht, wenn man sich darin aufhält. Die Open-Air-Bühne des Deutschen Theaters ist schnell mit flachen Bäumchen gefüllt, zwischen denen sich Borkenkäfer, Habichte, Mäuse, Kröten, Insekten tummeln, eine Erle und Knollenblätterpilze wohlfühlen. Von hinten liefert aus einer Hütte Constantin John eine organische Soundkulisse aus Tier- und Pflanzen- und Nonsensgeräuschen, mit denen er die sechs Schauspieler auf seine Art begleitet. Sie schmatzen und schlürfen und quaken und girren und mümmeln und gurren, wie es sich der Autor für „die mitgedachte Artenvielfalt“ in Notationen wie der folgenden erträumt haben mag: „äh äh / äh / also ich dachte dass / äh / also dass / irgendwie / äh / ich / äh / auch / der wald bin“.Bernd Moss als durchgeknallter Sensenmann in „... und hinter der Nacht erscheint die Welt“, einem Stück der Schauspielerin und Autorin Gesa Geue, in Berlin in Szene gesetzt von Karsten Dahlem.Jasmin SchullerDie szenische Einrichtung von Wilke Weermann gibt den Forst-„Affen“ akustisch-absurden Regie-Zucker und zeigt Flora und Fauna in chaotisch menschenähnlichen Kalamitäten – eine tolle Leistung, standen für die Proben dieser Werkstattaufführungen doch nur wenige Tage zur Verfügung. Dass am Schluss von „Böse Bäume“ ein hungriges Reh die Giftpilze nicht erkennt und stirbt, ist eben der „Lauf der Natur“. Nicht, dass man davon noch nie gehört hätte, doch hier wird’s amüsant, immer wieder überraschend formuliert und kurzweilig-charmant inszeniert.Nicht ganz so komisch entwurzelt kam „Jo schmeißt hin“ von Simone Saftig daher. Die 1993 in Dortmund geborene Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Kulturjournalistin hat eine Vorliebe für Daily Soaps und verspürte nach Jahren des Konsums der Serie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ das Bedürfnis, ein Theaterstück über Seifenopern zu schreiben. Schon klettert der legendäre Serienbösewicht Jo auf die Bühne und möchte nach Jahrzehnten in der TV-Vorabendunterhaltung das Fach wechseln und sich mit anderen Figuren messen, wie Vito Corleone („Der Pate“), Vincent Vega („Pulp Fiction“), Mephisto („Faust“), Richard III. oder Lady Macbeth.Kaffeestündchen beim SensenmannWährend die in der Champions League daheim sind, wäre er höchstens Kreisliga. Das passt ihm nicht. Aber der dreiköpfige „Chor der Glotzer“ auf dem heimischen Sofa verlangt energisch, dass er in ihrer Lieblingsserie bleibt, damit sie ihr Leben leichter ertragen können. Jonas Hien, erfahren im Comedy-Genre, lässt die abgebrühte Fernsehnase Jo mit dem Drang zum Höheren überzeugend zwischen U- und E-Kultur zappeln, die eine wie die andere rotznäsig veralbernd und keinen billigen Lacher vermeidend. In der Regie von Theresa Thomasberger ist das ein netter Spaß und ein laxer Unfug von der Autorenförderküchenrolle: Witz und weg.So rund wie diese Einweg-Haushaltshilfe kreiste auch die Drehbühne in „ … und hinter der Nacht erscheint die Welt“ von Gesa Geue in den Kammerspielen des Deutschen Theaters herum, beladen mit ein paar lose verteilten Objekten, einem Bett, einem Schlagzeug, einer blauen Schrankwand, einem Fahrrad. Im Zentrum des Textes steht Fredi, weiblich und fünfzehn Jahre alt, deren geliebte Großmutter gerade gestorben ist. Um sie zu treffen, verursacht Fredi einen Unfall, stirbt und ist postwendend bei Oma im Jenseits. Dort geht es drunter und drüber, Meerjungfrauen tauchen auf, eine Muschel sagt „Mupf mupf mupf“, Mozart trommelt, der Tod lädt zu Blutsaft und Marmorkuchen in seinem Wohnzimmer. Karsten Dahlem inszeniert die Märchentraumabewältigung mit Hingabe und Zugabe (Video, Musik) und einem herrlich durchgeknallten Bernd Moss als multifunktionalem Sensenmann.Dann ist schon wieder alles vorbei. Kaum zu glauben, dass hinter diesen inhaltlich wie formal unverbindlichen, heiter-belanglosen Stückchen ein Jahr Arbeit liegen soll, mit intensivem Austausch zwischen den Autoren untereinander sowie der Dramaturgie und anderen klugen Köpfen des Deutschen Theaters. Trinkpause? Nein, bitte lieber eine Denkpause!