Auf der Talfahrt der Welt klammert sich die Schauspielkunst an StrohhalmeDas Berliner Theatertreffen ärgerte dieses Jahr mit fürchterlichen Abstürzen. Dafür punktete es mit schauspielerischen Glanzleistungen. Und zum Schluss hatte es eine Überraschung parat.20.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie «Wallenstein»-Inszenierung der Münchner Kammerspiele trieb während fünf Stunden hin und her zwischen alten und aktuellen Schlachten.Fabian Schellhorn«Bemerkenswert» ist ein schwammiges Wort. Man kann es als Lob verstehen für etwas, das nicht unbedingt das Nonplusultra, aber auch nicht wirklich schlecht ist. Es klingt wie eine Ausrede, man will dem zu Beurteilenden nicht weh tun, ihn aber auch nicht über Gebühr in den Himmel heben. Es ist ein Sowohl-als-auch.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auf dieses Wort hat sich das Berliner Theatertreffen schon vor Jahrzehnten festgelegt. Die Juroren, allesamt Kritiker, wählen nicht etwa die «besten» zehn Inszenierungen einer Spielzeit aus, sondern eben nur die, die sie für «bemerkenswert» halten. Damit sind sie einerseits fein raus – sie müssen nicht zu einem persönlichen Urteil stehen. Andererseits erscheinen sie so nicht als arrogante Besserwisser, sondern geben sich als ganz normale Zuschauer, die mehr ins Theater gehen als andere, aber eben auch nur Konsumenten sind mit keinesfalls überdurchschnittlichem Urteilsvermögen. Von Hybris also keine Spur, kein göttliches Verdikt. Alles nur ein Vorschlag.Schauspielerische GlanzleistungenUnd so war das, was man jetzt über zwei Wochen beim 30. Theatertreffen in der deutschen Hauptstadt sah, mit Sicherheit nicht das beste Theater, das momentan auf deutschsprachigen Bühnen präsentiert wird. Und auch wenn bei der traditionellen Schlussdiskussion der sieben Kritiker einer von ihnen behauptete, das Theater stehe derzeit «sehr, sehr gut» da, rieb man sich bisweilen die Augen über die diesjährige Auswahl: ein durchwachsener Jahrgang mit fürchterlichen Abstürzen (plump und belanglos: «Three Times Left is Right» von den Wiener Festwochen), aber doch auch mit schauspielerischen Glanzleistungen.Ein fürchterlicher Absturz: «Three Times Left is Right» von den Wiener Festwochen.Fabian SchellhornWeit über tausend Inszenierungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz waren «gesichtet» worden, in der Provinz ebenso wie in den grossen Städten. Zehn lud man letztlich ein. Ein Sieger wird beim Theatertreffen nicht erkoren. Dabeisein ist der ganze Lohn. Es gibt auch keinen roten Faden, es geht allein um die gegenwärtige Verfassung der Bühnenkunst.Das erklärt, weshalb die Aufführungen unterschiedlicher kaum sein könnten. In diesem Jahr allerdings kann ganz allgemein von einer Moll-Stimmung gesprochen werden. Der Weltlage mag das geschuldet sein, der Komödiant hat längst ausgelacht, auf den Bühnen herrscht der Zweifel vor – und die Angst vor Krieg und politischen Fanatikern. Diese kann sich in alten Stoffen ausdrücken, in denen man erschreckende Parallelen zur Gegenwart sieht.«Mephisto» (von den Münchner Kammerspielen) erinnerte an heutige Wendehälse und laue Anpasser; «Il Gattopardo» (aus Zürich) zeigte eine selbstsichere Welt im Untergang; «Der Hauptmann von Köpenick» (Theater Cottbus) machte sich über das Wesen und die Gegenwart des Soldatischen gallig lustig; «Fräulein Else» (Volkstheater Wien) griff aus der Vergangenheit in die heutige #MeToo-Debatte ein; «Wallenstein» (Münchner Kammerspiele) trieb fünf Stunden lang von alten zu aktuellen Schlachten und zurück.«Il Gattopardo»: Das Ensemble der Zürcher Inszenierung.Fabian Schellhorn«Der Hauptmann von Köpenick» vom Theater Cottbus machte sich über das Wesen des Soldatischen lustig.Fabian SchellhornDas waren, so meinte ein Juror, allesamt Versuche, mit Stoffen aus vergangenen widrigen Zeiten «die Gegenwart auszumessen». Endspiele allüberall, Zäsuren, ein grosser Pessimismus, ein düsteres Tableau, bei dem man die Hoffnung auf Veränderung, gar Verbesserung vergeblich suchte. Die Schauspielkunst aber reagiert auf unsere Talfahrt mit fast zärtlicher Verzweiflung. Sie hat Mitleid mit den Leidenden, zeigt Empathie mit den Alleingelassenen, klammert sich an Strohhalme. Und doch bleibt hier in Erinnerung, dass in den Stücken so oft geschwiegen wurde, dass die Worte fehlten, das Verstummen wirkte wie ein Schrei.Schmierige Männlichkeit, verlogene MoralWenn der alte Fürst in der epischen Zürcher Inszenierung von Lampedusas «Leopard» am Ende in seinem Sessel sanft entschläft, dann kündigt sich keine Ruhe an, vielmehr ist das der Auftakt zu einer neuen Zeit der Gewalt und Unsicherheit, des Verlusts und der Erinnerung an ein Leben, das es so nicht mehr geben wird. Überhaupt bleiben von dieser 30. Auflage des Theatertreffens weniger die Inszenierungen selber im Kopf hängen als grossartige Schauspielerinnen und Schauspieler, für die allein es sich schon lohnte, den Bühnenmarathon durchzustehen.Markus Scheumann als ebendieser sizilianische Fürst verbreitete mit seinem langen Monolog grossbürgerliche Melancholie, die keinen Moment in Kitsch abrutschte. Julia Riedler als «Fräulein Else» spielte in ihrem 90-minütigen Solo mit dem Publikum und mit der bedrohten Ehre ihrer Figur: die grandiose Studie einer Frau, die sich gegen schmierige Männlichkeit und verlogene Moral wehrt. Thomas Schmauser gab einen «Mephisto», der sich windelweich gegen die eigenen Skrupel wehrt und am Ende wie ein Haufen Elend vor seiner Wankelmütigkeit kapituliert.Julia Riedler glänzte in ihrem 90-minütigen Solo als «Fräulein Else».Fabian SchellhornFünf Stunden hockte Guido Lambrecht in der Sebastian-Hartmann-Inszenierung von Michel Houellebecqs «Serotonin» (Hans-Otto-Theater Potsdam) völlig allein in einem weissen Raum und liess sein verpfuschtes Leben wie einen sehr schlechten Film ablaufen, gnadenlos ehrlich zu sich selber. Oder Paulina Alpen (sie erhielt auch den diesjährigen Alfred-Kerr-Preis) in der Adaption des Thomas-Melle-Romans «Die Welt im Rücken»: Erschreckend eindringlich spielte sie diese psychisch schwer lädierte Person, die sich in ihren Depressionen verfängt, den Boden unter den Füssen und den Halt verliert in der Wirklichkeit, die sich feindlich zeigt.Exzellente, bisweilen fast übermenschliche Solo-Studien, die auch noch etwas anderes zeigten: Wenn das Theater nur will (und die Leute dazu hat), dann kann es auch wieder erzählen. Es kann Geschichten, persönliche und solche der ganzen verunsicherten Menschheit, lang und breit zelebrieren. Es braucht die Effekte nicht, nur die Texte und die Stimmen, die Pausen zum Nachdenken, die Kunst der ganz unspektakulären Verwandlung herausragender Schauspieler in Menschen, denen auf Erden nicht mehr zu helfen ist. Sie heben nicht ab, sie belehren nicht, schwadronieren nicht von besseren Epochen oder greinen über ihr Leid: Sie zeigen sich nackt, verletzlich, hilfesuchend. Sie haben eben diese Geschichten, die auch unsere sein könnten.Grosse ÜberraschungEs gab dann dieser Tage in Berlin ganz nebenbei doch noch eine handfeste, freilich rein organisatorische Überraschung: Das Theatertreffen schafft die Frauenquote wieder ab. Seit 2020 musste mindestens die Hälfte der eingeladenen Inszenierungen von Frauen oder überwiegend weiblichen Kollektiven stammen. «Es wird im nächsten Jahr wieder uneingeschränkt um das künstlerisch Bemerkenswerte gehen, egal von wem», so begründete ein Jurymitglied die Entscheidung. Dabei will man freilich «genauer hinschauen, was aus Sicht der Kritik im Betrieb für wen gut oder schlecht läuft». – Nun, das ist jetzt wirklich einmal bemerkenswert.Passend zum Artikel