Nie kam ein Land auf wunderlichere Weise zu einer WM als Nordkorea 1966. Weil die FIFA für Afrika, Asien und Ozeanien, drei Viertel der Weltbevölkerung, nur einen von 16 Startplätzen vorsieht, verzichten aus Protest damals nahezu alle Länder dieser Kontinente auf die Teilnahme an der Qualifikation – außer Nordkorea und Australien. So reichen den Koreanern ein 6:1 und ein 3:1 gegen die Australier, deren einzige Tore der aus Bückeburg stammende Les Scheinflug schießt. Schon sind sie WM-Teilnehmer.Und werden unerwartet zu Publikumslieblingen. Von Spiel zu Spiel ausgelassener feiern die Fans in Middlesbrough die Fußballzwerge aus dem Fernen Osten, Durchschnittslänge 1,65 Meter, als wäre es ihr eigenes Team. Zufällig tragen die Asiaten dieselbe rot-weiße Farbkombi wie der örtliche Profiklub. Selbstgemalte Nordkorea-Flaggen werden geschwenkt, obwohl offiziell verboten. Das Vereinte Königreich erkennt das Reich des Kim Il Sung nicht an. Weil auch Nordkoreas Hymne nicht erklingen darf, haben die WM-Organisatoren gleich alle aus dem Programm gestrichen und durch „neutrale Märsche“ ersetzt. Bis zum Finale jedenfalls.„Schnell rennen und genau treten“Staatschef Kim gab seinen Kickern vor Abreise aus Pjöngjang die Empfehlung mit, „ein oder zwei Spiele zu gewinnen“. Wie, verriet er auch: „Schnell rennen und den Ball genau treten.“ Pak Do Ik, der Zahnarzt war, bis er mit dem Nationalteam für ein Jahr zur Vorbereitung kaserniert wurde, hat sich diesen Rat offenbar fürs letzte Vorrundenspiel aufgespart – in dem sie einen Sieg brauchen, um nicht auszuscheiden.Favorit Italien, dem ein Remis reicht, ist von Beginn an überlegen, scheitert aber immer wieder an dem wie ein Flummi springenden 1,70-Meter-Torwart Lee Chang Myung. Kurz vor der Pause kommt Paks historischer Moment. Ein aus dem Mittelkreis nach vorn geköpfter Ball segelt in seinen Laufweg, tickt dreimal auf, wird von zwei Verteidigern falsch berechnet und der stürmende Zahnarzt, der, wie von oben befohlen, schnell gerannt ist, setzt nun auch den zweiten Auftrag seines „Großen Führers“ um. Genau tritt er den Ball – flach ins lange Eck.„Was für eine Sensation“, ruft der BBC-Kommentator, dabei steht erst eine Stunde später fest, dass es das Siegtor war. Und eine der größten Sensationen der WM-Geschichte. Die Sieger werden nach ihrer Heimkehr als Helden gefeiert, bis sie urplötzlich von der Bildfläche verschwinden. Mancher vermutet sie im Straflager, weil sie nicht auch noch das Viertelfinale gegen Portugal gewannen (nach 3:0-Führung gab es eine 3:5-Niederlage). Das erweist sich als Phantasterei.Die Verlierer wiederum sehen sich ganz real bei ihrer Landung in Rom mit etlichen Zutaten der italienischen Küche versorgt, wenngleich oft erst nach Ablauf der Mindesthaltbarkeit: „Tomaten, Eier, alles Mögliche“, erzählt Regisseur Sandro Mazzola. Und Vittorio Pozzo, der alte Weltmeistertrainer, ordnet wehklagend die Blamage weltgeschichtlich ein: „Der Zerfall des römischen Reichs war nichts gegen den Untergang der Nationalelf.“Doch wie immer schreibt der Fußball seine eigene Geschichte. Binnen vier Jahren wird Italien Europameister und WM-Zweiter. Nordkorea qualifiziert sich nur noch 2010 für eine WM (null Punkte, 1:12 Tore), wird dann aber, dokumentiert durch ein exklusives Youtube-Video aus einer fernen Parallelwelt des unerschöpflichen Netzes: Weltmeister 2014! Welche Verschwörung war hier am Werk? War Mario Götze nur eine Halluzination?
Fußball-WM 2026: Die Geschichte von Nordkorea und Italien 1966
Nordkoreas stürmender Zahnarzt folgt bei der WM 1966 dem Rat seines „Großen Führers“ – und beschert Italiens Spielern gratis Tomaten und Eier.









