Verrückter geht’s nicht, dachte man immer beim Anblick eines Can-Am Spyder. Geht aber doch. Mit dem Can-Am Canyon liefert der Hersteller BRP den Beweis. Es ist der jüngste Zugang zur Dreiradflotte des Unternehmens aus Quebec, das seine Existenz dem Schneefall verdankt, den weiten Landschaften in den Provinzen Kanadas sowie dem Schraubertalent und Einfallsreichtum eines Jungen, der im Alter von 13 Jahren begann, sich als Erfinder zu betätigen.Joseph-Armand Bombardier wird 1907 in Valcourt geboren, am 16. April, um genau zu sein, und es ahnt an diesem Tag noch niemand, wie er dieses Valcourt, eine Kleinstadt hinter den Wäldern, verändern sollte. Ein Geflecht an Fabrikgebäuden, Entwicklungs- und Designzentren mit einigen Tausend Arbeitsplätzen prägt den Ort heute. Eine Spielzeuglokomotive mit einem Uhrwerk als Antrieb, erstaunlich professionell, ist anno 1920 das erste Projekt des Dreizehnjährigen. Er lässt Traktoren und Boote folgen, auch andere Kinder möchten so etwas Hübsches haben. Für die Beschaffung der benötigten Uhrwerke beim Dorfjuwelier verwendet er Einnahmen, die er sich in der Kirchengemeinde verdient. Unternehmergeist ist von Anfang an vorhanden.Hat der Junge einen Knall?Mithilfe einer selbst gebauten Dampfmaschine bringt der junge Bombardier das Spinnrad seiner Tante Marie auf Hochtouren. Er gewöhnt sich an, den Motor von Vaters Automobil zu zerlegen und wieder zusammenzusetzen. Damit das aufhört, stellt ihm Vater Alfred zum Herumbasteln den als irreparabel geltenden Motor eines Ford T-Model zur Verfügung, den Joseph-Armand wieder zum Laufen bringt. Dem örtlichen Tierarzt schwatzt er eine defekte Flinte ab, aus der er eine Miniaturkanone auf Rädern bastelt. Verkürzter Lauf, neues Zündsystem, Schwarzpulver rein: Nach einer Woche des Werkelns böllert die Kanone. Der Tierarzt ist Zeuge und der Überlieferung zufolge „verblüfft“. Hat der Junge einen Knall?Luxus für die Langstrecke: Der Can-Am Spyder RT als Reisemobil auf drei RädernBRPUngeachtet solcher Talente schickt Vater Bombardier seinen Sohn im Alter von 14 Jahren auf die Schule von Sherbrooke, in der Hoffnung, sein Ältester werde Priester. Doch nutzt Joseph-Armand die Weihnachtsferien, um daheim gemeinsam mit seinem Bruder Léopold einen motorisierten Schlitten zu bauen, den sie am Silvestertag vorführen: vorn Léopold, der mit Seilzügen die vorderen Kufen bewegt und lenkt, dahinter Joseph-Armand, der den alten Ford-Motor bedient, den sie aufs Heck montiert haben. Es funktioniert, der Schlitten bewegt sich über die Schneedecke.Das Haarsträubende an der Sache: Den Schub erzeugt ein frei rotierender Propeller. Alfred Bombardier verdonnert seinen Sohn dazu, den gefährlichen Apparat unverzüglich auseinanderzunehmen, was auch geschieht. Doch ist wohl spätestens seit diesem Silvestertag klar, in welche Richtung sich das alles entwickelt. Aus Joseph-Armand wird kein Priester werden. Der Motorschlitten ist erfunden. Womit wir uns in diesem Text nun allmählich in Richtung des dreirädrigen Can-Am Canyon bewegen, dieses ebenfalls verwegenen Fahrzeugs, das nach Marsmobil aussieht oder nach Mad-Max-Maschine, abhängig von der Perspektive, von der aus man es betrachtet.Es beginnt mit der StraßenräumungAber erst noch mal zurück in die Zwanziger. Der Vater hat ein Einsehen, sein Sohn darf 1924 im Alter von 17 Jahren das College verlassen. Er heuert in einer Werkstatt an, wird Mechaniker, vertieft sich in Elektrotechnik. 1926 leiht ihm der alte Herr Geld für die Eröffnung einer eigenen Werkstatt. Er repariert, was ihm in die Hände gerät, kann drei Jahre später das Darlehen zurückzahlen. Was ihm jedoch keine Ruhe lässt, ist die Entwicklung eines Gefährts, das sich vom reichlich vorhandenen Schnee nicht aufhalten lässt. Noch ist in entlegenen Gegenden Kanadas Straßenräumung nicht üblich. Im Winter 34 stirbt sein zweijähriger Sohn an Bauchfellentzündung, weil es nicht gelingt, ihn rechtzeitig ins Krankenhaus zu bringen. Zehn Jahre lang experimentiert er herum, tüftelt in Wochenend- und Nachtschichten, testet Prototypen, braucht Ersparnisse auf.Schneeketten für Kanada: Auto mit Raupenantrieb in den frühen Jahren, vorn entweder mit Rädern oder mit Kufen.BRPEin Raupenantrieb schließlich bringt den Durchbruch, ein erstes Patent, dem viele weitere folgen sollten. Bald heißt das Unternehmen L’Auto-Neige Bombardier. Es baut Fahrzeuge im Kleinwagenformat, die aus heutiger Sicht ein bisschen ulkig wirken: Kufen vorn, Raupenantrieb hinten. Das Schneemobil beginnt, Karriere zu machen, in unterschiedlichster Form für Personenbeförderung oder Materialtransport, für Rettungswesen, Militär, Elektrizitätswerke, Telefongesellschaften. Es ist der Ursprung des später vor allem für Luftfahrt- und Bahntechnik weltweit bekannten Bombardier-Konzerns.Ende 1959 kam das Ski-Doo auf den Markt. So sah 1970 das Modell Olympique aus.BRPDas Geschäftsmodell gerät in Gefahr, als die Regierung das Schneeräumen forciert, man muss sich etwas einfallen lassen in Valcourt. Geländegängige Fahrzeuge sind eine Antwort, ein Raupensystem als Zubehör für Traktoren für den Einsatz auf weichem Boden eine weitere. Ende 1959 schließlich kommt das Ski-Doo auf den Markt, das als motorisierter Nachfolger des Hundeschlittens eigentlich Ski-Dog heißen soll. Ein Druckfehler beim Markeneintrag (manchen Quellen zufolge beim Herstellen einer Broschüre) macht aus dem Ski-Dog ein Ski-Doo. Anstatt den Fehler zu korrigieren, spart man sich die Kosten und belässt es bei Ski-Doo, zumal das auch viel interessanter klingt.Die Marke Can-Am wird gegründetWohl einer der besten Druckfehler aller Zeiten. Das Ski-Doo, diese verkleinerte Fassung eines Schneemobils, ist kein reines Nutzfahrzeug mehr, es öffnet den Markt für Freizeit und Sport. Nach zähem Beginn wird es zum Renner, verkauft sich millionenfach, was Joseph-Armand Bombardier allerdings nicht mehr erlebt. Er stirbt 1964 im Alter von 56 Jahren. Dem Ski-Doo folgt 1968 das Sea-Doo, ähnlicher Name, vergleichbarer Erfolg, bloß auf dem Wasser. 1972 wird die Marke Can-Am für Geländemotorräder eingeführt, ein weiteres Beispiel unkomplizierter Namensfindung: Weil das Team aus Kanadiern und Amerikanern besteht, einigt man sich auf Can-Am. Unter diesem Markennamen rollt 2007 auch das erste Dreiradfahrzeug – zwei vorn, eins hinten – auf die Straße.Zu diesem Zeitpunkt sind alle Geschäftsbereiche, die vorwiegend mit Freizeitprodukten zu tun haben, schon aus dem Bombardier-Konzern herausgetrennt und in der Neugründung BRP, Bombardier Recreational Products, zusammengefasst. Die ist seit 2018 im Nasdaq-Aktienindex gelistet, hat heute rund 17.000 Beschäftigte, 13 Produktionsstätten in sieben Ländern, acht Design-, Forschungs- und Entwicklungszentren sowie mehr als 2600 über den Globus verteilte Händler. Mehr als die Hälfte des Umsatzes steuern ATVs und sonstige Geländefahrzeuge bei, die sowohl für Freizeitaktivitäten als auch in der Land- und Forstwirtschaft, in Streitkräften oder Feuerwehren verwendet werden. Mit einigem Abstand folgen Motorschlitten der Marken Ski-Doo und Lynx sowie die Sea-Doo-Jetboote.Wenn es losgeht, sind wir bereitFür all die Produktreihen werden derzeit elektrisch angetriebene Modelle entwickelt. Dafür gibt es eine modular aufgebaute Plattform, deren zentraler Baustein, eine Motor-Inverter-Einheit, vom österreichischen Motorenhersteller Rotax, einer BRP-Tochter, zugeliefert wird. Ein elektrisches Ski-Doo in Serienfertigung gibt es seit 2024, ein ATV seit 2026, elektrische Dreiräder existieren als Prototypen. Keineswegs zufriedenstellend verläuft bisher das Geschäft mit den 2025 eingeführten Elektromotorrädern, wie im Gespräch mit den Verantwortlichen herauszuhören ist. Da hatte man große Pläne und Erwartungen, wollte rasch Weltmarktführer werden, doch selbst drastische Preisreduzierungen vorigen Herbst brachten die Sache noch nicht richtig in Schwung. Es fehlt die Nachfrage. „Wenn es losgeht, sind wir bereit“, übt sich Denis Le Vot, der Vorstandsvorsitzende, in Geduld. „Wir haben die Technologie, wir haben investiert und uns in eine gute Ausgangslage gebracht.“Raumschiff: Can-Am Spyder RT mit voluminösen Gepäckfächern vorn und hinten, nicht unter 34.000 Euro zu habenBRPIm Fall der Dreiräder ist die Ausgangslage eine andere, hier ist BRP praktisch konkurrenzlos. Es gibt schon rund 300.000 Besitzer eines Can-Am-Dreirads und eine aktive Gemeinschaft, die an Harley-Fans erinnert. Am vorigen Wochenende zeigte sich das abermals beim alljährlichen Markentreffen am Großglockner. Den Einstieg markieren die leichten, Ryker genannten Modelle für 11.000 Euro aufwärts. Mindestens 26.000 Euro werden für einen der Cruiser namens Spyder F3 fällig und gut 34.000 für einen Luxustourer der Sorte Spyder RT.Wie Motorradfahren, nur ganz anders: Can-Am Canyon für Straße, Schotter oder was auch immerBRPMit dem Can-Am Canyon für 28.000 Euro aufwärts präsentiert BRP etwas noch nie Dagewesenes, ein dreirädriges Langstreckenfahrzeug im robusten Offroad-Look, angetrieben vom 115 PS leistenden Rotax-Dreizylindermotor. Querbeet mit langen Federwegen, üppiger Bodenfreiheit, Fußrasten und Lenkererhöhung fürs Stehendfahren, Handprotektoren, Antriebsriemenschutz, stärker profilierten Reifen und diversen Assistenzsystemen – dem jungen Joseph-Armand hätte das vermutlich gefallen. Auch wenn es nicht böllert und keinen Propeller hat.