Kaum ein Studienfach ist so von Konkurrenzklischees umgeben wie Jura. Besonders ehrgeizige Studenten sollen in rechtswissenschaftlichen Bibliotheken schon Seiten aus Standardwerken gerissen oder ganze Bücher verschwinden lassen haben, damit sie kein Kommilitone in die Finger bekommt. Daneben kursieren Berichte von gestohlenen Karteikarten oder von unbeaufsichtigten Laptops, von denen wichtige Lernunterlagen gelöscht wurden. Garniert werden die Erzählungen schließlich mit Sätzen von Dozenten, die den Konkurrenzkampf anheizen, anstatt ihn zu lindern. Nach dem Motto: „Schauen Sie sich Ihre Nachbarn links und rechts an. Nur einer von Ihnen dreien wird am Ende erfolgreich sein.“Durch das Schockpotential dürften solche Geschichten im öffentlichen Diskurs präsenter sein als im tatsächlichen Studienalltag. Das sagt Carla Marondel, Vorständin des Bundesverbands rechtswissenschaftlicher Fachschaften. Ganz aus der Luft gegriffen ist das Thema dennoch nicht.In einer repräsentativen Studie des Verbands aus dem Jahr 2021 gab mehr als die Hälfte der Jurastudenten an, sich von Kommilitonen unter Druck gesetzt zu fühlen. Ebenfalls mehr als die Hälfte sagte, sich nicht über gute Noten anderer freuen zu können. „Unserer Einschätzung nach ist das Konkurrenzdenken unter Jurastudierenden im Vergleich zu anderen Studiengängen durchaus erhöht“, sagt Marondel.Dabei ist Konkurrenzdenken kein reines Juraphänomen. Auch in anderen Fächern entsteht es dort, wo viele Studenten auf wenige begehrte Karrierewege treffen, sagt Stefan Watzke, leitender Psychologe und Psychotherapeut der Universitätsmedizin Halle. „In Psychologie etwa starten die Studenten in größerer Zahl im Bachelor, während die attraktiven Abschlüsse des Psychotherapeuten durch viel weniger Masterplätze gesichert sind.“ Ähnliche Mechanismen finden sich in anderen Fächern mit knappen Zugängen oder stark selektiven Anschlussperspektiven, etwa in der Medizin; auch in großen Fächern wie der Betriebswirtschaftslehre prägen Noten, Praktika und der Druck, möglichst früh die Weichen für die Karriere stellen zu müssen, das Konkurrenzdenken.Aus Lerngemeinschaft wird KonkurrenzgemeinschaftIm Jurastudium zeigt sich das laut Marondel in besonderer Schärfe. „Jurastudierende sind oftmals sehr ambitioniert, streben nach guten Leistungen und setzen hohe Maßstäbe an sich selbst“, sagt sie. „Das führt dazu, dass der Blick nach links und rechts stark ausgeprägt ist.“ Das bedeute nicht, dass Jurastudenten per se unkollegialer seien. Vielmehr begünstige die Struktur des Studiums dieses Umfeld.Thomas Rigotti, Arbeits- und Organisationspsychologe am Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz, bestätigt das. „Viele Jahre des Studiums laufen auf wenige, hoch folgenreiche Leistungsnachweise hinaus“, sagt er. Dadurch werde das Studium stärker als Rangordnung erlebt. Psychologisch stehe nicht nur ein Prüfungsergebnis auf dem Spiel, sondern zugleich Selbstwert, berufliche Zukunft und die Position innerhalb der Gruppe. Das könne Leistungsdruck, Versagensängste und strategisches Verhalten verstärken, etwa das Zurückhalten von Informationen.„Aus einer Lerngemeinschaft kann so schrittweise eine Konkurrenzgemeinschaft werden“, sagt Rigotti. Ein Warnsignal sei, wenn Studenten nicht mehr fragen: „Was kann ich von den anderen lernen?“, sondern vor allem: „Wie verhindere ich, dass die anderen einen Vorteil haben?“Der Psychologe Stefan Watzke führt die Theorie des sozialen Vergleichs als Erklärung dafür an. „Menschen suchen sich instinktiv Referenzpersonen in ähnlichen Lebenssituationen, um die eigenen Leistungen einzuordnen“, sagt er. Das sei bei Menschen in jeglicher Lebensphase üblich. Im Studium verschärfe sich dieser Mechanismus, wenn Bewertungen stark relativ erfolgten. Die individuelle Leistung werde gezwungenermaßen immer in Relation zu anderen gesehen. Als zweiten wesentlichen Punkt nennt er die knappen karrieretechnischen Möglichkeiten, die eng an die Noten gekoppelt sind: „Da ist ein hoher Selektionsdruck.“Konkurrenz ist nicht per se schlechtHinzu kommen nach Einschätzung von Carla Marondel schwer nachvollziehbare Bewertungsmaßstäbe und begrenztes individuelles Feedback. „Viele erleben das erste Staatsexamen als eine ‚Alles oder nichts‘-Situation“, sagt sie. „Wer ständig das Gefühl hat, an einer intransparenten und vor allem notenfixierten Prüfung gemessen zu werden, entwickelt eher eine defensive Haltung.“Doch es gibt Unterschiede. An kleineren Fakultäten etwa entstünden tendenziell häufiger engere Netzwerke und persönliche Beziehungen, sagt Carla Marondel, während an großen oder renommierten Fakultäten der einzelne Student leichter in der Menge untergehe und der Druck oft stärker wahrgenommen werde.Konkurrenz ist dabei nicht per se schlecht. Sie kann motivieren und Leistung anspornen. „Konkurrenz belebt das Geschäft, das stimmt ja durchaus“, sagt Psychologe Watzke. Problematisch werde sie erst, wenn aus Wettbewerb ein Verdrängungskampf wird. „Produktiv kann Konkurrenz sein, wenn die Regeln fair und transparent sind, die Anforderungen als bewältigbar erlebt werden und der Wettbewerb zeitlich oder sachlich begrenzt bleibt“, sagt auch Thomas Rigotti.Dass die Folgen über bloßes Unbehagen hinausgehen können, zeigt die Forschung. Thomas Rigotti hat in seiner Forschungsarbeit zu Studenten herausgefunden, dass Leistungsdruck, hohe Arbeitsbelastung und das Gefühl permanenter Bewertung emotionale Erschöpfung verursachen. Im Kern treibe dabei das Konkurrenzdenken die Probleme an: „Studierende lernen stärker für Noten, Prüfungen und Rangplätze, weniger aus Interesse oder mit dem Ziel, sich nachhaltig Wissen anzueignen“, sagt er. Fehler würden in diesem Klima „nicht mehr als Lernchance erlebt, sondern als persönliches Scheitern“.Was Hochschulen tun könnenWatzke ergänzt, dass Konkurrenz und Leistungsdruck zu den stärksten Prädiktoren für psychische Probleme unter Studenten gehörten – und zwar fächerübergreifend. „Was wir etwa bei Medizinern sehen, ist der starke Drang nach Selbstoptimierung“, sagt er. Dieser äußere sich darin, dass Studierende auf Schlaf verzichten, sich sozial zurückziehen und manchmal auch nach Medikamenten und Drogen greifen. Verstärkt werde der Konkurrenzdruck durch soziale Netzwerke, in denen oft eine „heile Welt“ inszeniert werde, neben der man „im Vergleich immer schlecht aussehe“.Was also tun? Carla Marondel von der Bundesfachschaft fordert politische Konsequenzen. „Gerade weil psychischer Druck, Konkurrenzdenken und Einzelkämpfertum keine Randphänomene sind, sondern eng mit den Rahmenbedingungen des Studiums zusammenhängen, halten wir die derzeitige politische Behandlung dieser Fragen für unzureichend“, sagt sie.Psychologe Thomas Rigotti betont, dass die Situation für Hochschulen nicht bedeuten sollte, Leistungsansprüche abzusenken. Entscheidend sei vielmehr, ob Leistung fast ausschließlich über Rangplätze und soziale Vergleiche organisiert werde oder ob sie mit konstruktivem Feedback, Kooperation, Unterstützung und nachvollziehbaren Zukunftsperspektiven verbunden sei. „Ein gesundes Studienklima ist nicht anspruchslos. Es ist ein Klima, in dem Anspruch nicht dauerhaft in soziale Bedrohung umschlägt“, sagt er. Hochschulen beeinflussten durch Bewertungs-, Betreuungs- und Lernkultur wesentlich mit, ob unter Studierenden Kooperation oder Konkurrenz dominiere. Psychologe Watzke plädiert außerdem für niedrigschwellige soziale Angebote, Lernen und Zusammenarbeit auf Augenhöhe sowie anonyme Beratung.Hoher psychischer Druck im Studium führt jedoch nicht immer zwangsläufig zu Ellenbogenverhalten. Studien zu Stresserleben, sozialer Unterstützung und Peer-Gruppen legen ebenso nahe, dass sich Studenten unter Belastung oft auch gegenseitig stützen und in Lerngruppen organisieren, sich gewissermaßen als „Leidensgenossen“ beistehen.