Frau Professor Schnitzer, wenn Sie drei zentrale Punkte nennen müssten: Was muss sich in Europa ändern, damit wir mehr aus der KI herausholen, als wir es im Moment tun?Monika Schnitzer: Wir müssen erst einmal deutlich an Geschwindigkeit zulegen. Die KI entwickelt sich so rasant, dass wir nur mithalten, wenn wir selbst sehr viel schneller werden. Dafür müssen wir die entsprechenden Compute-Kapazitäten haben. Die haben wir bisher nicht: Wir verfügen über fünf Prozent der weltweiten Compute-Kapazität, aber über eine Wirtschaftsleistung von 20 Prozent.Wir bräuchten also eine eigene, entsprechende Kapazität. Das macht uns zugleich souveräner. Denn man muss sich darüber im Klaren sein: Heikle, sensible, sicherheitsrelevante Anwendungen will man nicht in den Händen von Eigentümern haben, die einem irgendwann vielleicht nicht mehr wohlgesonnen sind.Hinzu kommen die KI-Modelle, die auf diesen Kapazitäten entwickelt werden. Wir sind derzeit nicht in der Lage, Frontier-Modelle zu entwickeln. Es wird noch geraume Zeit dauern, bis wir den Abstand vielleicht wieder aufgeholt haben. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass wir den Zugang zu den allerfortschrittlichsten Modellen behalten, indem wir uns vertraglich entsprechend absichern. Das ist nicht ganz trivial, aber im Moment die wichtigste Voraussetzung, um mitzuhalten. Gleichzeitig müssen wir unsere eigenen Kapazitäten stärken, um an der Front voranzukommen.Und schließlich müssen wir die Gesellschaft mitnehmen. Meine große Sorge ist: Wenn sich die Gesellschaft überrollt fühlt, blockiert sie und sagt, wir wollen das in unserem Betrieb nicht einsetzen, wir fürchten um unsere Arbeitsplätze. Diese Sorgen muss man ernst nehmen, und man muss zeigen, dass sie unbegründet sein können.Das heißt aber auch: Die Unternehmen müssen aus der KI mehr machen als bloße Rationalisierung. Rationalisieren ist gut und wichtig. Aber die frei werdende Arbeitskraft kann man nutzen, um wirklich Neues zu entwickeln, neue Produkte, neue Dienstleistungen. Und genau die erzeugen dann Wachstum.Schaut man auf die internationale Politik, treiben die USA die KI mit aller Kraft voran, ebenso die Vereinigten Arabischen Emirate, die in großem Umfang investieren. In Europa geht Frankreich voraus. Sie sind nah an der Politik: Erkennen die Verantwortlichen, dass dies ein kritisches Thema ist? Und sehen Sie den nötigen Willen, wirklich zu investieren und die Weichen zu stellen? Wahlen gewinnt man damit vielleicht nicht, aber es ist eine Zukunftstechnologie, bei der man den Anschluss nicht verpassen darf.Hinter verschlossenen Türen gewinnt man durchaus den Eindruck, dass den Verantwortlichen klar ist, wie wichtig dieses Thema ist und dass sich an ihm entscheidet, wo wir in zehn, in 20 Jahren stehen. Aber im Alltagsgeschäft lässt man sich dann doch sehr schnell ablenken und fokussiert auf Dinge, von denen man glaubt, sie bestimmten mit, ob die AfD in den Umfragen zulegt oder nicht. Man hält sich also mit Diskussionen auf, die uns nicht wirklich voranbringen. Das muss sich ändern.Vor allem muss man diese Diskussion stärker in die Öffentlichkeit tragen, gerade um die Gesellschaft mitzunehmen und klarzumachen: Hier findet ein Wettlauf statt, den wir in dieser Form noch nicht erlebt haben. Bei der Digitalisierung hat man gedacht, lassen wir die anderen vorangehen. In der Plattformökonomie dachten wir, dass es ausreicht, wenn die Amerikaner die Plattformen zur Verfügung stellen. Solange wir noch gute Autos bauten, so der Gedanke, reiche das schon. Inzwischen sind diese Sphären so verknüpft, dass man gar nicht anders kann, als direkt mitzumachen.Das sieht man in anderen Ländern. Nehmen Sie das chinesische Unternehmen Xiaomi: Es hat mit Haushaltsgeräten angefangen, dann ein Smartphone herausgebracht und dann SUVs der Premiumklasse. Über ihr Smartphone verknüpfen sie all diese Produkte in einem Ökosystem, und das in einem Zeitraum von zehn Jahren. Bei uns hat man in dieser Zeit oft noch nicht einmal den Aktendeckel für das entsprechende Verfahren beschriftet.In Deutschland führen wir gerade eine Diskussion darüber, ob man KI überhaupt einsetzen darf. Dürfen Politiker sich ihre Reden von der KI schreiben lassen? Wie sehen Sie diese Debatte? Zeigt sie unseren Abstand zur Technologie, weil wir gedanklich noch gar nicht angekommen sind? Ich halte das offen gesagt für eine recht skurrile Diskussion. Da gibt es eine Technologie, die uns so viel besser machen kann, die hilft, in kurzer Zeit wirklich gute Reden zu schreiben, und dann reden wir sie schlecht und sagen, das dürfe nicht eingesetzt werden. Der entscheidende Punkt ist doch: Man steht mit seinem Namen für diese Rede. Und im Übrigen wurden Reden früher von Redenschreibern verfasst, das hat auch nicht jedes Mal der Ministerpräsident selbst getan. Auch dort bestand die Aufgabe darin, den Text noch einmal durchzugehen und sich zu fragen: Ist das genau das, was ich sagen will?Dieser Schritt muss natürlich auch hier erfolgen: prüfen, ob es das ist, was man sagen möchte. Aber das Schöne ist, dass die KI genau diese Leistung erbringen kann. Ich kann ihr sagen: Ich möchte eine Rede zu diesem Thema halten, das sind die Punkte, die mir wichtig sind, so soll sie wirken. Dann bekomme ich einen guten Vorschlag, den ich immer noch überarbeiten kann. Und ich habe mehr Zeit, mich um die wirklich wichtigen Dinge zu kümmern. Sich an dieser Stelle nicht helfen zu lassen, damit bleiben wir wirklich im vergangenen Jahrhundert.Wenn man überlegt, welche Chancen wir haben, um unsere wenig dynamische Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, fallen einem nicht viele ein. Wo würden Sie die KI einordnen? Ist sie die größte Chance der nächsten Jahre oder eine von vielen?Das ist mit Abstand die größte technologische Revolution seit der Erfindung der Elektrizität, davor der Dampfmaschine. In dieser Größenordnung müssen wir denken. Auch dort hat sich der wirtschaftliche Nutzen nicht sofort gezeigt. Es braucht immer organisatorische Veränderungen in den Unternehmen, damit eine Technologie voll wirken kann. Bei der Elektrizität hat es 30 Jahre gedauert, bis sie sich in den Zahlen deutlich niedergeschlagen hat. Beim Computer war es ähnlich. Ein berühmter Nobelpreisträger, Robert Solow, sagte einmal, man sehe die Computer überall, nur nicht in der Produktivitätsstatistik.Es braucht also eine gewisse Zeit. Aber wir reden über eine wirklich fundamentale Veränderung. Und was sie so fundamental macht: Die KI kann genutzt werden, um sich selbst zu verbessern. Ein Perpetuum mobile ist das noch nicht, ein wenig Energie muss man hineingeben. Aber ansonsten passiert so viel aus sich selbst heraus, dass wir nicht über lineares Wachstum nachdenken müssen. Da wächst wirklich etwas exponentiell, wenn wir es denn zulassen und uns darauf einlassen.Das ist vielleicht der spannendste, zugleich am wenigsten erforschte Aspekt: Wie sehr kann sich KI selbst verbessern? Ist die KI eine Innovationsmaschine, etwa für Medikamente oder Materialien? Ja, unbedingt. Das sehen wir schon heute, und das sagen auch die großen Unternehmen wie Anthropic oder Open AI selbst: Sie programmieren ihre KI nicht mehr von Hand, sondern nutzen KI, um die nächste Generation der KI zu entwickeln. Deshalb ist es so heikel, wenn wir nicht mithalten. Wer KI nutzt, wird in diesem Bereich sehr schnell sehr viel besser. Und wer jetzt nicht dabei ist, wird deutlich abgehängt. Wir liegen bei der Produktivität ohnehin schon hinter den USA zurück. Eine Zeit lang hatte sich der Abstand verringert, dann ist er wieder auseinandergegangen. Die Gefahr ist real, dass er sich jetzt deutlich vergrößert, wenn wir nicht sehr schnell handeln.Wenn man sieht, welche Bedeutung die Tech-Unternehmen für das Produktivitätswachstum und den Vorsprung der Amerikaner haben und wie sie ihre Produktivität gerade weiter steigern, dann ist eher mit einem Auseinandergehen der Schere zu rechnen.Das ist zu befürchten. Und umso wichtiger ist, dass wir uns nicht zurücklehnen und abwarten, sondern es aktiv angehen.KI ist Europas Jahrhundertchance. Gehen Sie mit?Ja, unbedingt.