Sonia lässt das Obst und Gemüse links liegen, sie schiebt ihren Einkaufswagen direkt zur Tiefkühltheke: Wildlachs, knapp ein Kilo, 10,35 Dollar. „Was für ein Angebot“, schwärmt sie. „Woanders müsste ich dafür das Doppelte bezahlen.“Die US-Brasilianerin, Mitte 50, wohnt gleich um die Ecke. Sie hat die Tage gezählt, bis sie endlich hier einkaufen kann: bei Aldi Süd – im ersten Markt des Discounters in Midtown Manhattan. 2300 Quadratmeter, 42. Straße, nur wenige Schritte entfernt vom Times Square. Willkommen in einer der wohl teuersten Supermarktadressen der Welt.Seit 50 Jahren betreibt der deutsche Discounter Filialen in den USA. Nun will Aldi das Herz der Hauptstadt des Kapitalismus erobern. Der Zeitpunkt könnte kaum besser sein.Lebensmittel wurden in den USA deutlich teurer. Aldi wirbt mit frischem Obst und Gemüse im neuen Store. Foto: REUTERSTomaten kosten 40 Prozent mehrSteigende Lebenshaltungskosten gehören laut Umfragen zu den größten Sorgen der Amerikanerinnen und Amerikaner – und die Zahlen geben ihnen recht. Eine Analyse des US Bureau of Labor Statistics zeigt: Die Lebensmittelpreise sind in den vergangenen fünf Jahren um rund 30 Prozent gestiegen. Besonders drastisch zuletzt: Obst und Gemüse plus sechs Prozent binnen eines Jahres, Kaffee plus 18,5 Prozent, Tomaten sogar plus 40 Prozent. Die Gründe: Donald Trumps Zollpolitik, kriegsbedingte Lieferkettenprobleme, klimabedingte Ernteausfälle.Deutsche Discounter wollen davon profitieren. Neben Aldi Süd setzten auch Lidl sowie Aldi Nord über seine Kette Trader Joe’s auf preissensible US-Kundinnen und ‑Kunden – und davon gibt es immer mehr, wie sich an diesem Freitagmorgen in Manhattan zeigt.Hunderte Menschen warten vor dem Eingang, die Schlange zieht sich über den gesamten Häuserblock und noch einmal um die Ecke. Manche Leute haben sich Klappstühle mitgebracht, um die Zeit vom frühen Morgen bis zur Eröffnung um 8:30 Uhr zu überbrücken.Gaby, 27, steht ganz vorn in der Schlange, sie hat sich den Platz seit neun Uhr am Vorabend abwechselnd mit ihrer Freundin Diana, 44, gesichert, auch in der Hoffnung, einen der Einkaufsgutscheine im Wert von bis zu 100 Dollar zu ergattern.3200Filialenwill Aldi bis Ende 2028 in den USA eröffnen„Ich werde mitnehmen, was ich tragen kann“, sagt Gaby, sie habe eine fünfjährige Tochter, die versorgt werden müsse. Weil Obst und Gemüse so teuer seien, esse sie oft Ramen-Suppe aus der Tüte. „Ich will hier ein paar frische Sachen kaufen“, so Gaby, aber auch: „Chips und Saft.“13 Filialen betreibt Aldi bereits in New York City, in East Harlem, Queens, Brooklyn und Staten Island. 2600 Läden sind es landesweit, allein in diesem Jahr wurden 60 neue Aldi-Märkte eröffnet, weitere 120 sollen noch bis Ende 2026 folgen. Bis 2028 wollen die Mülheimer hier neun Milliarden Dollar investieren, das Ziel: 3200 Filialen. Damit springt Aldi auf Platz zwei der größten Supermarktbetreiber in den USA – doch kein Shop liegt so zentral wie der neue in Manhattan.Aber Moment, ist es nicht absurd, dass ausgerechnet ein Discounter einen Flagshipstore an einer der teuersten Ecken der Welt aufmacht, obwohl strikte Kostenkontrolle sein Erfolgsrezept ist?„Nein – das ist eine kluge Strategie“, sagt Jan-Benedict Steenkamp, Professor an der Kenan-Flagler Business School in North Carolina und Experte für Lebensmitteleinzelhändler. Denn der Wettbewerb unter den Discountern verschärfe sich, Aldi könne mit der prominenten Adresse jetzt auf einen Leuchtturm-Effekt setzen: Nicht nur aus dem Ausland, sondern auch aus den USA würden viele Touristen an den Times Square kommen und Aldi dann womöglich erstmals ausprobieren. Wer Gefallen daran finde, gehe später womöglich auch in seiner Heimat zu Aldi.Fast jeder dritte US-Haushalt kauft bei Aldi„Start spreading the news“, singt Frank Sinatra passenderweise aus den Lautsprechern vor dem Eingang. Rund 18.000 Menschen leben rund um den Times Square, rund 50 Millionen besuchen die Ecke jedes Jahr, hervorragende Aussichten für Thomas Cockburn, Aldis Bezirksleiter in New York. Die lange Schlange kennt er von seinen anderen Filialen.Im vergangenen Jahr habe bereits jeder dritte US-Haushalt bei Aldi eingekauft, so eine Aldi-Sprecherin. In Zeiten wirtschaftlichen Drucks würde die Zahl der Erstkunden besonders signifikant wachsenJeder dritte US-Haushalt kauf bei dem deutschen Discounter ein. Foto: REUTERSAldis Sortiment besteht zu 90 Prozent aus Eigenmarken, insgesamt gibt es weniger als 2000 Artikel. Genau mit diesem Ansatz will Aldi auch gegen die sogenannten Vollsortimenter konkurrieren, die im Schnitt zwischen 32.000 und 40.000 Artikel führen.Mit ihrem fokussierten Angebot könnten die Mülheimer die Preise des Marktführers Walmart im Schnitt um 8,3 Prozent unterbieten, zeigt das Verbraucherportal Consumer Reports. „Aldi gehört damit zu den wenigen Händlern in den USA, die preislich mit Marktführer Walmart konkurrieren können – und ihn in einigen Bereichen sogar unterbieten“, sagt Heiko Stumpf von der Wirtschaftsförderungsagentur Germany Trade and Invest.IT-Abteilung „Aldi DX“ Stellenabbau in Mülheim – Aldis künftiges Wachstum kommt aus dem Ausland Erst Buchhaltung, Personal, Einkauf. Und jetzt IT: Der Discounter Aldi Süd baut in Mülheim an der Ruhr massiv Stellen ab. Dafür wächst die neue internationale Holding in Salzburg. von Stephan KniepsAldi baut aber nicht nur neue Filialen auf, sondern ein Teil der Expansion geht zurück auf die Übernahme der US-Ketten Winn‑Dixie und Harvey’s Supermarket 2023. Die zusammengenommen 400 Märkte haben ihren Schwerpunkt im Südosten der Vereinigten Staaten und werden sukzessive in Aldi-Stores umgewandelt.Der Start 1976 in Iowa City war allerdings holprig – und im Plastiktütenland USA mit einem regelrechten Kulturschock verbunden: „Wir haben keine Taschen. Bringen Sie bitte Ihre eigene Box oder Tasche mit“, hieß es in einer ­Aldi-Werbung in der örtlichen Tages­zeitung „Iowa City Press“. Dazu kamen die schlichten Läden, Pfand auf Einkaufswagen, eine stark begrenzte Produktauswahl und Waren, die teilweise noch auf Paletten präsentiert wurden. Doch mit anziehender Inflation wurden die Schwächen zu Stärken.In der Regel bieten zwar auch andere US-Supermarktketten wie Walmart, aber auch Kroger, Albertsons und Target Discount-günstige Produkte an – aber die Versuchung, in jenen Geschäften das oft teurere Markenprodukt zu kaufen, ist natürlich viel höher als in einem Aldi, der das teure Markenprodukt im Zweifel gar nicht führt.Allerdings hat die US-Konkurrenz immer noch weitaus größere Marktanteile. Laut der Beratungsfirma Kearney entfallen auf Aldi nach wie vor nur etwa vier Prozent der Lebensmittelausgaben in den USA – Walmart kommt auf einen Marktanteil von rund 20 Prozent. Und auch bei den Umsätzen zeigen sich noch große Abstände: Marktführer Walmart setzte 462,4 Milliarden US-Dollar um, Konkurrent Kroger kam auf 147,6 Milliarden Dollar.Balea, Alverde & Co. So läuft das stille Geschäft mit den Handelsmarken Handelsmarken verkaufen sich inzwischen besser als große Namen. Die Hersteller expandieren im Schlepptau von Aldi und dm – und ihre Diskretion tritt langsam hinter ihr Selbstbewusstsein zurück. von Nele Antonia HöflerAldi veröffentlicht keine länderspezifischen Umsatzzahlen, aber die Investmentbank Morgan Stanley schätzte den Umsatz von Aldi in den USA im vergangenen Jahr auf 30 Milliarden US-Dollar – weniger als die Hälfte des Umsatzes der Supermarktkette Albertsons. Aber: In einer Zeit stagnierender Lebensmittelumsätze verzeichne Aldi, so hebt die Bank hervor, ein zweistelliges prozentuales Wachstum – entsprechend selbstbewusst treten die Mülheimer auf.„Wir wissen nicht, wo die Obergrenze liegt“, sagte Scott Patton, Chief Commercial Officer von Aldi USA, kürzlich gegenüber der „Financial Times“: „Wir versuchen, jedem, der Lebensmittel verkauft, Marktanteile abzunehmen.“Aldi und Lidl in den USA Just a Lidl bit of Wachstum Während der deutsche Discounter Aldi in den USA stark expandiert, kommt Lidl nicht vom Fleck. Wie ­geduldig ist die Schwarz-Gruppe? von Stephan KniepsAldi Nord betreibt mit Trader Joe’s wiederum eine regelrechte Kultmarke in den USA. Während Aldi Süd am Times Square genauso aussieht wie eine Filiale in Niederkassel oder Gunzenhausen, setzt Trader Joe’s auf Holz, handbemalte Schilder und Mitarbeiter, die Hawaiihemden tragen.Jetzt gibt's Konkurrenz von Zohran Mamdani„Trader Joe’s setzt auf ein einzigartiges Konzept und genießt eine außergewöhnlich hohe Kundenloyalität“, erklärt Barbara E. Kahn, Professorin für Marketing und Retail-Expertin an der Wharton School. Aldi und Lidl würden in den USA hingegen weniger über das Einkaufserlebnis konkurrieren, sondern über die niedrigen Preise. Lidls Vorteil: Der shopinterne Backshop. Ein Croissant kostet dort nur 49 Cent statt fünf Dollar.Doch New Yorker Discounter müssen sich jetzt auf eine ganz neue Konkurrenz einstellen: Bürgermeister Zohran Mamdani will in allen fünf Stadtteilen einen staatlich finanzierten Supermarkt eröffnen. Basislebensmittel wie Brot und Eier sollen dort durch Subventionen künstlich niedrig gehalten werden, 2029 soll die erste Filiale in East Harlem eröffnen, bisher sind 30 Millionen Dollar für den Bau eingeplant.„Das wird eine Katastrophe“, warnt Handelsexperte Steenkamp, „der Staat ist nicht der bessere Unternehmer – und die Geschichte zeigt, wie kläglich andere Versuche dieser Art gescheitert sind.“ Zudem seien die vermeintlich niedrigen Preise Populismus: „Denn die Rechnung müssen am Ende trotzdem die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler zahlen.“Die US-Brasilianerin Sonia ist derweil froh über den neuen Aldi vor der Haustür, nachdem sie bisher immer nach Staten Island rübergefahren ist. Mehr als der Lachs landet heute trotzdem nicht in ihrem Wagen, der Markt ist jetzt ja gleich um die Ecke, wenn sie wieder etwas braucht. Tüten muss sie für ihren Einkauf heute aber nicht mehr mitbringen. Die gibt's jetzt für jeden an der Kasse.