Christoph Müller und Marc Schetelig erleben unsichere Wochen. Zwar konnten der Pflanzenökologe und der Insektenbiotechnologe erst vor wenigen Wochen das Liebig Centre als erstes UN-Institut für Klimafolgenforschung an einer deutschen Hochschule in Betrieb nehmen. Allerdings haben die an der Universität Gießen tätigen Professoren gleichzeitig um die weitere Finanzierung der Grundlage ihrer Arbeit gebangt. Sie und ihre Mitarbeiter brauchen permanent Geld für die Arbeit in der einzigartigen Klimaforschungsanlage in Linden nahe Gießen.In der Vergangenheit kam dieses Geld vom Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie. Doch in diesem Jahr fehlen dem Landesamt nach Informationen der F.A.Z. dafür die Mittel. Die Forscher werden aber nicht leer ausgehen: „Das Landwirtschafts- und Umweltministerium springt ein, um die Finanzierung zu sichern“, heißt es in Wiesbaden. Die Rede ist von jährlich etwa 100.000 Euro.Pflanzenökologe Müller hat diese Nachricht im Gespräch mit der F.A.Z. erleichtert aufgenommen. Sie kommt rechtzeitig vor dem Tag der offenen Tür an diesem Freitag. „Generell sind wir auf eine langfristige Finanzierung angewiesen“, sagt Müller. Schließlich müssten der Klimawandel und seine Folgen für die Landwirtschaft in Deutschland und anderswo auch langfristig erforscht werden. Für die Anlage in Linden verfüge die Uni Gießen vor diesem Hintergrund über einen bis 2029 laufenden Vertrag. Die jährlichen Überweisungen aus Wiesbaden hätten in den vergangenen Jahrzehnten auch nicht infrage gestanden – ungeachtet eines Hinweises im Vertrag, nach dem der Zuschuss unter dem Vorbehalt der jeweiligen Finanzlage stehe.Liebig Centre in Linden als „Ort der Hoffnung“Angesichts der angegriffenen Kassenlage beim Land, Kürzungen im Budget des Landesamts und des Sparzwangs aus dem Hochschulpakt machte sich unter den Forschern aber Unsicherheit breit. Dies kam auch Mitte Mai während der Feierstunde für das Liebig Centre zur Sprache. Schetelig nutzte die Anwesenheit von zwei Staatssekretären des Bundes und des Landes und drückte seine Hoffnung auf Zuschüsse auch in der Zukunft aus. Zuvor hatte Rita Schwarzelühr-Sutter vom Klimaschutzministerium in Berlin die Lindener Anlage als „Ort der Hoffnung“ gelobt.Staatssekretär Daniel Köfer vom Landwirtschaftsministerium in Wiesbaden sprach von einer „engen Verbindung von Forschung und Anwendung“ durch die Gießener Wissenschaftler und pries das Liebig Centre als „starkes Signal für die Landwirtschaft der Zukunft“. Nun teilt das Ministerium mit: „Das Land will die erfolgreiche Arbeit fortsetzen, das stand nie infrage.“Die Klimaforschungsanlage besteht seit 1998. Ähnlich alt sei nur eine vergleichbare Einheit in den Vereinigten Staaten, sagt Müller. Die Station verfügt nach seinen Angaben über einen auf der Welt einzigartigen Datenschatz. Dort simulieren der Pflanzenökologe und sein Team unter anderem Umweltbedingungen für Pflanzen, wie Wissenschaftler sie im Jahr 2050 erwarten. Sie versorgen Pflanzen stetig mit zusätzlichem Kohlendioxid und untersuchen die Folgen für ihr Wachstum und das Leben im Boden. Die Forscher nutzen dazu stabile Isotope, das sind nicht radioaktive Teilchen, die wegen ihrer besonderen Eigenschaften für Umweltstudien eingesetzt werden und für Arbeiten, welche die Güte des Bodens verbessern sollen.Mehr Kohlenstoff im Boden führt zu mehr Lachgas in der LuftAn dieser Stelle kommt die Internationale Atomenergiebehörde der Vereinten Nationen ins Spiel. Mit der Behörde arbeiten die Gießener Forscher seit zehn Jahren in mehreren Projekten zusammen. Sie liefert laut Müller die Standards für solche Isotope. In der Folge könne sein Team nachweisen, welches Kohlendioxid natürlichen Ursprungs sei und welches durch die von Menschen veranlasste Verbrennung von Gas, Erdöl oder Kohle entstanden sei. Aus dieser langfristigen Kooperation ist das Liebig Centre entstanden, an dem sich auch die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen beteiligt.Die Auenwiesen, auf denen die Anlage eingerichtet worden ist, waren nach Angaben der Wissenschaftler schon vor der Inbetriebnahme 1998 über viele Jahrzehnte nicht gedüngt worden. Insofern unterlagen sie nur den Umwelteinflüssen. Der Mensch hat demnach die Beschaffenheit der Böden und der Lebewesen darin nicht durch zusätzliche Eingriffe verfälscht. Mit ihrer Arbeit konnten die Forscher unter anderem nachweisen, dass weiter steigende Kohlendioxidgaben zwar Pflanzen im Prinzip stärker wachsen lassen. Die Qualität der Pflanzen leide aber, Kühe müssten mehr Gras fressen.Hinzu kommt: Wenn eine Pflanze mehr Kohlenstoff aufnehme, gebe sie auch mehr davon nach unten ab. Kohlenstoffverbindungen dienten als Nahrung für Mikroben. Diese Kleinstlebewesen verarbeiteten mehr Nitrat und gäben in der Folge mehr Lachgas ab. Das sei schlecht für die Umwelt. Denn Lachgas ist rund dreihundertmal klimaschädlicher als Kohlendioxid, wie Müller sagt.